Wie Europa die Arktis vor Trump, Putin und Xi schützen will
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Die Arktis ist längst zum geopolitischen Objekt der Begierde geworden: Europa will sie schützen und das Völkerrecht wahren. China und Russland spekulieren vor allem auf neue Seewege, die durch das Abschmelzen des arktischen Eises entstehen. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen stattete kürzlich Grönland einen Besuch ab, der darauf abzielte, die Insel stärker an Europa zu binden. Der finnische Botschafter in Berlin, Kai Sauer, sagt: So muss es weitergehen.
Herr Botschafter, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat bei ihrem jüngsten Grönland-Besuch umfangreiche EU-Investitionen auf der Insel angekündigt. Passiert dies aus der Sorge, dass Grönland ohne massive europäische Unterstützung zu einer geopolitischen Einfallspforte für außereuropäische Mächte werden könnte?
Kai Sauer: Die außereuropäischen Mächte wie China und Russland interessieren sich zunehmend für die Arktis. Das merkt man in Grönland und auch in unserem Umfeld. Es besteht wirtschaftliches Interesse, es besteht Interesse an den seltenen Mineralien und auch an den sich öffnenden Seewegen.
Sollte die EU da breitschultriger auftreten?
Von der Leyens Besuch und die Ankündigung, mehr als 200 Millionen Euro auf Grönland zu investieren, sind ein Zeichen dafür, dass die EU bereit ist, Grönland zu unterstützen. Wir hoffen, dass sich das europäische Interesse nicht nur auf Grönland begrenzt, sondern die gesamte Arktis umfasst.
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Wie konkret wird Finnland zur Absicherung der kritischen Infrastruktur im arktischen Raum beitragen?
In der Ostsee wird bereits entschlossen reagiert. Das würden wir auch in der Arktis tun. Die Norweger und die Schweden haben das Seegebiet auf ihren jeweiligen Seiten gut im Griff. Die Zusammenarbeit zwischen Finnland, Schweden und Norwegen in der Region hat sich über die letzten Jahre intensiviert – schon vor der Nato-Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens.
Bitte konkret: Welche Maßnahmen kann Finnland zum Schutz etwa von Unterseekabeln beisteuern?
Wir schützen unser Eigentum und setzen auf multilaterale Zusammenarbeit. Dazu haben wir zwei sogenannte Sentries gegründet, Baltic Sentry und Arctic Sentry, also Einheiten zur Überwachung der Seegebiete. Militärische Zusammenarbeit betreiben wir schon länger, besonders mit Schweden, wo die Streitkräfte zu einem großen Maß integriert sind.

Gebirgsjäger stehen während der Militärübung „Cold Response 26“ im Schnee.© picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow
Durch das schmelzende Arktiseis wird die Nordostpassage immer passierbarer. Russland beansprucht die Kontrolle über den Seeweg. China baut an einer polaren Seidenstraße. Müssen wir akzeptieren, dass diese Handelsroute de facto von einer sino-russischen Allianz kontrolliert wird?
Russland und China müssen sich an das internationale Recht halten…
Das Seerecht ist aber bisher nicht an die neue Realität angepasst worden…
Diese Strecken werden in unmittelbarer Zukunft nicht im großen Maß nutzbar sein. Aber Gesetze kann man ändern, wenn der Wille dazu da ist. Leider fehlt es in vielen Bereichen an der Bereitschaft zur multilateralen Zusammenarbeit.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Hinkt Europa hinterher, wenn Peking und Moskau massiv in arktische Infrastruktur und Eisbrecher investieren?
Zumindest bei Eisbrechern hinken wir überhaupt nicht hinterher. 80 Prozent der Eisbrecherflotte weltweit werden in Finnland geplant, 60 Prozent werden bei uns hergestellt – auch wenn es stimmt, dass sich die anderen große Mühe geben. Wir sind ein starker Player in der Arktis und müssen uns nicht verstecken.
Früher zirkulierte die Formel „High North, low tension“, also: Im hohen Norden gibt es wenig Spannungen. Ist das durch den Nato-Beitritt Finnlands endgültig Geschichte?
Stopp, der Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens ist ja nicht die Ursache der Spannung, sondern die Folge der russischen Angriffe auf die Ukraine. Natürlich hat das Folgen in der Arktis. Russland ist auf seiner Seite durch den Marinestützpunkt und nukleare Waffen stark aufgestellt. Unsere neue Realität ist, dass die finnische Ostgrenze gleichzeitig Nato-Grenze ist. Wir blicken aber optimistisch darauf: Die Nato ist ein Verteidigungsbündnis. Schweden, Norwegen und Finnland sind traditionell Länder, die eher Stabilität erzeugen, als sie zu schmälern. Auch in der Arktis treten wir so auf – nicht aggressiv, aber ohne Kompromisse bei unserer Abschreckung zu machen.
Der Arktische Rat ist durch den Boykott Russlands weitgehend gelähmt. Brauchen wir eine neue Sicherheitsarchitektur für den Norden, ohne Moskau?
Gesetze ändert man selten, weil Verbrecher gegen sie verstoßen. Wir brauchen keine neuen Institutionen, nicht in der Arktis, auch nicht in Europa, sondern wir brauchen Mitglieder, die sich an die Regeln halten.
Finnland hat jetzt einen 200 Kilometer langen Grenzzaun zu Russland gebaut, um gesteuerte illegale Migration zu unterbinden. Wie wichtig ist dieser Schritt gegen Putin?
Wir haben zwei Wellen instrumentalisierter Migration erlebt, 2015 und 2022. Danach hat Finnland Gesetze angepasst und die Grenze geschlossen. Das hat dazu geführt, dass wir keine instrumentalisierte Migration mehr erleben. Ergo: Es wirkt.
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Wie zufrieden ist Finnland mit dem deutschen Beitrag zur Ostsee-Überwachung?
Effektiver geht immer, auch bei uns. Nach Leipzig hat man die Schattenflotte zunehmend als Problem erkannt. Deutschland hat sich verpflichtet, im Marinebereich stärker zu werden. Das Bewusstsein ist da. Die Ostsee ist ein wirklich bedeutender Faktor in den deutsch-finnischen Beziehungen – nicht nur bei militärischer Sicherheit, sondern auch für freie Handelswege.
Wenn Sie sagen, es könnte effektiver sein: Woran hakt es konkret?
Wir wissen alle, dass Deutschland nicht das einfachste Land ist, wenn schnelle Entscheidungen gefragt sind. Es ist eine Föderation und verlangt viel Koordinierung. Wir sind aber zuversichtlich, dass man sich der Realität schnell anpasst. Die Gründung des Nationalen Sicherheitsrats ist ein Zeichen dafür.
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Was wünscht sich Finnland von Deutschland mit Blick auf die Sicherheitsarchitektur Europas?
Wichtig ist, dass die Nato strukturiert und stabil europäisiert wird. Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Genauso wichtig ist, dass wir einen gemeinsamen Fokus behalten. Die unmittelbare Bedrohung kommt aus dem Osten, aus Russland, wegen der Aggression gegen die Ukraine.
Fürchten Sie, dass dieser gemeinsame Fokus verloren gehen könnte? In Frankreich steht die Präsidentschaftswahl an, Polen hat eine fragile Koalition, und russlandnahe Rechte gibt es in vielen Ländern.
Das wäre Realitätsverweigerung, wenn man den Blick von Russland abwenden würde. Die Aufmerksamkeit muss dort bleiben, wo sie verlangt ist.

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, der Regierungschef von Grönland, Jens-Frederik Nielsen, und die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen (r), besuchen Qoornoq in Grönland.© Ritzau Scanpix/AP/dpa | Mads Claus Rasmussen
Was kann Deutschland von den Finnen bei Zivilschutz und Sicherheitsarchitektur lernen?
Die finnischen Zivilschutzanlagen sind legendär. Das ist ein Thema, das uns am Herzen liegt. In Deutschland beginnt man, sich für die umfassende Sicherheit und Resilienz zu interessieren, und da bietet Finnland ein gutes Beispiel. Es ist ein bisschen wie bei einer Klausur in der Schule. Wenn man unvorbereitet ist, hat man kein sicheres Gefühl. Wer gut vorbereitet ist, ist lockerer.
Was sagen Sie Menschen, die nach dem Prinzip verfahren: Augen zu, dann passiert schon nichts?
Es geht um den Gesellschaftsvertrag. Wenn man die liberale Demokratie dem vorzieht, was Russland vertritt, sollte man auch bereit sein, etwas zu geben, um sie zu bewahren. Bei uns ist diese Mentalität geschichtlich geprägt. In Teilen Deutschlands hört man: Was hat der Staat für mich getan, warum soll ich ihm etwas zurückgeben? Aus meiner Sicht ist das nicht verständlich.
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Finnland blickt beim EU-Arktis-Gipfel besonders auf die großen Mitgliedsstaaten. Was genau erwarten Sie von Deutschland?
Es ist vor allem eine Frage der Wahrnehmung. Wenn man das Ausmaß der Fläche und die Nähe zu Russland sieht, wird die Lage greifbarer. Lappland geht es zwar touristisch sehr gut, aber entlang der Ostgrenze gibt es einige Strukturschwächen. Wichtig ist vor allem, dass die Arktis auf der Tagesordnung bleibt. Das Gebiet hat für die Sicherheit Europas, und übrigens auch der USA, eine große Bedeutung.
In Sachsen-Anhalt hat die AfD knapp unter 44 Prozent geholt. Zusammen mit dem BSW hätte sie eine Mehrheit im Landtag. Beide Parteien wollen die Sanktionen gegen Russland aufheben und die Ukraine weniger unterstützen. Wie könnte dieses Ergebnis die deutsch-finnischen Beziehungen beeinflussen?
So weit sind wir noch nicht, dass wir nach einer Landtagswahl die Gesamtbeziehung beurteilen. Und Diplomaten pflegen ohnehin keine innenpolitischen Themen zu kommentieren.