Wie ein Münchner Menschen bis zum Tod begleitet: „Am Ende reden sie meist über eine Sache“

Stand: 19.07.2026, 20:44 Uhr

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Rahim Pfaff ist ehrenamtlicher Hospizbegleiter. Er verbringt mit Sterbenden viele Stunden in der Woche – oft auch ihre letzten.

München – Wenn Rahim Pfaff das Zimmer eines Sterbenden betritt, schaut er sich zuerst um. Gibt es Fotos an der Wand? Bilder von Kindern, dem Haustier, einem Ehepartner? Irgendetwas, das eine Tür öffnet. Denn die Menschen, die er besucht, sind oft schwach. Manche können kaum noch sprechen. Manche wollen es nicht – zumindest nicht sofort, nicht mit einem Fremden.

Die Arbeit als ehrenamtlicher Sterbebegleiter: „Das, was viele bereuen,...“

„Bei einer Dame, die wollte wirklich mit niemandem reden. Dann kam ich rein und ich hab‘ direkt die Katzenbilder gesehen“, erzählt Pfaff im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich hab’ dann gesagt: ‚Oh mein Gott, ist die süß, ist das ihre Katze?‘ Und dann hat sie gar nicht mehr aufgehört zu reden. Dabei hab’ ich gar keine Ahnung von Katzen.“

Rahim Pfaff ist ehrenamtlicher Hospizbegleiter.

Rahim Pfaff ist ehrenamtlicher Hospizbegleiter. © privat

Seit rund fünf Jahren begleitet der gebürtige Marokkaner ehrenamtlich sterbende Menschen in München – in Palliativstationen, Altenheimen und Hospizen, aber auch bei Patienten zu Hause. Zahlreiche hat er bereits betreut, manche über Jahre. „Meist reicht es zu schweigen“, sagt Pfaff. „Oft liegen sie im Bett, und wenn gewünscht, dann nehme ich ihre Hand.“ Mit anderen geht Pfaff spazieren. Oft versucht er, ihnen die letzten Wünsche zu erfüllen. „Zum Beispiel noch einmal ein Bier trinken.“ Pfaff lächelt, wenn er von seinen Begegnungen erzählt. „Ein anderer wollte noch einmal den Geruch einer Zigarette riechen. Da hat man ihm ein Stückchen von seinem alten Leben gegeben – und fünf Stunden später ist er gestorben.“ Es gehe vor allem darum, „einfach da zu sein“. So heißt auch der Verein, für den Pfaff hauptsächlich tätig ist: Hospizdienst DaSein e.V. München.

Hospizdienst DaSein e.V. München

Im Jahr 1991 wurde der Hospizdienst DaSein e.V. gegründet. Er begleitet schwer erkrankte Menschen am Lebensende sowie ihre Angehörigen. Ziel ist es, die letzte Lebensphase in der vertrauten Umgebung würdevoll zu gestalten und die Lebensqualität bestmöglich zu erhalten. Die ehrenamtlichen Hospizbegleiter werden in zwei Seminaren geschult. Nicht alle hospizlichen und palliativen Leistungen des Vereins werden durch öffentliche Gelder gefördert. DaSein ist daher auch auf Spenden angewiesen:

Kontoinhaber: Hospizdienst Da-Sein e.V.
IBAN: DE52 7015 0000 0065 1330 84
SWIFT-BIC: SSKMDEMM

Manche Patienten besucht Pfaff nur wenige Male, bevor sie sterben, andere begleitet er Jahre. Wöchentlich ist er im Einsatz. Er redet mit den Patienten über das, was sie an ihrem Lebensende bewegt. „Sie reden selten über Geld, Häuser oder ihren Beruf. Sondern vor allem über die Zeit, die sie mit ihrer Familie verbracht haben.“

Rahims Weg zur Sterbebegleitung

Wie so viele in diesem Ehrenamt kam Pfaff nicht durch Zufall dazu – sondern durch Schmerz. Seine Mutter starb an Krebs, jung, in Marokko. Er kündigte seinen Job, flog heim, blieb sechs Monate bei ihr. „Ich hatte gar keine Ahnung, wie man damit umgeht“, erinnert er sich. „Wir haben alles Mögliche gemacht, um den Tod zu verhindern – was wir natürlich nicht konnten.“ Heute würde er vieles anders machen. Durch seine Ausbildung als Sterbebegleiter hat sich sein Umgang mit dem Tod verändert. „Früher hatte ich sehr viel Angst vor dem Tod. Seitdem ich das mache, gar nicht mehr. Ich finde, der Tod ist auch eine Erlösung. Das ist nicht das Ende, es ist nur eine Wende – kein Untergang, sondern ein Übergang.“

Im Video (oben im Artikel) verrät Pfaff, was die schönsten Momente für ihn sind.

Der 52-Jährige arbeitet hauptberuflich in einer Kommunikationsagentur. Er spricht sechs Sprachen: Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch und Gebärdensprache (die arabische und die deutsche). Pfaff begleitet daher auch viele Menschen mit Migrationshintergrund. „Die freuen sich unglaublich, wenn jemand mit ihnen in ihrer Muttersprache spricht.“

Begegnungen, die in Erinnerung bleiben

Das sind Erlebnisse, die ihn besonders bewegen. „Einen Franzosen habe ich zwei Jahre lang begleitet. Der Mensch war einfach nur supertoll. Seine Geschichte war aber unheimlich traurig“, sagt Pfaff. „Er ist krank geworden, zwei Monate nachdem er in Rente gegangen ist. Das Schlimmste für ihn sei, dass er sich wahnsinnig gefreut hat, wenn er Rentner ist, dass er seine Enkelkinder sieht und Zeit mit seiner Familie verbringen kann, die er vorher nie hatte, weil er ständig beruflich unterwegs war.“ Diese Zeit wurde ihm genommen. Ein anderer, der seine Kinder seit zwölf Jahren nicht gesehen hat, sagte zu Pfaff: „Aber du bist mein bester Freund.“ Emotionen, die auch Pfaff nahegehen.

Auf die Frage, wie er damit umgeht, wenn einer der Patienten stirbt, sagt Paff: „Am Anfang war es schlimm, ich hab’ auch geheult.“ Mittlerweile hat er seinen Umgang damit gefunden, er redet viel darüber und lenkt sich mit dem Erstellen von TikTok-Videos ab. Rund eine Million Menschen folgen ihm auf der sozialen Plattform. Dort übersetzt er hauptsächlich Songs in Gebärdensprache, ob auf Arabisch oder Deutsch.

Durch das Ehrenamt nimmt der Münchner unendlich viel mit. „Ich mach das auch für mich. Ich lerne viel und diese Aufgabe macht mich einfach glücklich. Die Freude und das Lächeln der Menschen, die ich begleite, wenn sie mich sehen...“ Pfaff lacht. „Ich bin süchtig danach. Denn ich weiß: Diese Menschen brauchen Unterstützung.“ (Quelle: eigene Recherche)