Wer heute die Ukraine wieder aufbaut, entscheidet über mehr als Beton
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Nach der Ukraine-Recovery-Conference in Danzig stellt sich eine unbequeme Frage: Wird die Ukraine nur wieder aufgebaut – oder entsteht dabei ein Land, in dem Menschen ihre Zukunft selbst mitgestalten können?
In Danzig ging es um Unterstützung, Investitionen, Energie, Infrastruktur und Sicherheit. All das ist notwendig. Die Ukraine braucht Geld, Material, Schutz und verlässliche Partner. Wer Kraftwerke, Straßen, Schulen oder Krankenhäuser wieder aufbauen muss, kann sich keine Debatte leisten, die an der Realität vorbeigeht.
Und doch wäre es ein Fehler, Wiederaufbau nur als technische Aufgabe zu betrachten. Es geht nicht nur darum, was wieder steht. Es geht darum, wem der Wiederaufbau gehört. Wer entscheidet? Wer verdient daran? Wer bleibt abhängig? Oder, wer erlebt: Ich bin nicht nur Opfer dieses Krieges. Ich bin auch Teil der Zukunft meines Landes.
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Die alte Wiederaufbau-Falle
Nach Kriegen wiederholt sich oft ein bekanntes Muster. Internationale Gelder fließen ins Land. Große Institutionen koordinieren. Beratungsfirmen entwerfen Programme. Externe Unternehmen gewinnen Aufträge. Ministerien und Entwicklungsbanken sorgen für Tempo, Kontrolle und Berichtsfähigkeit.
Das ist nicht per se falsch. In frontnahen Gebieten der Ukraine geht es zuerst um Sicherheit, Versorgung und Überleben. Aber aus einer Notwendigkeit kann eine Gewohnheit werden. Und aus einer Gewohnheit eine neue Ordnung.
Andere Nachkriegsgesellschaften zeigen, wie ambivalent Wiederaufbau sein kann. Straßen werden repariert, Reformen geschrieben, Institutionen reorganisiert. Doch vor Ort entsteht oft wenig eigene Kraft. Gemeinden verwalten Programme. Menschen bekommen Hilfe, aber kaum Einfluss. Unternehmen aus der Region schauen zu, während große Aufträge an externe Anbieter gehen. Dann steht am Ende zwar wieder mehr Beton. Aber nicht unbedingt mehr Vertrauen.
Positiver Frieden braucht lokale Würde
Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Ein Waffenstillstand kann Gewalt beenden. Er schafft aber noch keinen positiven Frieden. Positiver Frieden entsteht erst dort, wo Menschen wieder Vertrauen in Institutionen entwickeln, beteiligt werden und wirtschaftliche Chancen gerechter verteilt sind.
Krieg verschwindet nicht, sobald ein Dokument unterschrieben wird. Er bleibt in Familien, Behörden, Nachbarschaften und in der Art, wie Menschen auf den Staat reagieren. Darum braucht Wiederaufbau auch Versöhnung und soziale Reparatur. Nicht als Zusatzthema für ein Nebenpanel, sondern als Kernfrage: Wie kommen Menschen wieder in Beziehung? Wie entsteht Vertrauen zwischen Bürgern und Institutionen, zwischen denen, die geblieben sind, gekämpft haben, geflohen sind oder zurückkehren?
Versöhnung entsteht nicht nur in Dialogrunden. Sie entsteht auch dort, wo Menschen wieder gemeinsam etwas tragen: einen Betrieb, eine Schule, eine Genossenschaft, eine lokale Lieferkette. Es ist ein Unterschied, ob Menschen erleben: „Für uns wurde etwas gebaut.“ Oder: „Wir haben das mit aufgebaut.“ Der erste Satz macht dankbar. Der zweite macht verantwortlich.
Ukraine Recovery Conference 2026 fand in Danzig statt.
© Lukasz Dejnarowicz/Imago
Was Community Wealth Building anders macht
Hier kommt Community Wealth Building ins Spiel. Der Begriff klingt sperrig, die Idee dahinter ist einfach: Wohlstand soll dort bleiben, wo er entsteht. Öffentliche Einrichtungen wie Kommunen, Krankenhäuser, Schulen oder staatliche Unternehmen geben jedes Jahr große Summen aus. Community Wealth Building (CWB) fragt: Was passiert, wenn diese Mittel nicht in anonyme Märkte abfließen, sondern gezielt lokale Wirtschaft, faire Arbeit und gemeinschaftliches Eigentum stärken?
Eine Stadt kann Lebensmittel für Schulen bei regionalen Kooperativen kaufen. Eine Gemeinde kann leerstehende Gebäude lokalen Werkstätten oder sozialen Unternehmen zur Verfügung stellen. Aufträge können so zugeschnitten werden, dass auch kleine und mittlere Unternehmen vor Ort eine Chance haben.
Das ist keine Wohltätigkeit. Es ist Wirtschaftspolitik mit Bodenhaftung. Preston im Norden Englands hat gezeigt, wie stark lokale Beschaffung wirken kann. Die Arbeitslosigkeit sank dort von 6,5 Prozent im Jahr 2014 auf 3,1 Prozent im Jahr 2017. Auch Schottland hat Community Wealth Building politisch aufgewertet, indem es im März 2026 zur nationalen Agenda erklärt wurde. CWB wartet nicht darauf, dass Wohlstand irgendwann von oben nach unten durchsickert. Es nutzt öffentliche Macht so, dass lokale Wertschöpfung entsteht.
Warum CWB für die Ukraine relevant ist
Die Ukraine beginnt nicht bei null. Sie hat Gemeinden, Unternehmen, Zivilgesellschaft, Verwaltungen und eine enorme gesellschaftliche Widerstandskraft. Besonders wichtig ist die regionale Verwaltungs- und Dezentralisierungsreform seit 2014. Durch sie wurden die sogenannten Hromadas, die ukrainische Gemeinden, gestärkt. Sie erhielten mehr Entscheidungsspielraum und mehr eigene Verwaltungskapazität.
Genau das macht Community Wealth Building praktisch interessant. CWB braucht lokale Institutionen, die handlungsfähig sind: Gemeinden, die Beschaffung steuern können; Verwaltungen, die Entwicklungspläne erarbeiten; regionale Akteure, die öffentliche Mittel mit lokaler Wirtschaft verbinden.
Deshalb wäre es gefährlich, wenn der Wiederaufbau diese lokale Ebene wieder schwächt. Wenn internationale Mittel vor allem zentral koordiniert und über große externe Akteure umgesetzt werden, kann die Ukraine möglicherweise schneller bauen. Aber sie riskiert neue Abhängigkeiten: von Gebern, Banken, ausländischen Unternehmen und zentralen Stellen.
Community Wealth Building würde die Logik umdrehen. Internationale Unterstützung bliebe wichtig. Aber sie würde so eingesetzt, dass lokale Fähigkeiten wachsen. Nicht: Wir bauen für euch. Sondern: Wir helfen euch, selbst stärker zu bauen. Das ist ökonomisch sinnvoll und demokratisch klüger. Wer lokale Unternehmen stärkt, öffentliche Vergabe transparent macht und Bürger beteiligt, baut nicht nur Häuser. Er baut Vertrauen in Institutionen und hilft, Bürger zu ermächtigen.
Ökologische Transformation mitdenken
Die Ukraine muss ohnehin wiederaufbauen. Darin liegt ein Dilemma, aber auch eine historische Chance.
Ökologische Transformation ist in bestehenden Systemen oft schwer, weil alte Infrastrukturen, Lieferketten und Interessen verteidigt werden. Im Wiederaufbau ist vieles tragischerweise zerstört oder offen. Wenn Schulen, Wohnraum, Energieversorgung und lokale Wirtschaftsstrukturen ohnehin neu gedacht werden müssen, kann ökologische Transformation von Anfang an mitgedacht werden: lokale erneuerbare Energie statt fossiler Abhängigkeit, regionale Lieferketten statt verletzlicher globaler Abhängigkeiten, Sanierung und Wiederverwendung statt reinem Neubau.
Community Wealth Building verbindet hier die ökologische mit der sozialen Frage. Klimapolitik wird nur dann dauerhaft akzeptiert, wenn Menschen sie als Teil einer besseren lokalen Zukunft erleben: neue Arbeit, weniger Abhängigkeit, resilientere Gemeinden, bessere Versorgung. Ökologischer Wiederaufbau darf deshalb kein Zusatzprogramm für spätere Zeiten sein. Er muss Teil der Friedenslogik werden.
Gruppenfoto von der Ukraine Recovery Conference, u. a. mit Donald Tusk (M.), Julija Swyrydenko (Erste Reihe: 4.v.l.) und Ursula von der Leyen (Erste Reihe: 3.v.l.)
© Lukasz Dejnarowicz/Imago
Pilotregionen statt großer Heilsversprechen
Community Wealth Building ist kein Allheilmittel. Es wird keine Raketen stoppen, keine Minen räumen und keine traumatischen Erinnerungen löschen. Und es sollte auch nicht als fertiges Modell kopiert werden.
Sinnvoll sind zunächst Pilotregionen zu etablieren. In stabileren Gebieten könnten Gemeinden testen, wie lokale Beschaffung, kommunale Partnerschaftsräte, soziale Unternehmen, Genossenschaften, ökologische Bauweisen und lokale Fonds Schritt für Schritt gebaut und zusammenwirken können.
Die Hromadas können dabei zu natürlichen Trägern von Pilotprojekten werden. Sie verbinden lokale Verwaltung, Bürgernähe und regionale Entwicklungsverantwortung bereits heute stärker, als es in vielen klassischen Nachkriegskontexten der Fall war.
Natürlich braucht es klare Regeln. Lokale Nähe ist nicht automatisch demokratisch. Aber zentrale Grossausschreibungen sind ebenfalls nicht automatisch sauber. Entscheidend ist nicht lokal gegen zentral, sondern transparent gegenüber intransparent: öffentliche Kriterien, offene Daten, überprüfbare Vergaben, Beteiligung der Zivilgesellschaft und unabhängiges Monitoring.
Internationale Geber können einen Teil ihrer Mittel an lokale Wertschöpfungskriterien knüpfen. Gemeinden könnten veröffentlichen, welche Aufträge lokal vergeben wurden. Bürger könnten sehen, ob öffentliche Mittel tatsächlich vor Ort Wirkung entfalten. So würde Dezentralisierung nicht nur Verwaltung bedeuten, sondern wirtschaftliche Macht. Politische Dezentralisierung ohne ökonomische Kraft bleibt halb. CWB könnte helfen, diese Lücke zu schließen.
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Es braucht eine Wirtschaftsordnung
Die Ukraine-Recovery-Conference in Danzig hat gezeigt, wie groß der internationale Wille ist, die Ukraine zu unterstützen. Das ist wichtig. Aber die eigentliche Bewährungsprobe beginnt nach den Konferenzen. Dann zeigt sich, ob Wiederaufbau vor allem ein Markt für große Akteure wird. Oder ob er den Menschen vor Ort mehr Würde, Eigentum, Arbeit und Verantwortung gibt.
Die Ukraine braucht moderne Infrastruktur, Sicherheit, Investitionen und europäische Integration. Aber sie braucht auch eine Wirtschaftsordnung, die positiven Frieden wahrscheinlicher macht. Dazu gehört die wirtschaftliche und ökologische Transformation. Nicht als Luxus nach dem Krieg, sondern als Teil der Frage, wie ein Land widerstandsfähiger, unabhängiger und gerechter werden kann.
Frieden entsteht nicht nur am Verhandlungstisch. Er entsteht auch in öffentlichen Haushalten, Vergaberegeln, Eigentumsformen, lokalen Lieferketten, Energieentscheidungen und der Frage, ob Menschen erleben, dass ihre Arbeit zählt. Wer heute die Ukraine wieder aufbaut, entscheidet über mehr als Beton. Er entscheidet mit darüber, ob nach dem Krieg eine Ordnung entsteht, die Menschen erneut abhängig macht – oder eine, die sie befähigt. Das ist die eigentliche Chance des Wiederaufbaus. Und vielleicht auch seine größte Verantwortung.
Martin Michaelis ist internationaler Mediator, Organisationsberater und Jurist. Nach Erfahrungen in internationalen Mediationsprozessen im Mittleren Osten, der Ukraine, dem Südkaukasus und dem Balkan arbeitet er heute an der Frage, wie wirtschaftliche Strukturen zu Versöhnung, lokaler Handlungsfähigkeit und positivem Frieden beitragen können.
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