Wie Erich Fried im Exil zum Kommunisten-Versteher wurde

Kritische Stimme

Wie Erich Fried im Exil zum Kommunisten-Versteher wurde

Ein Forschungsprojekt soll die vergessenen BBC-Sendungen des Dichters dokumentieren. Die Beiträge beleuchteten die DDR-Kultur und linke Positionen im Kalten Krieg

Peter Illetschko

Schwarz-Weiß-Foto von einem älteren Mann mit Brille, der an einem Tisch sitzt und ein Blatt Papier mit einem Bild darauf hält. Neben ihm stehen eine Karaffe und ein Glas. Aufnahme aus einer Lesung im Deutschen Theater in Berlin, 16.10.1988.
Der Lyriker, Übersetzer und Essayist Erich Fried bei einer Lesung im Oktober 1988 im Deutschen Theater Matinee.

Als der österreichische Lyriker Erich Fried im Jahr 1953 begann, regelmäßig für den deutschsprachigen Dienst der BBC eine Sendung für die Hörer der DDR aufzunehmen, wurde er zu einer der ungewöhnlichsten Stimmen dieser Zeit. Fried, der 1938 als 17-jähriger Sohn einer jüdischen Familie vor den Nationalsozialisten nach London geflohen war, verstand sich selbst als aufgeklärter Marxist und Sozialist. Er hasste die reformunwilligen Parteibonzen des Kommunismus, war aber andererseits überzeugt, dass westliche Gesellschaftsformen nur problematische Folgen für Einzelne haben können.

Ein internationales Forschungsprojekt unter der Leitung der Österreichischen Nationalbibliothek und des Germanisten Roland Innerhofer widmet sich nun rund 390 Rundfunkbeiträgen, die Fried zwischen 1953 und 1968 produzierte. Das auf 30 Monate angelegte Vorhaben, das in Kooperation mit einem vom Germanisten Carsten Gansel geleiteten Team der Universität Gießen läuft, untersucht nicht nur die Texte selbst, sondern auch ihren historischen, politischen und kulturellen Kontext.

Literatur und Politik

Von den besagten Beiträgen sind allerdings nur drei auf Schellack vorhanden, wie Innerhofer erzählt. Denn: "Es war damals leider nicht üblich, die Sendungen zu archivieren." Dass aber immerhin 387 verschriftlicht sind, "verdanken wir der Tatsache, dass Fried offenbar ein manischer Papier-Mensch war", sagt Innerhofer. Frieds Nachlass im Literaturarchiv der Nationalbibliothek ist die Basis dieses Großprojekts, das vom Wissenschaftsfonds FWF und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG finanziert wird. Am Ende soll es eine kommentierte Online-Edition aller erhaltenen Sendungen und ein Buch mit einer Auswahl geben.

Die Hörfunk-Beiträge, die unter dem Titel "Persönliche Betrachtungen" liefen, vermittelten pluralistische Positionen, ohne auf Destabilisierung zu setzen. Dennoch wurde der Empfang von den Behörden in der DDR nicht erlaubt und durch Störsender so weit wie möglich eingeschränkt. Fried sprach über Literatur – Paul Celan, Bert Brecht und andere waren Thema seiner Sendungen, er kommentierte die Entstalinisierung genauso wie die Niederschlagung von Reformbewegungen im Ostblock. Zugleich bemühte er sich aber, als Verfechter des "dritten Wegs" zwischen sowjetischem Staatskommunismus und westlichem Kapitalismus wahrgenommen zu werden – einer Position, die später unter dem Begriff Eurokommunismus diskutiert werden sollte und in der DDR damals natürlich Tabu war.

Linke im Kalten Krieg

Innerhofer erzählt, dass der Dichter die Manuskripte in erstaunlicher Geschwindigkeit schrieb – und dabei noch Zeit fand, Gedichte zu verfassen. Die Erlaubnis dafür ließ er sich vertraglich zusichern. Auch prominente Dissidenten wie der Chemiker Robert Havemann und der Lyriker Wolf Biermann tauchen in Frieds Radio-Kommentaren immer wieder auf. Die Texte eröffnen heute neue Perspektiven auf die Kultur- und Geistesgeschichte der DDR sowie auf die Geschichte der westeuropäischen Linken im Kalten Krieg. Widersprüchlich erscheint ein Blick auf die Publikumsreaktionen: Leserbriefe aus der DDR belegen, wie intensiv seine Kommentare verfolgt wurden. Manche Hörer warfen ihm vor, der DDR gegenüber zu nachsichtig zu sein; andere wiederum wiesen seine Angriffe auf das Regime zurück.

Erich Frieds politische Positionen entwickelten sich schließlich weiter. Er engagierte sich zunehmend gegen den Vietnamkrieg, setzte sich intensiv mit den Studentenbewegungen auseinander und äußerte Verständnis für die Motive radikaler Protestbewegungen – ohne deren Bereitschaft zur Gewalt gutzuheißen. Seine publizistische Wertschätzung für Persönlichkeiten wie Ulrike Meinhof brachte ihm heftige öffentliche Angriffe ein – zum Beispiel durch das deutsche Boulevardblatt "Bild". Man nannte ihn einen Sympathisanten des Terrorismus.

Revidierte Ansichten

1968 schließlich beendete Fried seine Tätigkeit für die BBC – sehr zum Leidwesen seines enttäuschten Vorgesetzten. Als Begründung gab er an, nicht länger für einen Sender arbeiten zu wollen, der Teil eines kapitalistischen Systems sei. Die Sendung wurde zu allem Überfluss von einem von der BBC herausgegebenen Magazin abgedruckt. In seinem radikal anmutenden Abschiedsstatement meinte Fried, viele seiner Kommunismus-kritischen Ansichten aus den vergangenen Jahren revidieren zu müssen.

So befand Fried etwa, dass man den Mauerbau verstehen müsse, weil er notwendig gewesen sei. Als die "Mauer" errichtet wurde, nannte er sie noch eine "Niedertracht". Sein Abschied war eine massive Kränkung für seine Förderer bei der BBC, wie Innerhofer sagt. In seinen letzten Jahren fasste Fried wieder Hoffnung, die Entspannungspolitik von Michail Gorbatschow war der Auslöser dafür. In seinen Gedichten wurde er sehr positiv gegenüber dem damaligen russischen Staatschef. Die Zeit als BBC-Kommentator war aber längst vorbei. (Peter Illetschko, 30.8.2026)

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