Wie der Wahl-O-Mat für Berlin aus mir einen potenziellen AfD-Wähler machte

Der Wahl-O-Mat kann sich bei mir nicht entscheiden. Er ist jetzt freigeschaltet, hat mich nach meiner Meinung gefragt, und ich habe 38 Antworten gegeben. Spontan und ohne mich abschließend festzulegen, welche Aspekte ich doppelt so wichtig finde wie andere. Auf Berlin bezogen und mit Blick auf die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September fühle ich mich nun als Sonderfall.

Ich habe einen Hang zum Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) mit einer Übereinstimmung von 65,8 Prozent. Bei der Linken sind es aber immer noch 53,5, was nichts daran ändert, dass auch die AfD bei mir mit 51,3 Prozent sehr gut davonkommt und gleichauf mit der SPD liegt. Damit passe ich in keine der gegenwärtigen Umfragen.

Fragen zu Waffenexporten in die Ukraine und zur Steuer

Vielleicht wäre etwas anderes herausgekommen, wenn ich gewichtet hätte. Wenn mir die Frage danach, ob sich Berlin für Waffenexporte in die Ukraine starkmachen sollte, entscheidender erschienen wäre als jene, ob die Grunderwerbssteuer gesenkt, große Wohnungskonzerne enteignet werden oder die Ballerei in der Silvesternacht bei Strafe untersagt sein sollte. Wobei mir das Geknalle tatsächlich gehörig auf die Nerven geht. Allein schon wegen der abgerissenen Extremitäten und der strapazierten Kliniken am Neujahrstag, denen übrigens auch eine Frage gewidmet ist. Nicht den Extremitäten, sondern den Kliniken.

Bei einem derart knappen persönlichen Wahlausgang reicht ein Versehen, um in den politischen Extremismus abzurutschen. Einmal zum Beispiel beim Thema Migration den Haken ins falsche Kästchen gesetzt, und schwupps – schon findet man sich im rechten Parteienspektrum wieder. Umgekehrt geht das natürlich auch, etwa bei der Frage, wie mit Obdachlosen umzugehen sei, die in Berlin auf offener Straße campieren.

In Sachsen-Anhalt, wo schon am 6. September gewählt wird, schneidet bei meinem Wahl-O-Mat-Profil die AfD deutlich schlechter ab, während die Grünen Boden gutmachen. Das liegt möglicherweise an den Windrädern, gegen die ich nichts einzuwenden habe, weil sie nicht vor meiner Haustür aufgebaut werden.

Immerhin bin ich der lebende Beweis für eine Hypothese, die hier und da geäußert wird: Demnach ist es unmöglich, dass einem der Wahl-O-Mat null Prozent Übereinstimmung mit der AfD attestiert. Andere kritisieren die Bundeszentrale für politische Bildung als Urheberin der Fragen. Diese seien so gestellt, dass ein bestimmtes Ergebnis herauskommen müsse. Welcher Art dieses Ergebnis mutmaßlich ist, variiert je nach Standpunkt der Kritiker.

Was sagt tool.party-check.org?

Deshalb habe ich zur freiwilligen Selbstkontrolle meiner Gesinnung unter tool.party-check.org nachgeschaut. Die Universität Potsdam hat die alternative Befragungsmaschine zu Forschungszwecken entwickelt. Nach 18 Antworten stand fest, dass ich mich exakt in der Mitte des politischen Spektrums befinde. Links von mir die SPD, rechts das BSW, die AfD und die Linke an den Rändern weit entfernt.

Um dann doch abschließend einen persönlichen politischen Akzent zu setzen, habe ich den Sozial-O-Mat der Diakonie im Internet aufgerufen. Er konzentriert sich auf Fragen zu Pflege und Gesundheit, Kinder und Jugend, beschäftigt sich mit Armut, Wohnen und Integration. Mit 85 Prozent liegen bei mir die CDU und die Sozialistische Gleichheitspartei/Vierte Internationale Kopf an Kopf.

Wieder zurück beim Wahl-O-Mat, habe ich das Kleingedruckte ganz am Schluss gelesen, da steht: „Hohe Übereinstimmungen Ihrer Antworten mit mehreren Parteien bedeuten nicht zwangsläufig eine inhaltliche Nähe dieser Parteien zueinander.“ Das hätte man mir mal gleich sagen sollen.

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