Trotz Erdbeben: Wettlauf um Venezuelas Öl

Trotz Erdbeben

Die Zahl der registrierten Todesopfer nach dem verheerenden Erdbeben in Venezuela ist bis Sonntagabend auf rund 4.500 gestiegen. Trotzdem scheint im Land derzeit Goldgräberstimmung zu herrschen, vor allem, was das Ölgeschäft betrifft. Während die großen Ölkonzerne noch zurückhaltend agieren, witterten kleinere Unternehmen die große Chance, berichtete die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg kürzlich. Die Risiken seien zwar enorm, aber die potenziellen Gewinne ebenso – zumindest für jene, die zuerst kommen.

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„Wird es Prüfungen und Schwierigkeiten geben, von denen wir einige nicht definieren oder vorhersagen können, zum Beispiel ein Erdbeben? Ja. Denn so ist das Leben“, wurde der US-Finanzinvestor Joseph Hernandez von Bloomberg zitiert. Seine Berater in Venezuela würden sich langsam von der Tragödie erholen. Die Suche nach neuen Geschäftsmöglichkeiten habe, wenn auch langsamer, wieder begonnen, schrieb Bloomberg zu Beginn der Woche.

Ölspekulanten wie Hernandez gebe es in Venezuela derzeit viele. Sie alle wollten „ein Stück vom Kuchen“ haben. Trotz des Bebens plane keiner der von Bloomberg befragten internationalen Ölmanager einen Rückzug. Interimspräsidentin Delcy Rodriguez unterzeichnete erst am Mittwoch ein Rahmenwerk für die nationale Öl- und Gasreform, die unter anderem darauf abzielt, Investitionen ins Land zu holen.

Zerstörung nach dem schweren Erdbeben in La Guaira, Venezuela
Trotz der Erdbeben halten Ölmanager an ihren Plänen fest

„Die Ersten werden die größten Gewinne erzielen“

„Als die Erdbeben die Region erschütterten, waren die Luxushotels in Caracas bereits voll mit Ölmanagern, die nach lukrativen Geschäften suchten und Pläne schmiedeten, um die brachliegenden Ölfelder wieder in Betrieb zu nehmen“, schrieb Bloomberg.

Sie würden auf Verträge zur Erschließung der Ölreserven des Landes drängen und dabei schneller agieren als die großen Ölkonzerne. „Diejenigen, die als Erste handeln, werden die größten Gewinne erzielen“, sagte auch Hernandez.

Bloomberg nannte diese „unabhängige Ölsucher“, „Ölpioniere“ und „Glücksritter“, die bereit seien, die über Jahrzehnte verfallene Ölindustrie wiederzubeleben und „Risiken einzugehen, die größere Unternehmen scheuen – in der Hoffnung, dass frühe Investitionen hohe Gewinne abwerfen werden“.

Ein ausrangierter Öltank am See von Maracaibo, Venezuela
Die marode Infrastruktur zu sanieren bedarf Fachleuten zufolge Investitionen in Milliardenhöhe

Produktion seit Gefangennahme Maduros stark gestiegen

Durch die Gefangennahme des Präsidenten Nicolas Maduro durch die USA im Jänner würden sie nun neue Möglichkeiten sehen. Tatsächlich sei seitdem die Ölproduktion in Venezuela um 20 Prozent gestiegen. Das entspreche rund 200.000 Barrel pro Tag (je 159 Liter). Laut Reuters beläuft sich die Produktion derzeit auf rund eine Million Barrel pro Tag.

In den 1970ern und somit vor der Zeit von Sanktionen betrug sie aber noch etwa 3,5 Millionen Barrel pro Tag. Venezuela verfügt mit schätzungsweise 303 Milliarden Barrel über die größten Ölreserven der Welt. Die Ölreserven Saudi-Arabiens werden auf 266 Milliarden Barrel geschätzt.

Eine Karte zeigt die wichtigsten Ölfelder in Venezuela, die Grenzen des Orinoco-Ölgürtels und die vom Erdbeben vom 24. Juni 2026 betroffenen Regionen.

Große Unternehmen skeptisch, kleine euphorisch

Auch US-Präsident Donald Trump gab die Wiederbelebung des venezolanischen Erdölsektors als politische Priorität aus. Die Einnahmen aus dem Ölverkauf wolle er selbst kontrollieren: „Wir werden Venezuela auf sehr gewinnbringende Weise wiederaufbauen. Wir werden Öl nutzen und wir werden Öl nehmen. Wir senken die Ölpreise und wir werden Venezuela Geld geben, das es dringend braucht“, sagte er bereits zu Beginn des Jahres. Laut einer Analyse des US-Thinktanks Council of Foreign Relations (CFR) von Anfang Juni ist allerdings unklar, wohin die Einnahmen aus dem Ölgeschäft fließen würden.

Öl- und Gaskonzerne

Die Verbrennung fossiler Rohstoffe ist die Hauptursache für die globale Erwärmung. Alleine die 20 größten Öl- und Gaskonzerne verursachen gemeinsam rund ein Drittel der Emissionen, so eine Studie des Climate Accountability Institute.

Bei einem Treffen mit Vertretern der US-Ölkonzerne im Februar plädierte Trump für Investitionen in Milliardenhöhe. Die Ölmanager der großen Konzerne hätten sich Medienberichten zufolge allerdings zurückhaltend gezeigt und ernsthafte Garantien sowie starke rechtliche und finanzielle Absicherungen gefordert, bevor sie Kapital zusagen.

Trump: „Wäre Ölsucher geworden“

Neben Führungskräften etwa von Exxon und Chevron saßen laut Bloomberg auch „Ölpioniere“ kleinerer Unternehmen mit am Tisch, etwa Armstrong Oil und Aspect Holdings. Trump sei von deren Euphorie sichtlich angetan gewesen. Ihren Beruf als Ölsucher habe Trump als „ziemlich cool“ bezeichnet, zudem soll er zu ihnen gesagt haben: „Ich wäre auch ein Ölsucher geworden.“

Für Trump, schreibt Bloomberg, habe sich der Druck seit Februar jedenfalls noch einmal stark erhöht. „Die Sicherung von Öllieferungen ist angesichts der nach dem Krieg mit dem Iran weiterhin angespannten Energiemärkte zunehmend ein politisches Gebot, um die Benzinpreise in den USA im Zaum zu halten.“ Nach dem schweren Doppelerdbeben habe er daher auch seine anhaltende Unterstützung für Venezuelas Ölförderung signalisiert.

Donald Trump bei einem Treffen mit Vertretern der Ölindustrie im Jänner
Trump beim Treffen mit Vertretern der Ölindustrie: Führungskräfte großer und auch kleinerer Unternehmen saßen mit am Tisch

Infrastruktur benötigt Milliardeninvestments

Auch wenn viele Frage offen seien, etwa jene zu Lizenzen, Regulierung und Vertragsbedingungen, sei klar: „Venezuelas Ölquellen, Pipelines, Häfen und sonstige Infrastruktur benötigen nach jahrelanger Vernachlässigung Investitionen in Milliardenhöhe“, so Bloomberg.

Doch die Ölmanager, die monatlich in die Hauptstadt Caracas pendelten, ließen sich davon nicht entmutigen: „Sie glauben, dass die von ihnen anvisierten Ölfelder in drei, vier Jahren wieder ihre volle Kapazität erreichen könnten, wenn sie grundlegende Teile wie Kompressoren, Pumpen und Ventile austauschen und Zugang zu Ausrüstung und Arbeitskräften erhalten.“

„Langfristige Vision“

Doch die Wiederbelebung der Produktion werde keine leichte Aufgabe sein, schrieb Reuters am Dienstag und verwies auf Schätzungen des Beratungsunternehmens Rystad Energy, wonach allein die Aufrechterhaltung des Produktionsniveaus bis 2040 rund 52 Milliarden US-Dollar kosten werde.

Bei weiteren Produktionssteigerungen könnten die Kosten noch deutlich höher ausfallen. Schließlich habe man bei der Erschließung neuer Fördergebiete neben der Infrastruktur auch mit einem Mangel an Arbeitskräften zu kämpfen. Der Finanzinvestor Paulo Buzanelli zeigte sich gegenüber Bloomberg dennoch optimistisch: „Die größten Chancen bieten sich Investoren mit einer langfristigen Vision.“