Weltlehrertag: Erinnerungen an unsere liebsten Lehrkräfte

In einem Klassenzimmer sitzt eine Gruppe von Kindern auf dem Boden und hört aufmerksam einer Lehrperson zu, die ein Spielzeugflugzeug in der Hand hält. Im Vordergrund ist ein großer Abakus sichtbar, der das Bild teilweise verdeckt. Im Hintergrund hängen bunte Haftnotizen an einer Tafel.
Die STANDARD-Redaktion erinnert sich an ihre Pädagoginnen und Pädagogen. (Symbolbild).

In Geschichten aus der eigenen Schulzeit kommt immer mindestens einer oder eine von ihnen vor. Meistens ist es etwa der eine Gymnasialprofessor, der vor Jahrzehnten die Hauptschuld am versauten Zeugnis getragen hat. Oder die eine Mittelschullehrerin – berühmt-berüchtigt für ihre schweren Stundenwiederholungen – die einem damals an diesem einen Freitag in der dritten Klasse Unterstufe den Schummler aus den Händen riss. Dann wird meistens gern und breit lamentiert, wie besonders fies, streng oder unfair diese Lehrkräfte doch waren. Und wie froh man doch sei, dass die Schule endlich hinter einem liegt.

Seltener werden bei solchen Gelegenheiten auch Geschichten von jenen Pädagoginnen und Pädagogen ausgepackt, die einen positiv geprägt haben. Erinnerungen an die eine humorvolle Lehrerin mit dem freundlichen Lächeln oder den einen Lehrer mit dem kreativen Unterricht eignen sich nicht immer für die unterhaltsamsten Erzählungen.

Die STANDARD-Redaktion hat daher an diesem Weltlehrertag Anekdoten ihrer besten und liebsten Lehrerinnen und Lehrer aus ihrer Schulzeit zusammengetragen. Über einen Beruf, der viel Verantwortung mit sich bringt – und viel zu selten gewürdigt wird.

Je ne parle pas français!

Der erste Satz, den ich auf Französisch beherrschte, bedeutet übersetzt: "Ich kann kein Französisch". So holprig war mein Einstieg vor gut zehn Jahren. Das war nicht unbedingt der Sprache geschuldet. In meiner anfänglich lauten Klasse ließen sich komplizierte Grammatik und konfuse Aussprache nur eben noch schwerer lernen. Meine Französischlehrerin hat es innerhalb eines Jahres dennoch geschafft, mich von einer Fünferkandidatin zur Einserschülerin zu machen: mit motivierenden Worten, guten Filmen und eingängigen Liedtexten. Plötzlich war es spannend, welcher Papa in "Papaoutai" gesucht wurde und warum bei "Monsieur Claude und seine Töchter" alle lachten.

So richtig "Klick" machte es im Laufe der Frankreichreise. Endlich fand das Vokabular Anwendung außerhalb der Tiroler Schulgemäuer, das spornte an. Für die Eins im Maturazeugnis umarmte sie mich herzlich. "Beinahe fließend" sei mein Französisch, erzählte sie stolz meiner Mutter. So gut, dass ich mein Wissen heute selbst als Nachhilfelehrerin weitergebe. Mit der gleichen Geduld und Liebe zur Sprache wie sie damals. (Julia Tinney)

Katastrophe zum Guten

Manche Männer tragen Krawatten, um seriös zu wirken. Andere eine Cowboy-Kordelkrawatte. Letzteres erfordert entweder eine besorgniserregende Selbstüberschätzung oder die unanfechtbare Autorität von Prof. Tögl. Seinen Vornamen wusste – jedenfalls unter den Schülern – am Gymnasium Stubenbastei niemand. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er überhaupt einen besaß. Er hatte bereits schneeweißes Haar, den Blick eines Falken auf Mäusejagd und den Ruf, Schüler zum Frühstück zu verzehren.

Ich war damals ein mathematischer Totalausfall. Sobald Zahlen auftauchten, schaltete mein Hirn auf Notstrom.

Doch Prof. Tögl interessierte sich nicht für Integrale, Deutsch war sein Fach. Dieser Mann liebte die Sprache – und diese Liebe war ansteckend. Er konnte eine ganze Schulstunde über die Etymologie des Wortes Ehrgeiz sprechen oder über die Bedeutung von Jack London für die Weltliteratur. Neben meinem schönsten Satz, "Die Donau floss träge und majestätisch dahin", schrieb er in seiner steilen Kulischrift an den Rand: "Wer 'majestätisch' schreibt, hat nicht hingeschaut". Ich ging nochmal an den Donaukanal und schrieb auf, was da war: ein Angler mit Thermoskanne, ein Kübel ohne Fische. Unter die neue Fassung setzte Tögl: „Na bitte!"

Er gab mir das Gefühl, dass Wortgewandtheit eine eigene Währung ist – und dass selbst ein Mathe-Havarist ein Talent haben kann.

Eine Kurvendiskussion kann ich bis heute nicht. Aber ich weiß, dank ihm, woher das Wort Katastrophe kommt. Es stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wendung, manchmal sogar zum Guten. (Nana Siebert)

Bio mit Drama-Anteil

Ich bin das lebende Beispiel dafür, dass Lieblingslehrer nichts mit Lieblingsfächern zu tun haben. Eigentlich hatte ich Herrn Professor Horvath in Biologie – woraus ich nur Stehsätze à la "die Mitochondrien sind das Kraftwerk der Zelle" behalten habe. Was mich dafür viel mehr geprägt hat: Das Freifach Theater, das Prof. Horvath anbot. Ich wollte immer schon Theater spielen – aber im Tiroler Oberland gab es nur bedingt Möglichkeiten für 14-Jährige, sich in diese Richtung kreativ auszutoben. Das Freifach leitete er mit dem ihm typischen staubtrockenen Humor an – und inszenierte auch außerhalb der Schule Stücke, die dazu passten.

Seine Version von Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" ist mir bis heute in Erinnerung geblieben – wie auch zwei Dinge, die er mir mitgegeben hat. Sein Lob: "Mach weiter mit Theater – du bist gut" hat mir Mut gemacht, mich an Bühnen heranzutrauen. Schauspielerin wurde ich zwar keine – aber Sprecherin und Journalistin (und da steckt immerhin auch einiges an Drama drin).

Der zweite Satz prägte zwar nicht meine Laufbahn, zeigt aber, was ihn als Lehrer ausmachte. Als ich in der allerletzten Schularbeit meines Lebens (Mathe, was sonst) meinen allerersten Fünfer zurückbekam, war ich untröstlich. Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und meinte: "Ich weiß, jetzt ist es bitter. Aber glaub's mir: Das wird einmal a super Gschicht!" Er sollte recht behalten. (Antonia Rauth)

Als es um die Wurst ging

Ich habe verdrängt, in welcher Klasse sich das alles zugetragen hat, aber in einer von denen man im Gym in den 80er-Jahren auf Skikurs gefahren ist. Es waren nicht immer die nettesten Lehrer mit, aber manchmal eben doch. Jedenfalls war ich fürs Skifahren wegen irgendetwas einen Tag lang außer Gefecht gesetzt. Und so ein Tag, an dem die anderen auf der Piste sind, ist lange.

Ich mache es jetzt kurz: Ich habe einer Mitschülerin eine Knabanossi, ja diese elend dünne und wirklich nicht sehr wohlschmeckende Wurst, geklaut – und sie aufgegessen. Was folgte, war nichts weniger als ein Tribunal. Und nach dem Abendessen, und weil ich zuerst geschwiegen hatte, die quälende Festsetzung von insgesamt vier Schulklassen im Speisesaal. Weeeer hat die Wurst gestohlen??? Als es doch irgendwann raus war und mir der immer schon furchtbar sadistische Prof. Ich-nenne-hier-seinen-Namen-nicht mit Schulausschluss gedroht hatte, musste ich zum anderen zur Aussprache.

Als die Tür hinter uns zu war, sagte er nur: "Muascht net woana!" Dass unser Geschichte (und noch mehr Zeitgeschichte)-Professor am Akademischen Gymnasium in Linz, aus Tirol war, wusste ich bis dahin nicht. Ich heulte trotzdem. Aber ohne, dass er viel sagte, gab er mir zu verstehen, wie lächerlich das alles war. Ich habe später bei ihm in Philosophie maturiert. Über Wittgenstein. Genau, worüber man nicht sprechen kann, … Gerhard Zenaty ist heute übrigens Psychoanalytiker. (Mia Eidlhuber)

Gut ist gut!

Ich bin eine Freundin der Buchstaben und nicht der Zahlen. Das war bereits in der Volksschule so. Rechnen war damals schon nicht meine größte Stärke – Fehler erlaubte ich mir dennoch nicht. Nichts anderes als ein "Sehr gut" durfte unter all meinen Tests und Schularbeiten stehen. Das war mein Anspruch an mich selbst.

Als es einmal in der vierten Klasse Volksschule in Mathe dann doch nur für ein "Gut" gereicht hat, flossen dicke Tränen. Meine Enttäuschung über mich selbst war groß. Die tröstenden Worte meiner Volksschullehrerin damals: "Ein Gut ist gut, Anna." Ein simpler Satz, der sich in mein Hirn gebrannt hat. Und den ich mir auch heute noch ab und zu vorsage, wenn ich mit meiner eigenen Leistung nicht vollends zufrieden bin.

Neben diesem Satz erinnere ich mich vor allem an ihr Lachen. Es war klar, laut und echt. Müsste ich dem Unterricht meiner Volksschullehrerin eine Farbe geben – er wäre in hellen Gelb- und Rosatönen getaucht. Ich habe mich dort als Kind immer pudelwohl gefühlt – und alles aufgesaugt, was sie uns gelehrt hat. Die drei ältesten Städte (Enns, Wien und Eferding) und das Jahr ihrer Stadterhebung (1212, 1221, 1222) kann ich zum Beispiel noch immer fehlerfrei aufsagen.

Was hat die vergangenen Jahrzehnte noch überdauert? Eine Perfektionistin bin ich nach wie vor. Meine Freude am Lernen aber ist geblieben – und diese verdanke ich zu einem Großteil ihr. (Anna Wiesinger)

Catull kann warten

"Danke für den Fehler!" Dieser Satz meines Lateinlehrers hat sich bei mir eingebrannt. Und er meinte das wortwörtlich, ganz ohne Spott. Der Unterricht lief so: Eine oder einer von uns musste einen Absatz vor der ganzen Klasse übersetzen. Wusste man ein Wort nicht, sprang jemand aus der Klasse ein und half mit der richtigen Vokabel.
Wenn bei der Übersetzung etwas schiefging – etwa weil wir eine andere Zeitform konjugiert oder den falschen Wortstamm erwischt hatten – erhob sich Prof. Sainitzer aus seinem Sessel, nahm die Kreide und sagte: "Danke für den Fehler!"
Dann leitete er her, warum die Stelle im Text tückisch und unser Gedanke durchaus klug war, es sich aber um eine Sonderform handelte, die uns auf die falsche Fährte geführt hatte.

Was uns am besten gefiel: Wenn unser Lateinlehrer Anekdoten aus seinem Leben wiedergab. Prof. Sainitzer war ein überragender Erzähler, er verwendete herrliche Sprachbilder. Seine Geschichten gaben uns immer das Gefühl, nebenbei etwas fürs Leben zu lernen. Ein Bonus seiner Ausschweifungen war natürlich, dass die Übersetzung des nächsten Catull warten musste. Den Stoff holten wir in der nächsten Einheit wieder auf – und auch das wurde nie unangenehm oder anstrengend.

Einmal hat mich Prof. Sainitzer ausgelacht, so hat sich das damals angefühlt. In der allerersten Stunde, die wir je mit ihm hatten, wollte ich von ihm wissen, ob das Ziel seines Unterrichts sei, dass wir zur Matura fließend Latein sprechen könnten. Die Vorstellung fand er witzig, vielleicht auch ein bisschen absurd. Ich möchte ihm trotzdem zurufen: Gratias ago pro tempore tuo! (Lukas Zahrer)

Die Zweifel wegwischen

Meine Deutschlehrerin in der Oberstufe hatte eine sehr direkte Art. Mit den Worten "Des, Spatzl, is a Zusammenfassung und koa Kommentar", warf sie einer Mitschülerin einen Text zurück. Dabei war es ihr gar nicht so wichtig, dass wir die perfekten Texte schreiben konnten. Ihr ging es um andere Dinge. Den eigenen Standpunkt stringent argumentieren und gleichzeitig andere Standpunkte respektieren. Ambivalenzen aushalten. Mit einem kritischen Blick durch die Welt gehen. Festgefahrenes hinterfragen. Das war ihr wichtig.

Die Unterrichtseinheiten liefen in den meisten Fällen so ab: Per Mail kam ein Link zu einem aktuellen Medienbericht. Und dann wurde diskutiert. Zwei Stunden lang, fast pausenlos, unstrukturiert, tiefgehend, kontrovers. Manchmal hart an der Schmerzgrenze, weil die Meinungen in einer Klasse mit 27 extrem erwachsenen 18-Jährigen auseinandergehen konnten. Es blieb aber immer respektvoll, dafür sorgte Frau S. Die Diskussionen waren manchmal anstrengend, oft herausfordernd, nicht selten überfordernd. Aber sie brachten mich enorm weiter.

Und meine Deutschlehrerin hatte eine ganz spezielle Art, Menschen zu motivieren. "Wenn du nicht Journalist wirst, bin ich persönlich enttäuscht", sagte sie mir einmal, als sie mir einen Text zurückgab, mit dem ich eigentlich gar nicht so zufrieden war. Manchmal, wenn ich wie damals an mir und meinen Fähigkeiten zweifle, denke ich an diesen Satz zurück. Und schnell sind die Zweifel wie weggewischt. Denn ich würde es niemals wagen, diese Frau zu enttäuschen. Da gibt es keine Diskussion. (Moritz Ettlinger)