Wenn beliebte Alben erscheinen, steigt die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle
Smartphone-Ablenkung
Wenn beliebte Alben erscheinen, steigt die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle
Die Zahl der Todesfälle im Straßenverkehr steigt am Veröffentlichungstag erfolgreicher Alben von Taylor Swift und Co um 15 Prozent, wie eine aktuelle Studie zeigt
"Get your motor runnin' / Head out on the highway / Lookin' for adventure / And whatever comes our way", sang der deutschstämmige John Kay, Frontman der Band Steppenwolf, im Jahr 1968. Der Song Born to Be Wild landete auf dem Soundtrack des Films Easy Rider, der damals das Gefühl der Freiheit beim Motorradfahren verkörperte – manch eine düstere Wendung inklusive.
Das mobile Abspielen dieses und anderer Lieder stand damals noch am Anfang, es gab etwa bereits die ersten Autoradios (auch hinter dem Lenkrad fühlten sich manche wild und abenteuerlustig), 1968 erschienen die ersten mit eingebautem Kassettenspieler. Wie viele Fahrerinnen und Fahrer von dem Lied derart abgelenkt waren, dass sie Unfälle bauten, lässt sich kaum nachvollziehen. Doch die musikalische Untermalung trägt mitunter definitiv zur Ablenkung vom Verkehrsgeschehen bei – auch wenn andersherum Musik, Radio und Podcasts bei langen Fahrten vor allzu großer Müdigkeit bewahren können.
Im Gegensatz zu Zeiten von Born to Be Wild bietet das Smartphone hier eine noch größere Ablenkungsgefahr als die Handys und mp3-Player vor 20 Jahren oder das Wechseln von Kassetten und CDs neben dem Lenken. Da geht es also weniger um das allzu enthusiastische Mitsingen als um die Auswahl des Fahrtsoundtracks, bei der der Blick auf den Bildschirm gerichtet wird.
Bad Bunny bis Drake
Aktuelle Daten zu diesem Phänomen liefert eine Studie von US-amerikanischen Medizinern der Harvard Medical School im Fachmagazin Jama Network Open. Sie untersuchten den statistischen Zusammenhang zwischen mehr als 230.000 Verkehrstoten in den USA von 2017 bis 2022 und dem Erscheinungstag der zehn meistgehörten Musikalben in dieser Zeit. Diese brachten offenbar vermehrt Menschen dazu, die entsprechenden Alben auf ihren Abspielgeräten herauszusuchen und dadurch an Aufmerksamkeit im Verkehr einzubüßen.
In den Zeitraum fallen Drakes Album-Release von "Certified Lover Boy" (2021) und Taylor Swifts "Midnights" (2022), die rund 153 beziehungsweise 185 Millionen Streams am ersten Tag verzeichneten und jeweils Spotify-Rekorde aufstellten. Später wurden sie übrigens übertroffen von zwei weiteren Swift-Alben, den ersten Platz hat derzeit "The Tortured Poets Department" des Jahres 2024 mit mehr als 313 Millionen Streams in den ersten 24 Stunden inne. Besonders erfolgreich waren auch Bad Bunnys "Un Verano Sin Ti" 2022, Drakes "Scorpion" 2018, Kendrick Lamars "Mr Morale & the Big Steppers" 2022 sowie Harry Styles' "Harry's House" eine Woche später.
182 zusätzliche Tote
Die Analyse ergab, dass im Vergleich zu den zehn Tagen vor und nach dem jeweiligen Datum ein Anstieg der Todesfälle im Straßenverkehr um 15 Prozent zu verzeichnen war. Das entspricht den Forschenden zufolge etwa 182 zusätzlichen Fällen in den USA, die mit dem Erscheinungstag der zehn meistgehörten Alben zusammenfallen.
Das tägliche Musikstreaming der 200 beliebtesten Songs in den USA hatte an den betroffenen Tagen im Vergleich zu den Tagen davor und danach um durchschnittlich 43 Prozent zugenommen. Wobei sich nicht nachvollziehen lässt, ob die Musik in einem Auto oder bei anderen Verkehrsteilnehmern abgespielt wurde.
Mehr Aufmerksamkeit
Die Ablenkung ist laut Erstautor Vishal Patel jedoch naheliegend, da man per Suchanfrage das Album finden müsse, anstatt nur auf eine Play-Taste zu drücken. "Man entsperrt das Handy, öffnet die App, sucht das Album, geht die Titelliste durch und tippt auf den richtigen Song. Das bedeutet mehrere Sekunden, in denen man auf den Bildschirm schaut", wird Patel im Guardian zitiert. Auch erfordere unbekannte Musik mehr Aufmerksamkeit. Und tatsächlich gibt es auch Analysen, denen zufolge das Hören neuer, energiegeladener Musik die Fahrleistung messbar beeinträchtigt.
Die Daten zeigen, dass sich diese Tage deutlich von anderen unterscheiden, was den landesweiten Musikkonsum angeht, sagt Patel. Die Bedingungen für Verkehrsunfälle würden sich verändern, ohne dass es um veränderte Straßenbedingungen oder Wetter ginge. Andere mögliche Einflussfaktoren wie Wochentag, Feiertage und Jahreszeit wurden herausgerechnet.
Junge, Männer, Alleinfahrende
Bestimmte Bevölkerungsgruppen waren außerdem eher betroffen. Besonders viele Todesfälle gab es zu diesen Zeiten bei jungen Fahrern, männlichen Fahrern, Menschen, die allein unterwegs waren, sowie Personen mit im Auto eingebautem Infotainment-System.
Obwohl die Korrelation auf die Gefahren der Smartphone-Streaming-Ablenkung hindeutet, wurde keine Kausalität nachgewiesen, also ob die Verkehrstoten hinter dem Steuer tatsächlich kurz vor oder während des Unfalls ihr Handy nutzten, ganz abgesehen von der Musiknutzung.
Die Mediziner wollen das Bewusstsein dafür schärfen, dass man die Musik schon vor der Autofahrt auswählt. Streamingplattformen könnten beim Bewerben neuer Alben ihre Benachrichtigungen anpassen: "Ein Hinweis darauf, die Musik vor der Fahrt einzustellen, würde sie nichts kosten", sagt Patel. Und: "Wenn jemand auf dem Beifahrersitz sitzt, gib dieser Person das Handy", denn der Anstieg der Todesfälle habe fast ausschließlich Fahrerinnen und Fahrer betroffen, die alleine unterwegs waren. Mit Mitfahrern an Bord steht dem sofortigen "Head out on the highway" nichts mehr im Weg. (sic, 23.8.2026)
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