Wie fühlt sich ADHS an? Und wie kann man Betroffene gut unterstützen?

Fragen der Gesundheit

Wie fühlt sich ADHS an? Und wie kann man Betroffene gut unterstützen?

ADHS betrifft weit mehr als die Konzentration. Es prägt, wie Menschen ihren Alltag erleben, arbeiten und Beziehungen führen. Angelina Boerger erzählt, was es bedeutet, neurodivergent zu sein und was sie sich von ihrem Umfeld wünscht

Magdalena Pötsch

Foto Angelina Boerger
Angelina Boerger erhielt ihre ADHS-Diagnose als Erwachsene und klärt seither auf Social Media auf ihrem Account @kirmesimkopf über ADHS und Neurodivergenz auf.

Jahrelang dachte Angelina Boerger, sie sei irgendwie falsch: zu laut, zu emotional, zu unkonzentriert. In der Schule wurde sie immer wieder aus dem Unterricht geschickt, in ihren Zeugnissen stand Jahr für Jahr derselbe Satz: "Lenkt sich und andere vom Unterricht ab."

Auch als Erwachsene blieb das Gefühl, irgendwie nicht richtig zu funktionieren. "Ich hab mir oft 1000 Termine ausgemacht und es dann nicht geschafft, die einzuhalten, mich ständig verzettelt und in Notlügen verstrickt, weil ich mal wieder in die falsche Bahn gestiegen und viel zu spät gekommen bin", erzählt sie. Lange suchte sie die Ursache bei sich selbst.

Eine Psychotherapie half ihr zunächst nicht weiter. "Ich dachte, ich gehe hin und da soll mir jemand sagen, was verdammt noch mal mit mir los ist, warum ich das alles nicht hinkriege, warum ich so faul und undiszipliniert bin und wie ich das in den Griff bekomme." Aber alles, was die Therapeutin gesagt hat, war für Angelina nichts Neues. „Das waren Strategien, die ich selbst schon hatte, aber nicht umsetzen konnte.“

Kirtag im Kopf

Erst als sie ihre ADHS-Diagnose bekam, konnte sie viele ihrer Erfahrungen neu einordnen. "Die Diagnose war ein total erlösender Moment. Es war ein Stück weit so, dass ich Frieden mit mir selber schließen konnte", sagt sie. Heute spricht sie als Autorin, Journalistin und Content Creatorin unter auf Ihrem Account Kirmesimkopf über ADHS und darüber, was es bedeutet, mit einem Gehirn zu leben, das Informationen, Reize und Aufmerksamkeit anders verarbeitet. Vor Kurzem erschien ihr zweites Buch Normal war nie der Plan. Wie ich herausfand, dass anders sein kein Fehler ist.

Wie sich ADHS anfühlen kann, beschreibt Boerger mit dem Bild, das auch ihrem Social-Media-Namen zugrunde liegt: einer Kirmes oder – wie man hierzulande sagen würde – einem Kirtag. "Überall sind Reize, Geräusche, Gerüche, es kommt Musik von überall her und man hat das Gefühl, alles ist irgendwie ständig in Bewegung." Manchmal sei es wie auf einem Riesenrad oder einer Achterbahn – auch was die eigenen Emotionen betrifft. Genauso könne es aber auch mal ein Gruselkabinett sein, in dem man Angst hat.

Das Thema betrifft schließlich nicht nur die Konzentration oder die Aufmerksamkeit, wie es in dem Wort ADHS – kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom – steckt. "Es ist so viel mehr", erklärt Boerger. "Es betrifft meine Freundschaften, meine Partnerschaften, die Art, wie ich arbeite, wie ich mit Finanzen umgehe, meinen Haushalt mache." ADHS kann auf sehr viele Lebensbereiche Einfluss haben – "aber nicht nur negativ, sondern auch positiv".

Warum eine Diagnose entlasten kann

Wer anders funktioniert als andere, eckt häufig an. Gerade Mädchen und Frauen lernen laut Boerger oft früh, sich anzupassen. Sie versuchen, die Erwartungen ihrer Umwelt zu erfüllen und ihre Schwierigkeiten möglichst unsichtbar zu machen.

Das kann seinen Preis haben. "Frauen neigen dazu, dieses Kartenhaus mit aller Kraft aufrechtzuerhalten und quasi darunter einzubrechen", sagt Boerger. Während sich Wut und Verzweiflung bei Buben und Männern eher nach außen richten könnten, würden Frauen vieles gegen sich selbst richten. "Unsere Psyche macht das eine Zeit lang mit, aber irgendwann kann es dadurch zu Folgeerkrankungen wie Depressionen, Ess- oder Angststörungen kommen", berichtet Boerger. Manche Betroffene greifen zudem zu Nikotin, Alkohol oder Cannabis, um sich selbst zu regulieren.

Nicht bemuttern, aber mitdenken

Was aber können Menschen im Umfeld tun, wenn eine Freundin, ein Partner oder ein Familienmitglied ADHS hat? Boergers wichtigster Ratschlag: zuhören und die Erfahrungen des anderen nicht infrage stellen. "Es geht nicht darum, dass man von heute auf morgen alles verstanden haben muss", sagt sie. Auch sie selbst lerne immer noch, mit der Diagnose umzugehen. Entscheidend sei vielmehr, die Erfahrungen des Gegenübers ernst zu nehmen.

Das bedeutet nicht, dass Angehörige jede Schwierigkeit widerspruchslos hinnehmen müssen. Im Gegenteil: Auch Unsicherheit im Umgang darf ausgesprochen werden. Boerger rät, das einfach anzusprechen: "Hey, ich bin mir unsicher. Wie soll ich damit umgehen?" Man könne sich auch in einem Podcast oder einem Buch zu dem Thema informieren.

Im Grunde geht es darum, Interesse an der Lebensrealität des Gegenübers zu zeigen. Nach ihrer Diagnose hat sich bei Boerger zunächst fast alles um ADHS gedreht. "Ich wollte ständig darüber reden", erinnert sie sich. "Weil es für mich wirklich lebensverändernd war. Weil es mir Kraft zurückgegeben hat und Kontrolle über mein Leben." Natürlich sei es in Ordnung, hin und wieder zu sagen: Lass uns mal wieder über etwas anderes reden. "Aber es ist wichtig zu verstehen, dass damit andere Strukturen und andere Bedürfnisse einhergehen können."

Auch praktische Hilfe kann sinnvoll sein – allerdings ist die Grenze zwischen Unterstützung und Bevormundung schmal. Wenn Boerger sich beispielsweise zu viel für einen Tag vornimmt, kann ein freundlicher Hinweis helfen, etwa: "Teilen wir das lieber auf drei Tage auf, das werden wir nie im Leben heute alles schaffen." Entscheidend sei dabei aber weniger der Hinweis an sich als die Art, wie er vermittelt wird. "Manchmal ist es einfach auch der Ton."

Denn gerade Menschen mit ADHS haben in ihrem Leben häufig viel Kritik und Zurückweisung erlebt. Deshalb kann die Sorge vor vermeintlicher Kritik besonders ausgeprägt sein.

Hilfreich sind für Boerger im Alltag vor allem Erinnerungen und klare Absprachen. "Mir hilft es total, wenn ich Reminder kriege und wenn Sachen nicht nur mündlich mit mir abgeklärt werden, sondern ich das schriftlich habe." Manchmal braucht sie mehr Verständnis und Rücksicht als andere Menschen: "Das bedeutet auf der anderen Seite aber, dass ich auch Dinge mitbringe, die das Leben anderer bereichern."

Eine andere Art zu funktionieren

Boerger ist aber auch ein breiterer Blick auf das Thema wichtig. Denn viele Lebensbereiche sind noch immer so gestaltet, als würden alle Menschen gleich funktionieren. Besonders deutlich wird das in der Schule, findet Boerger. "Denken wir an einen Klassenraum mit vielen lauten Kindern und einer LED-Deckenbeleuchtung, von der eine Lampe vielleicht auch noch einen Wackelkontakt hat. Da sind so viele Reize, das kann für ein Kind mit ADHS die Konzentration erheblich erschweren."

Dabei wären es oft kleine Veränderungen, von denen alle Kinder profitieren könnten: ein zusätzlicher Raum, in den sie sich zurückziehen können, ein angenehmeres Licht, Noise-Cancelling-Kopfhörer oder auch kreative Möglichkeiten, um eine Aufgabe zu bearbeiten. Die entscheidende Frage sei nicht, wie man Menschen mit ADHS möglichst schnell an die Norm anpassen könne. Sondern, wie eine Umgebung aussehen muss, damit unterschiedliche Menschen in ihr gut leben können.

Es geht dabei um etwas Grundsätzliches: "Gehirne funktionieren nun mal unterschiedlich." Für Boerger war genau diese Erkenntnis ein Wendepunkt. "Das bedeutet nicht, dass was mit dir nicht stimmt. Sondern dass die Welt nicht in allen Bereichen so ausgelegt ist, dass es für alle gleich gut funktioniert." Die Diagnose habe ihr deshalb nicht nur eine Erklärung gegeben, sondern auch Handlungsspielraum: Manche Dinge kann sie anpassen oder neu lernen. Andere wiederum muss sie vielleicht gar nicht verändern: "Das ist ein Teil von mir und das ist auch in Ordnung so."

Was ADHS auch möglich macht

Zu einem vollständigen Bild gehört für Boerger allerdings auch, über die Stärken zu sprechen. Ihre eigene Kreativität etwa empfindet sie als große Bereicherung. "Ich kann aus wenig viel machen, meistens auf eine unkonventionelle Art und Weise", sagt sie.

Von außen könne ihre Art zu arbeiten chaotisch aussehen: eine Serie im Hintergrund, eine Skizze auf dem Tisch, gleichzeitig tippt sie nebenbei etwas am Handy. Für andere Menschen wirkt es so, als könne man sich auf diese Weise unmöglich konzentrieren. Bei ihr kann gerade dann etwas Kreatives entstehen. "Dafür habe ich meine Probleme damit, Ordnung in meiner Küche zu halten oder meine Steuererklärung pünktlich abzugeben." Aber – und das ist für Boerger das entscheidende: "Beides ist gleich viel wert." (Magdalena Pötsch, 9.10.2026)

Forum: 9 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.