Wider die Berieselung: Warum Kinder leere Zeit brauchen

„Wir müssen reden, Gerät!“ Mit Zornesfalten blickt Cowgirl Jessie im neuen „Toy Story“-Film auf das froschgrüne Kinder-Tablet Lilypad. „Ich und das Spielzeug haben den ganzen Sommer versucht, für Bonnie Freunde zu finden. Aber dann hast du dazwischengefunkt!“ 

Die fünfte Auflage des Disney-Klassikers nimmt sich eines Themas an, das Eltern nicht nur in den Ferien wie kaum ein anderes beschäftigt: der Faszination Bildschirm.

Eine gute Entscheidung, findet die Wiener Psychologin Christina Beran. Nicht nur, weil Smartphone und Tablet bei Kindern immer präsenter sind. Laut einer Studie des Londoner King’s College nutzt jedes vierte Kind sein Smartphone in einer Weise, die auf eine Verhaltenssucht hindeutet.

TOY STORY 5

Woody, Buzz Lightyear und Co haben einen ungewöhnlichen Gegenger in Toy Story 5.

Sondern auch, weil diese Geräte Auswirkungen auf unsere Vorstellungskraft haben können. „Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, dass digitale Medien die Fantasie von Kindern gänzlich zerstören“, sagt Beran, „aber es drängt sich doch die Frage auf, ob diese Produkte Kindern mitunter weniger Raum lassen, Fantasie zu entwickeln.“

Gar nicht fantastisch

Während Protagonistin Bonnie am Filmbeginn in ihrer Vorstellung noch Cowgirl Jessie zur Traurednerin erhebt und die Hochzeit zwischen Messer und Gabel mit einem Mordversuch dramatisiert, zeigt das Mädchen ihrem Spielzeug nach dem Eintreffen des Lilypads die kalte Schulter. Die Augen kleben fortan am Bildschirm. 

„Um Fantasie zu entwickeln, braucht es leere Zeit, in der wir die Aufmerksamkeit auf eine Idee richten“, sagt Beran. „Ein Stock, den man im Wald findet, ist zunächst einmal ein Stock. Aber wenn man seine Fantasie darauf richtet, kann ein Stock ein Zauberstab sein, ein Schwert oder etwas, mit dem man Dinge in frische Erde schreiben kann.“

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Fantasie, erinnert Psychologin Christina Beran, brauchte leere Zeit.

Spielzeug, ergänzt Beran, werde von Kindern mit Leben erfüllt. Das Handy liefere jedoch viele Reize und lasse dadurch mitunter weniger Raum für eigene Fantasie. „Was ich auf einem Bildschirm sehe, kann ich weder angreifen noch riechen oder fühlen.“ Wer digitale Medien konsumiert, verfolge häufig die Darstellung einer Erfahrung, statt sie unmittelbar zu machen.

Neue Spielformen

Doch wie komplex das Verhältnis zwischen Spielzeug und Bildschirm ist, zeigt der Film selbst. „Ein digitaler Animationsfilm erzählt davon, dass ein Tablet Spielzeug verdrängt ... und wirbt zugleich für sich selbst als das bessere Bildschirmerlebnis“, fasst es Lisa Gotto, Professorin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien zusammen: „Eine bemerkenswerte Selbstironie.“

Prof Lisa Gottov

Professorin Lisa Gotto ist gespannt, welche Formens des Spielens digitale Medien hervorbringen. 

Für Gotto geht es weniger um einen Kulturkampf zwischen Holzspielzeug und Tablet als um die Frage, wie Aufmerksamkeit heute organisiert wird. „Kinder bewegen sich längst in Medienökologien, in denen analoge und digitale Spielformen einander ergänzen.“ 

Die eigentliche Frage lautet für sie nicht, „ob digitale Medien das Spiel verdrängen, sondern welche Formen des Spielens und Vorstellens sie hervorbringen“. 

Am Ende wächst Jessie ausgerechnet wegen des Lilypads über sich selbst hinaus.

kurier.at, amb  |  25.07.2026, 12:00