Weimars Schlossglanz kehrt zurück: Ein Aufstieg zur Hochkultur
Über viele Jahre hinweg ist das Schloss in Weimar in einen Dornröschenschlaf versunken. Die letzten Räume schlossen 2018 ihre Türen. Ursprünglich sollte der „Kosmos Weimar“ zu dieser Zeit eröffnen und nicht nur die Geschichte von der Renaissance bis in die Gegenwart erzählen. Immer wieder wurde das Konzept auf den Prüfstand gestellt und schließlich kam Corona. „Vieles hat sich seit der Pandemie nicht mehr erholt“, erklärt Sebastian Dohe, Kurator im Schloss und zuständig für das Thema Weimarer Klassik.
50 Gewerke sind derzeit auf der Großbaustelle tätig. Materialknappheit, globale Lieferketten und fehlende Handwerker bringen Unberechenbarkeiten mit sich. Nicht alles kommt, wie es bestellt war. Dazu stiegen die Baukosten um 50 Prozent. Mit „es stottert“ beschreibt Dohe die Situation knapp. Trotzdem hat er den Humor und die Nerven nicht verloren und arbeitet konzentriert mit Ausstellungsgestaltern und Kollegen, um Anfang Oktober pünktlich den Ostflügel der Vierseitenanlage zu eröffnen.
Vorgestellt wird die Weimarer Klassik, die Hochkultur, die ihre Ideale an den Griechen und Römern schulte. Geläutert und tief beeindruckt kehrte Goethe 1788 aus Italien zurück. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, schrieb er am Anfang seines Gedichts „Das Göttliche“. Die Zeile wird zum Leitsatz der Weimarer Klassik.
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Der Festsaal im Weimarer Schloss: Die schmalen Galerien an den Seiten werden von ionischen Säulen getragen.
© Felix Nehrdich
Das Schloss der Weimarer Herzöge hatte 1774 durch einen Brand großen Schaden genommen. Beim 1789 begonnenen Wiederaufbau berief Großherzog Carl August auch den aus Italien zurückgekehrten Goethe in die Schlossbaukommission. Der Bau sollte sich an den neuen architektonischen Formen des Klassizismus orientieren. Deshalb wurden namhafte Architekten dieses Baustils nach Weimar geholt, um dem Ensemble eine humanistische Gesinnung einzuschreiben. Dieser Gedanke überträgt sich heute noch. Nach dem Eintritt in die neu gestaltete untere Etage erleben die Besucher einen besonderen Moment.
Der Empfindung, zu etwas Erhabenem aufzusteigen, kann sich kaum jemand entziehen, der die geschwungene Treppe im Weimarer Stadtschloss betritt. Als Kontrast zur Schwere des Eingangs schuf der Berliner Baumeister Heinrich Gentz im großen Vestibül mit der Treppe etwas Leichtes. Flankiert wird der Aufstieg durch wohlproportionierte Säulen und Figuren. Darüber eine Kuppel mit der Imagination permanent scheinenden Sonnenlichts, die den Eintritt in eine besondere Sphäre verheißt.
„Eine Gefühlsdramaturgie in Abfolge“
Oben, direkt vor dem Festsaal, begrüßt Zeus die Gäste. Der olympische Göttervater steht stellvertretend für Großherzog Carl August, der – wie seine Nachfolger – an dieser Stelle das Staatsmännische zelebrierte und hohe Gäste empfing. „Das Treppenhaus war für große Anlässe gedacht, eine Gefühlsdramaturgie in Abfolge“, sagt Dohe. Großherzogin Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach übernahm diese Funktion in den Napoleonischen Kriegen. „Luise steht dort auf der Treppe ihre Frau. Napoleon war bei seinem Aufstieg so beeindruckt, dass er die Plünderung von Weimar eingestellt haben soll“, erzählt der Kurator lächelnd.
Danach erreichen die Besucher den Festsaal, den Höhepunkt der Inszenierung. Die schmalen Galerien an den Seiten werden von ionischen Säulen getragen. Kräftige Gelbtöne und Gold unterstreichen das Glanzvolle des Raumes. Der Schmuck an den Wänden vermittelt Bildung und kulturelle Werte, denen sich das Weimarer Fürstenhaus zugehörig fühlte. Dohe nennt die Mischung aus ägyptischen Zeichen und antiken Friesen das „Amalgam von Hochkultur“.
Der Saal diente nicht nur in Zeiten der fürstlichen Herrschaft wichtigen Staatsempfängen. Auf einer Tafel wird auf die 5. Deutsch-Russischen Regierungskonsultationen 2002 verwiesen. Am runden Tisch saßen sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin gegenüber, um über Altschulden und internationale Politik zu reden.
Der Aufstieg zum Olymp: das Gentzsche Treppenhaus. Oben, direkt vor dem Festsaal, begrüßt Zeus die Gäste.
© Felix Nehrdich
Ohne Goethe ging es auch bei der Ausgestaltung der neuen Schlossanlage nicht. In Rom hatte er eine Reihe deutscher Künstler kennengelernt, die sich in ihrer Bildsprache auf die Antike bezogen. Für das Plastikprogramm nach ebendiesem Vorbild gab es Anregungen. Der Berliner Bildhauer Christian Friedrich Tieck, der später die Bauplastik an Schinkels Schauspielhaus und am Alten Museum für die Preußen in Berlin schuf, setzte es um. Nicht nur durch Tieck gingen wichtige Impulse für die Entwicklung des Klassizismus von Weimar aus. Das Gentzsche Treppenhaus gehört zu den Höhepunkten dieser Architektur und schon deshalb lohnt ein Besuch im Residenzschloss.
Die ehemaligen Repräsentationsräume, die den Festsaal umgeben, wurden im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Ursprüngliche Wanddekorationen, die intarsierten Fußböden, Kronleuchter und Öfen sind erhalten geblieben und bedurften einer umfassenden Aufarbeitung, um die Pracht wieder sichtbar zu machen. Die Raumfassungen stammen größtenteils von Nicolaus Friedrich Thoret um 1800. Er bevorzugte reiche, plastische Stuckverzierungen mit antiken Motiven. „Wir konnten bei der Sanierung auf eine tolle Fotodokumentation zurückgreifen“, so Dohe.
Gesprächsthemen von der Wand geliefert
Im ehemaligen Speisezimmer der fürstlichen Familie finden sich an der Decke Malereien mit Hühnern, Enten und anderem essbaren Geflügel, an den Wänden Kopien barocker Gemälde aus der Dresdner Gemäldegalerie mit antiken Szenen. Dohe erzählt, dass beim Essen nicht über Politik oder Ähnliches geredet werden durfte. Als Anregung dienten die Bilder, die die Konversation im Fluss halten sollten. Das Thema wurde quasi von der Wand geliefert. In der Mitte des Raumes steht jetzt ein großer Tisch, an dem man 15 zentrale Fragen zur Klassik stellen kann, die laut beantwortet werden. Hier beginnt der Rundgang durch die Räume.
Das Ahnenzimmer vereint die Porträts von Frauen, die zum Weimarer Fürstenhaus gehörten. „Sie sind nicht miteinander verwandt“, betont der Kurator und verweist auf einen anderen Zusammenhang der ungewöhnlichen Präsentation. In der Mitte Anna Amalia, die einzige, die den kleinen Staat nach dem Tod ihres Mannes bis zur Volljährigkeit des Prinzen regiert hat. Sie hat durch geschickte Politik Dichter und Denker nach Weimar geholt, den Musenhof geschaffen und verlieh ihm Bedeutung.
Daneben Maria Pawlowna, russische Zarentochter und Enkelin Katharinas der Großen. Sie förderte im Besonderen die Künste und begründete das „Silberne Zeitalter“ mit Franz Liszt als Fixstern. Ihre Schwiegertochter Sophie stiftete zahlreiche soziale Einrichtungen und das Goethe-Schiller-Archiv, das älteste Literaturarchiv Deutschlands. Weimar wurde damit zum Nachlassverwalter der klassischen deutschen Literatur. Die Fürstinnen haben unabhängig von der Exekutive früh dafür gesorgt, dass Weimar zu einem nationalen Kulturträger wird und seine Bedeutung aus der Bewahrung des kulturellen Erbes generiert.
Die ehemaligen Repräsentationsräume, die den Festsaal umgeben, waren im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört.
© Felix Nehrdich
Die Ästhetik der Klassik entfaltet sich nicht nur durch die Raumgestaltung. In einer Vitrine werden Bücher präsentiert, die diese Position manifestieren, darunter Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ oder Karl Philipp Moritz’ „Über die bildende Nachahmung des Schönen“. Goethe hatte den Schriftsteller in Rom kennengelernt und schloss Freundschaft mit ihm. Ein Porträt von Winckelmann, dem Begründer der Archäologie und Kunstgeschichte, sowie die Laokoon-Gruppe sind zu sehen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Rom ausgegraben wurde.
Um antike Kunst populär zu machen, schrieben die „Weimarer Kunstfreunde“ Preisaufgaben aus, die der griechischen Mythologie verpflichtet waren – mit Homer als Schlüsselfigur. Dieser Wettbewerb scheiterte nach einem Jahrzehnt an der Weigerung der Romantiker, sich ausschließlich am antiken Ideal zu orientieren. Caspar David Friedrich hatte sich vorher mit zwei Zeichnungen beteiligt, die – entgegen dem höfischen Zeitgeschmack – in Weimar Bewunderung auslösten. Sowohl Goethe als auch Großherzog Carl August entdeckten den jungen Maler. Der Fürst kaufte im Atelier des Künstlers in Dresden mehrere Ölgemälde, die lange Zeit in den Privatgemächern der Familie hingen und erst 1909 ins Museum überführt wurden. Den Romantikern ist ein eigener Raum gewidmet.
Erschließung in weiteren Etappen
Das erste Denkmal der Weimarer Klassik wurde von Maria Pawlowna im Schloss errichtet. Die nächste Generation kümmerte sich um das Erbe im Außenraum: Goethe und Schiller auf dem Theaterplatz oder das Reiterstandbild für Carl August auf dem Platz der Demokratie, das an die großen Reiterfiguren der Renaissance anknüpft. „Dann kommt das Nationale dazu. Goethe und Schiller werden zur Nationalliteratur, ihre Balladen werden in Schulen gelernt“, so Dohe.
Im letzten Raum des Rundgangs durch die Weimarer Klassik empfängt das Monumentalgemälde „Hohes Sinnen“ von Sascha Schneider. Ein halbnackter, durchtrainierter Mann steht gelassen auf einem Podest – das Ideal eines Körpers, der seine Prägung im antiken Griechenland erfahren hat. Das Gymnasium, der Ort, in dem nackt geturnt wurde, ist unter ihm angedeutet. Nach Griechenland geht sein Blick. Dohe hat vor dieses Bild den Thron des letzten Weimarer Fürsten gestellt.
Der Ostflügel ist der erste Teil des Weimarer Schlosses, der neben den Dichterzimmern und der Schlosskapelle für die Öffentlichkeit zugänglich ist. In Etappen sollen bis über 2030 hinaus weitere Teile erschlossen werden.
Unter dem Motto „Das Weimarer Stadtschloss öffnet seine Türen“ lädt die Klassik Stiftung vom 2. bis 4. Oktober zu einem Fest mit Besichtigung und vielen Veranstaltungen. Weitere Informationen unter: klassik-stiftung.de/oeffnen
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