„Wie ein Boxenstopp“: Kein Kaffee im ICE? Dieser Mann soll das verhindern

KI-Stimme. Info

Langsam rollt der ICE heran. Kai Döring wartet bereits am Bahnsteig. Er trägt rote Warnweste und einen Rucksack, der es in sich hat. Der Zug hält. „Bitte nicht einsteigen“ leuchtet an der Tür. Döring steigt ein. Er hat jetzt etwa eineinhalb Stunden Zeit, jenes Gerät zu reparieren, das für viele Fahrgäste unerlässlich ist und für das Image der Bahn deshalb wichtig: die Kaffeemaschine.

Döring ist „Fahrzeugentstörer Betrieb“, wie hinten auf seiner Warnweste steht, einer jener 100 mobilen Mitarbeiter der Bahn in Berlin, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig und München, die Probleme beseitigen. Und die Maschine in diesem Zug liefert deutlich fehlerhaften Kaffee. Der ICE ist aus Köln nach Berlin gefahren. Bevor es zurückgeht, kommt er hier ins Bahnwerk Rummelsburg, wie fast jeder Fernverkehrszug in Berlin.

Und so ist der Bahnsteig auch kein normaler Bahnsteig – keine Anzeigetafeln, keine Durchsagen, keine Fahrgäste, besondere Bezeichnung. „Am Behandlungsgleis, wo der Zug steht, wird er gereinigt, Abwasser wird entsorgt, Frischwasser eingefüllt und das Bordrestaurant aufgefüllt“, erklärt Enrico Spannaus, Leiter Bordlogistik Berlin. „Das ist wie ein Boxenstopp bei der Formel 1.“ Nur, dass beim Rennwagen keine Baguettes, Cola und Bier aufgefüllt werden müssen. In München oder Hamburg-Altona läuft das am Gleis, in Berlin rollt ein Zug dafür nach Rummelsburg. Insgesamt sind täglich rund 400 ICE in Deutschland unterwegs, in Berlin werden etwa 95 versorgt.

Auch interessant

Öffentlicher Nahverkehr in Schleswig-Holstein eingeschränkt

Kaffee im Zug: Bordbistro-Maschine muss regelmäßig nachjustiert werden

Rund 585.000 Schinken-Käse-Baguettes verkaufen die Beschäftigten in der Bordgastronomie jährlich, 580.000 Currywürste, etwa zwei Millionen Liter Bier. Insgesamt laufen Waren im Wert von 33 Millionen Euro jährlich durch Zugbistro und -restaurant, darunter auch 200 Tonnen Kaffee für den absoluten Verkaufsschlager.

Döring hat inzwischen das Gerät im Bordbistro angeschaltet. „Die Maschine hier hat eine starke Parameterabweichung“, sagt er. Ob Cappuccino, Espresso oder Latte Macchiato: Für jedes Getränk sind genaue Mengen für Wasser, Kaffee und Milch vorgegeben; auch Wasserdruck, Temperatur und noch einiges anderes ist geregelt. Döring hat sich in die Tiefen des Betriebssystems eingewählt. „Die Wassermenge stimmt schon mal nicht.“ Also nachstellen.

Auch interessant

drittes Wiesn Wochenende in München Bayern Deutschland bereits am frühen Morgen bevölkern Besuche

Starke Belastung und Umwelteinflüsse setzen Maschinen zu

Warum fallen die Maschinen aus? Zum einen sind sie stark beansprucht. „Die Kaffeemaschinen sind Industriemaschinen und für eine starke Nutzung ausgelegt. Bei uns an Bord liefert jede im Schnitt 50.000 Kaffees im Jahr“, sagt Andreas Mielde, Mitarbeiter Fahrzeug und Verfahrenstechnik im Werk Rummelsburg. Laut Hersteller sei das weitaus mehr als in der Branche üblich.

Zum anderen: „Der Zug ist kein stationäres Restaurant. Er beschleunigt und bremst, es gibt Erschütterungen“, erklärt Mielde. „Auch bedienen Tag für Tag unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen die Geräte. Genauso haben wir große Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter – gerade, wenn man an einen Zug in der Abstellung denkt. Das alles wirkt auf die Lebensdauer der Maschine.“ Es trifft nicht nur die Kaffeemaschinen. „Auch die Geschirrspülmaschine, Mikrowellen und Steamer können anfällig sein, von letzteren gibt es aber immer zwei. Da ist ein Ausfall nicht so dramatisch.“

Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.

Maschinen-Tausch im ICE: Defekte Geräte lassen sich schnell ersetzen

Döring steht immer noch vor der Maschine. Im Hintergrund räumen andere Mitarbeiter neue Pappbecher und verpackte Speisen in die Schränke. „Wenn ich die Parameter nicht nachstellen kann, dann muss ich ein Modul austauschen. Das dauert ein paar Minuten. Und das defekte Teil geht dann zum Aufarbeiten“, sagt er, während er auf dem Display herumtippt. Werkzeug und Teile hat er im Rucksack.

Und wenn gar nichts mehr geht, muss die Maschine ausgetauscht werden, dann wird es etwas komplizierter. „Sie wiegt bis zu 80 Kilogramm. Da sind schon zwei Mitarbeitende nötig, um sie an Bord eines ICE zu tauschen“, sagt Steffen Pfotenhauer, Leiter der Instandhaltung im ICE-Werk Rummelsburg. Immerhin hätten die neueren Geräte Plug-and-Play-Anschlüsse. So könnten die Maschinen schnell getauscht werden, ohne dass Wasser und Strom separat angeschlossen werden müssten.

Für Totalausfälle haben sie in Berlin immer drei komplette Kaffeemaschinen vorrätig, bundesweit sind es 80 an den unterschiedlichen Standorten. Die defekten Geräte gehen dann ins Bahnwerk im schleswig-holsteinischen Neumünster, wo sie generalüberholt werden.

Deutsche Bahn Bordbistro Reportage

Insgesamt sind täglich rund 400 ICE in Deutschland unterwegs.© Privat | Björn Hartmann

Fahrzeugentstörer sorgen unterwegs für schnelle Reparaturen

Döring, einer von bundesweit etwa 100 „Fahrzeugentstörern Betrieb“, repariert – wenn nötig, auch während der Fahrt. Von Berlin aus geht es dann nach Halle, Hamburg, Hannover und zurück. Er kann nicht nur Kaffeemaschine, sondern kümmert sich auch um Türen oder darum, dass das WC wieder funktioniert. Auch wichtig, aber die Kaffeemaschine kann in einem vollen, verspäteten Zug schon mal den entscheidenden Unterschied in der Stimmung der Fahrgäste machen.

Spannende Artikel zur Deutschen Bahn

Der Vorteil der mobilen Experten für alles: „Wenn etwas getauscht werden soll, kann ich schon aus dem ICE über die interne App eine Störungsmeldung erstellen“, sagt Döring. „Dann liegt das Ersatzteil bei Ankunft des Zugs im ICE-Werk vor. So werden wir schneller.“

Newsletter Illustration

Die Kaffeemaschine mit den Parameterfehlern ist wieder eingestellt. Döring zieht zum Schluss einen Latte Macchiato. Im Glas. „Nur im Glas sieht man, wie gut das Ergebnis ist.“ Milch, Milchschaum, Kaffee laufen aus den Düsen. „Die Trennung von Espresso und Milch sieht gut aus. Das kann so bleiben.“ Der Zug muss auch bald wieder los.