Wie der Einzug in eine neue Kirche: Gotteshaus in Wolfterode wieder nutzbar
Stand: 09.09.2026, 14:21 Uhr
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Nach einer eineinhalb Jahre andauernden Dachstuhl-Sanierung ist das Gotteshaus in Wolfterode wieder nutzbar. Feierlich wiedereröffnet wurde die Kirche mit einem Gottesdienst.
Wolfterode – Marienkirche Wolfterode, Mitte der 1990er-Jahre: Als der Sachverständige die Stabilität des Dachstuhls überprüfte, glitt sein Zollstock durch das faulige Holz eines 40 Zentimeter dicken Eichenbalkens, erinnert sich Pfarrer i.R. Eberhard Laukner. Trotz der schweren Schäden an der Substanz lautete das Urteil des Fachmanns: „Das hält noch! Solange das Wasser außen abläuft, ist das nicht so schlimm.“ Der Trost für den Pfarrer und die Gemeinde: „Sie können aber Anträge stellen beim Kirchenkreisamt.“ Das tat man auch über die Jahrzehnte hinweg unverdrossen. Die Geduld wurde schließlich belohnt: Nach anderthalb Jahren Sanierungsarbeiten an Dachstuhl und Turm konnte nun die Wiedereröffnung der Kirche gefeiert werden.
„Wir wollen es so gestalten, als ob wir eine neue Kirche betreten würden“, erläuterten die Pfarrer Dr. Wolfgang Gerhardt und Thomas Schanze. So zog die fast 100 Mitglieder starke Gemeinde unter dem Gesang des Liedes „Tut mir auf die schöne Pforte“ in das Kirchenschiff ein. In seiner Predigt verknüpfte Pfarrer Schanze diese Rückkehr anspielungsreich mit dem Neubau von Salomos Tempel, wie er vom Propheten Haggai beschrieben wird: samt aller Mühsal und der Gefahr der Entmutigung, aber auch mit der Kraft zum Durchhalten und dem göttlichen Versprechen eines neuen Glanzes.
Vor diesem Hintergrund erinnerte Schanze an den überregional bekannt gewordenen Fund einer Zeitkapsel aus dem Jahre 1925, auf die die Handwerker bei den Arbeiten im Dachstuhl stießen. Schon damals war das Dach in schwerer Zeit saniert worden. Das in Sütterlin verfasste Dokument berichtet von Krieg, Inflation und einem hohen Steuerdruck, aber auch von der großen Opferbereitschaft der Gemeinde, die ihr Gotteshaus bei aller Not erhalten wollte. Diese Botschaft ziert nun gerahmt das Kirchenschiff. Obendrein hat die Gemeinde „eine neue Kapsel befüllt für die, die nach uns kommen“, fuhr Schanze fort und verknüpfte dies mit der Botschaft des Propheten: „Herrlichkeit entsteht über Generationen hinweg – durch Menschen, die einander weitergeben, was ihnen anvertraut wurde.“ In die Turmspitze wurde die neue Zeitkapsel samt Münzen, Dokumenten aus dem Dorf und einem neuen Brief eingesetzt.
In ihren Danksagungen erinnerten Heidrun Schindewolf und Silke Becker vom Kirchenvorstand an die große Hilfsbereitschaft der Wolfteroder: So konnten dank Spenden von Vereinen und Privatleuten sowie aus Mitteln der Denkmalpflege auch die durchgerosteten Halteeisen der Kirchenfenster im Chorraum ersetzt werden. In Eigenarbeit wurden neue Bankauflagen genäht, Wände gestrichen und Außenanlagen erneuert. Sehr bewegend zitierte Silke Becker eine Passage aus Schillers „Lied an die Glocke“, in der die friedliche Ordnung der Heimat mit der chaotischen Gewalt des Krieges kontrastiert wird: „Möge nie der Tag erscheinen, wo des rauhen Krieges Horden, dieses stille Tal durchtoben“. Pfarrer i.R. Laukner übergab der Gemeinde ein von ihm gefertigtes Kreuz. Es entstammt dem ehemaligen Kirchturm. Damit wurde ein Stück des alten Gebäudes in die neue Zeit gerettet.
Mit diesem Gottesdienst nahm auch der neue Bezirkskantor Maximilian Göllner sein Amt auf, begleitet von seiner Ehefrau Elena, die den stimmgewaltigen Singkreis Meißner-Vorland souverän durch den Gottesdienst leitete. Bei aller Freude verblieb ein bitterer Nachgeschmack: 1998 hätte die Sanierung laut Kostenvoranschlag noch 120.000 D-Mark gekostet. Jetzt waren es 330.000 Euro. (Jörg Tiedemann)