Experte: «ManCity droht der Ausschluss aus der Premier League»
Der Fussballclub Manchester City wird von einem Finanzskandal erschüttert. Laut einer unabhängigen Kommission hat der Traditionsverein, der mehrheitlich der Herrscherfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate gehört, zwischen 2009 und 2018 die Bilanzen gefälscht. Es geht um mehr als eine Milliarde Franken. Die Details kennt der Sportökonom Christian Deutscher.
SRF News: Wie wurden die Jahresabschlüsse bei Manchester City gefälscht?
Christian Deutscher: Der Klub hat laut der unabhängigen Kommission 830 Millionen Pfund vom Eigentümer als Sponsoringeinnahmen ausgewiesen. Das Geld wurde also so verbucht, als ob der Klub es selbst erwirtschaftet hätte. Die Einnahmen wurden also deutlich höher ausgewiesen, als sie tatsächlich waren. Ähnlich auf der Ausgabenseite: Hier wurden etwa Saläre für Trainer relativ tief ausgewiesen, doch der Trainer erhielt noch Beraterhonorare dazu. So konnte der Verein die Ausgaben niedriger ansetzen, als sie tatsächlich waren.
Manchester City hat sich einen Wettbewerbsvorteil erschlichen.
Warum hat Manchester City die Finanzlage verschleiert?
Es ging darum, die finanziellen Spielregeln zu umgehen. Diese sorgen dafür, dass es eine Ausgeglichenheit zwischen den Vereinen gibt. Die Einnahmen und die Ausgaben der Vereine sollen in einem guten Verhältnis zueinander stehen. Indem man die Einnahmen erhöhte und die Ausgaben verringerte, hat man sich bei Manchester City einen Wettbewerbsvorteil erschlichen.
Was sind das für Vorteile?
Der Verein konnte so mehr Geld ausgeben – und im Sport bedeutet mehr Geld, dass man sich in gewissem Masse auch Erfolg kaufen kann. Entsprechend hat man sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen Vereinen der Premier League verschafft.
ManCity gehört der Herrscherfamilie der Emirate, Newcastle United gehört Saudi-Arabien, Paris Saint Germain den Herrschern von Katar. Weshalb sind Fussballclubs so interessant für reiche Autokraten? Dazu sagt der Sportökonom Christian Deutscher: «Nach aussen hin sagen die Eigentümer immer, sie seien sehr am Sport interessiert, darum ihr Engagement. Doch im Stadion sind sie bei den Spielen meist nicht anwesend – und man würde doch erwarten, dass ein grosser Fan die Spiele des Klubs im Stadion mitverfolgen würde.
Die andere Lesart ist deshalb das ‹Sportwashing›. Dabei wird versucht, durch die Aktivität im Sport Aufmerksamkeit und Sympathien zu bekommen. Man will mit dem Fussballklub ein positives Aushängeschild haben und so auch über politische Probleme im eigenen Land hinwegtäuschen.»
Welche Rolle spielen die Vereinigten Arabischen Emirate als Besitzer von ManCity?
Eine wichtige. Eigentümer ist ja Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, ein Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi. Er hat gemäss der Kommission viel Geld in den Verein gepumpt, das dieser als Sponsoring-Geld auswies. Diese Sponsoren wiederum haben enge Verbindungen zum Scheich und sitzen ebenfalls in Abu Dhabi. Ein Teil ihrer finanziellen Unterstützung war denn auch tatsächlich Sponsoring. Doch sie liessen dem Verein auch unerlaubterweise Geld zukommen. So ist zumindest der Stand der Untersuchung.
Mit den Finanzmanipulationen haben sich die Besitzer von Manchester City möglicherweise ein Eigentor geschossen. Im Bild ManCity-Superstar Erling Haaland, der für seinen Klub einen Penalty schiesst.
Reuters/Craig Brough
Mit welchen Konsequenzen muss der Klub nun rechnen?
Manchester City drohen Punkteabzüge oder sogar die Aberkennung von Titeln während der fraglichen Zeitperiode. Im Extremfall droht der Ausschluss aus der Premier League. Es gab bislang keinen so grossen Fall, entsprechend wird die Strafe mit grosser Spannung erwartet. Der Fall ist allerdings noch hängig, der Klub hat gegen die Feststellungen der Kommission fristgerecht Einspruch erhoben.
Die Glaubwürdigkeit des Sports steht hier auf dem Spiel.
Hat dieser Finanzskandal Folgen für den Fussball generell?
Mit Sicherheit. Seitens der Fans wird immer mehr darauf gedrängt, dass man den Einfluss von Investoren stärker reguliert. Die bisherigen Bemühungen scheinen nur bedingt zu funktionieren. Es ist immer schwer nachzuweisen, woher das Geld kommt. Darum ist es wichtig, dass es ein Zeichen gibt im Fall des grossen Klubs Manchester City. Denn es ist die Glaubwürdigkeit des Sports, die hier auf dem Spiel steht.
Das Gespräch führte Iwan Liebherr.