Wenn das Pokallos Borussia Dortmund heißt: Ein Hamburger Amateurklub im Ausnahmezustand
Wenige Tage vor dem größten Spiel ihres Lebens deutet bei den Fußballern des Hamburg-Eimsbütteler Ballspiel-Clubs – kurz HEBC – nur wenig darauf hin, was da am Dienstagabend auf sie zukommt. Es ist Oberliga-Spieltag, am Rand stehen ungefähr so viele Fans wie sonst auch, ein paar provokante Sprüche des Gegners werden später auch noch zu hören sein. Also alles wie immer an diesem Freitagabend am Reinmüller-Sportplatz.
Der Unterschied liegt im Detail. Denn ganz so normal ist es dann doch nicht, dass deutlich mehr Fotografen unterwegs sind, Kamerateams einzelne Szenen filmen, Zuschauende oder auch die kleine Fangruppe des Hamburger Stadtteilvereins aus Eimsbüttel interviewen und immer wieder das Wort Dortmund fällt.
Vereinzelt sieht man Fanschals, welche die Farben weiß und lila auf der einen Seite schmücken, auf der anderen schwarz-gelb. Spätestens ein Blick auf den angrenzenden Ascheplatz macht deutlich, dass die Vorbereitungen auf das große Duell mit Borussia Dortmund im DFB-Pokal (Dienstag, 20.45 Uhr, RTL) auf Hochtouren laufen.
Dort steht ein Linienbus der Hamburger Hochbahn, der mit dem Vereinswappen ausgestattet und von lila Stickern übersät ist. „Wir bringen sie jede Woche zum Training, deswegen bringen wir sie selbstverständlich auch zum Spiel ihres Lebens ins Volksparkstadion“, schreibt das Verkehrsunternehmen in den sozialen Medien.
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Seit Anfang Juni in der Sportschau die Paarung HEBC gegen den BVB gezogen wurde, befindet sich der Hamburger Amateurklub im Ausnahmezustand. „Das ist unglaublich für unseren Verein“, sagte Präsident Konstantin Zimmermann damals. „Wir feiern seit dem Gewinn des Landespokals eigentlich schon zwei Wochen durch und jetzt machen wir bis August weiter.“
Als er gefragt wird, ob seine Spieler nun eine Prämie bekommen, verspricht er ein Eis. Auch als kleine Erinnerung daran, dass das Duell in vielerlei Hinsicht der Inbegriff von David gegen Goliath ist. „Es ist nicht mal das, sondern eher Ameise gegen Goliath“, meint Zimmermann heute.
Der Hamburger SV hilft kräftig mit
Was er mit seinem Verein in den vergangenen Wochen auf die Beine gestellt hat, kommt aber durchaus an Bundesliganiveau heran. Das kommentieren zumindest zahlreiche Dortmunder Fans unter den Beiträgen von HEBC auf Instagram, die sich seit Wochen nur noch um den DFB-Pokal drehen und meist mit etwas Selbstironie verfasst sind. Als der BVB etwa seine Japan-Tour in der Vorbereitung antrat, posteten die Hamburger: „Die anderen mit dem Airbus nach Japan. Wir zu Concordia mit den Öffis.“
Als bekannt wurde, dass das Spiel in den Volkspark verlegt wird, begann der Hype in der Stadt dann so richtig. „Wir hatten vorweg schon mal beim FC St. Pauli und dem HSV die Stadien angefragt. Und dann hat der HSV uns das bessere Gesamtpaket geliefert, indem sie anboten, einige der Arbeiten, die es um dieses DFB‑Pokalspiel zu organisieren gibt, zu übernehmen“, erzählt Zimmermann. Etwa Dinge wie die technische Web-Infrastruktur für den Ticketverkauf und Sicherheitskonzepte zu stellen.
Zudem sei vonseiten des HSV versichert worden, dass mehr als dreißigtausend Fans kommen würden, sich das finanzielle Risiko trotz der 57.000 Plätze also in Grenzen halten dürfte. Sowohl der HSV als auch der BVB kamen dem Amateurklub außerdem finanziell entgegen. Kürzlich warb selbst HSV-Cheftrainer Merlin Polzin für das Spiel.
40.000
Tickets wurden bereits verkauft. Der HEBC könnte eine neue Bestmarke eines Oberligisten aufstellen.
Mittlerweile ist auch klar, dass sich die Entscheidung für die große Arena ausgezahlt hat. Die Marke von 40.000 verkauften Tickets wurde bereits am Freitag geknackt, der HEBC kratzt nun an der historischen Bestmarke des SV Atlas Delmenhorst. Dieser stellte 2019 als Fünftligist den Zuschauerrekord von 41.500 Fans auf, als er in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen Werder Bremen im Bremer Weserstadion antrat.
„Das ist der absolute Wahnsinn. Mit unseren 850 Mitgliedern hätten wir nicht gedacht, dass allein über das HEBC-Umfeld fast 5000 Tickets weggehen“, erzählt Zimmermann. Hinzu kamen zahlreiche HSV-Mitglieder, die von ihrem Vorverkaufsrecht Gebrauch machten und die Nordtribüne komplett füllen dürften.
Zahlreiche Geschäfte machen Werbung für den HEBC
Ganz überraschend ist der Ansturm aber nicht. Immerhin wurden in den vergangenen Wochen nahezu überall in Hamburg Plakate aufgehängt, ob in Geschäften, Bäckereien, Apotheken oder bei anderen Vereinen. Mal steht so etwas wie „Holt euch heute den Sieg. Aber vergesst nicht: Man muss auch mal verlieren können“ drauf, mal „Die Statistik spricht für uns: Gegen den BVB haben wir noch nie verloren.“
Selbst der große Derbygegner aus dem Stadtteil, der Eimsbütteler TV, solidarisierte sich. Auch das Bezirksamt Eimsbüttel lässt seit ein paar Tagen jeden Abend ein lila Herz aufleuchten. „Der Support ist riesig, da macht wirklich die ganze Stadt mit“, sagt Zimmermann. „Es ist mittlerweile eher das Duell Hamburg gegen Dortmund und nicht HEBC gegen Dortmund.“

© IMAGO/Hanno Bode/IMAGO/BODE
Für den Präsidenten und seinen Verein sind es aufregende und zugleich arbeitsintensive Tage. Nicht nur die Werbung muss organisiert werden, sondern auch neue Pokaltrikots, die entsprechende Beflockung, zahlreiche Presseanfragen oder das Halbzeitprogramm im Volkspark. „Die Arbeit hat sich verdreifacht, aber es packen ganz viele Leute im Verein mit an. Daher macht es auch viel Spaß und sowas passiert ja wahrscheinlich nur einmal im Leben“, meint Zimmermann.
Letztlich rechnet er mit einem sechsstelligen Gewinn, der nachhaltig investiert werden soll. Das marode Klubheim sollte ohnehin umgebaut werden, könnte nun vielleicht etwas komfortabler ausgestattet werden, meint er. Der Ascheplatz könnte einem zweiten Kunstrasen weichen. Viel dürfte auch in die Nachwuchsarbeit fließen, für die der Klub nicht nur in Eimsbüttel bekannt ist.

© IMAGO/Hanno Bode/IMAGO/BODE
Doch bevor all das passiert, überwiegen in den Tagen vor dem „Jahrhundertspiel“ rund um den HEBC die Emotionen. 43 Jahre ist es her, dass der Klub erstmalig im Hamburger Pokalfinale stand, als damaliger Bezirksligist aber knapp an der Sensation vorbeischrammte. Allein der diesjährige Pokalsieg des Teams von Trainer Philipp Obloch war daher der vorläufige Höhepunkt der Vereinsgeschichte. „Es ist verrückt, wie einen so was so bewegen kann – so ein Quatsch. Amateurfußball“, sagt Ole Natusch, ehemaliger Kapitän der 1. Herren, sichtlich bewegt in einem Video, das anlässlich des DFB-Pokals produziert wurde.
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Hört man sich am Freitag unter den Fans um, können es viele immer noch nicht so richtig glauben, dass es nun tatsächlich „gegen den großen BVB“ geht. Dass das Spiel gegen Vorwärts Wacker an diesem Abend – immerhin die Neuauflage des Hamburger Pokalendspiels – verloren wird, interessiert deshalb kaum jemanden. „Das wichtigere Duell im Mai wurde ja gewonnen“, sagt eine Zuschauerin.
Und ohnehin ist die Vorfreude auf Dienstag zu groß. Volksparkstadion, ein Erstligist kommt, und man selbst mittendrin. Gäbe es ein neues Plakat des HEBC, würde wohl sowas draufstehen wie „Erwartungen runterfahren, damit der BVB uns unterschätzt“. So oder so: Für den kleinen Amateurverein aus Eimsbüttel wird es ein einmaliges Erlebnis.