Weltkriegssoldat aus Hessen bekommt nach 86 Jahren Grabstein in England
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Vor 86 Jahren getötet Weltkriegssoldat aus Hessen bekommt einen Grabstein in England
Im Zweiten Weltkrieg ist der Bischofsheimer Soldat Wilhelm Reuhl in England ums Leben gekommen. Dorfbewohner beerdigten ihn und pflegten jahrelang das Grab des ehemaligen Feindes. Dort stand lange nur ein Holzkreuz - nun wurde es nach fast 90 Jahren durch einen Grabstein ersetzt.
Wilhelm Reuhl starb mit nur 20 Jahren (hier im Alter von 17 Jahren), nun fand im englischen Porlock eine Gedenkstunde an seinem Grab statt. Bild © privat, Commonwealth War Grave Commission, Collage: hessenschau.de
Auf dem Dorffriedhof im südenglischen Porlock stehen mehrere Menschen um einen schlichten, frisch errichteten Grabstein herum. Er ziert die letzte Ruhestätte eines deutschen Weltkriegssoldaten: Wilhelm Reuhl aus Bischofsheim, das heute zu Maintal (Main-Kinzig) gehört.
Dorfbewohner sorgen für würdiges Grab
Die Geschichte, die dieser Grabstein repräsentiert, ist nicht die Geschichte eines ausgezeichneten Kriegshelden. Es ist vielmehr die Geschichte eines jungen Mannes, der zu früh in einem sinnlosen Krieg mit zig Millionen Toten sein Leben ließ. Es ist aber auch eine Geschichte von Freundschaft und Aussöhnung.
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01:05 Min.|hessenschau.de (Uwe Gerritz)
Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite
Am 27. September 1940 wird ein Aufklärungsflugzeug der deutschen Luftwaffe nahe Porlock beschossen. Die beschädigte Ju88 geht am Strand nahe dem Ort nieder. Von den vier Besatzungsmitgliedern überleben drei den Abschuss, nur der 20 Jahre alte Wilhelm Reuhl nicht. Die Dorfbewohner bereiten ihm ein würdiges Begräbnis auf dem Dorffriedhof.
Enger Kontakt zur Familie nach dem Krieg
Jahrzehntelang pflegen sie das Grab des ehemaligen Feindes. Zwischen ihnen und der Familie des Getöteten entstehen nach dem Krieg enge Freundschaften. "Das von den Briten gezeigte Mitgefühl ist bewundernswert", schreibt Sabine Reuhl, eine Tochter des Bruders des Getöteten, in einem Brief.
Die Menschen von Porlock hätten sich um das Grab des Bischofsheimers gekümmert, als wäre er einer der ihren gewesen, obwohl er als Feind gekommen war. "Wann immer wir bei Besuchen in ungezwungenen Gesprächen erwähnten, dass wir Verwandte von Wilhelm Reuhl seien, kannten alle die Geschichte und den Ort seines Grabes."
Nach 86 Jahren Holzkreuz nun ein Grabstein
In den letzten 86 Jahren markierte nur ein Holzkreuz das Grab, mehrfach wurde es ersetzt. Gemeinsam mit der Kriegsgräberkommission des Commonwealth (CWGC) sorgte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. mit Sitz im nordhessischen Niestetal dafür, dass vergangene Woche der Grabstein errichtet wurde.
"Die Atmosphäre war außergewöhnlich herzlich und freundschaftlich - eine Blaupause für Versöhnung nach einem Krieg", beschreibt der Generalsekretär des Volksbundes, Dirk Backen, die Gedenkstunde. "Ich war erstaunt, wie sehr diese Geschichte inzwischen zur Ortskultur gehört."
Die Menschen von Porlock beerdigten den feindlichen deutschen Soldaten wie einen aus ihrer Dorfgemeinschaft. Bild © Deutsche Botschaft London
Gerechnet habe er nur mit einer Handvoll Menschen, es seien aber viel mehr gekommen. Auch einige deutsche Touristen seien darunter gewesen, die aus dem örtlichen Blättchen davon erfahren hatten.
"Es wurden viele gute Gespräche geführt", sagt Backen. Auch das Echo in den Sozialen Medien sei sehr positiv gewesen. Selbst der Fernsehsender BBC1 habe darüber berichtet.
Mehr als 300 Einzelgräber auf der Liste
Der Grabstein ist nicht allein eine optische Aufwertung. "Es ist jetzt ein offizielles deutsches Kriegsgrab, das von der Commonwealth War Grave Commission verwaltet und mitgepflegt wird", so Backen. Und es soll nicht das einzige bleiben.
Um 327 in einer Liste verzeichnete, auf der ganzen Insel verteilte Einzelgräber will man sich kümmern. "Da muss man schauen: Wo sind die? Müssen wir da etwas tun?" Das Grab des Hessen Wilhelm Reuhl war der Auftakt dafür.
Es geht nicht ums Vergessen
"Es ist eigentlich eine ziemlich einfache Geschichte", sagt Backen, "und doch gleichzeitig offenbar eine der schwersten der Menschheit, nämlich: Wie macht man Frieden nach einem Krieg?" Es gehe nicht darum zu vergessen, es gehe vielmehr darum, gemeinsam eine bessere Zukunft zu gestalten.
Wer Krieg verstehen wolle, müsse sich auch die andere Seite ansehen und die Kriegsgräber der ehemaligen Gegner besuchen. "Erst dann versteht man das Ausmaß dessen, was der Krieg verursacht hat."
Familie wollte keine Umbettung
In England wurden die meisten deutschen Toten in den 1960er Jahren auf den Friedhof Cannock Chase bei Birmingham umgebettet. Die Familie von Wilhelm Reuhl wollte das nicht. Sie hatte inzwischen enge Bande mit den Menschen von Porlock geknüpft.
Auf Wunsch der Familie blieb das Grab in dem kleinen Ort nahe der englischen Küste. Generalsekretär Backen sagt: "Das Ganze ist eine Erzählung darüber, wie ein einzelnes Grab Botschaften des Friedens über den Kanal senden kann."