Wie macht sich Europa digital unabhängig? Nicht durch US-Rechenzentren
Künstliche Intelligenz
Wie macht sich Europa digital unabhängig? Nicht durch US-Rechenzentren
Ein Server in Europa macht noch keine europäischen Daten. Entscheidend ist, wer ihn kontrolliert
Kolumne
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Philip Pramer
In Kronstorf, der 3500-Einwohner-Gemeinde nahe Linz, baut Google derzeit sein erstes Rechenzentrum in Österreich – und womöglich eines der größten in ganz Europa. Am Freitagnachmittag wurde vor der Baustelle demonstriert, rund 200 Menschen sind gekommen.
Bei den Demonstrierenden treffen Umweltsorgen auf allgemeine Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz. "Ich bin stark gegen KI", sagt etwa Daria, die eigens aus Salzburg angereist ist und ein Schild mit "Datacenter braucht kein Schwein" gemalt hat. Sie fürchtet eine schleichende Verkümmerung geistiger Fähigkeiten künftiger Generationen, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Der Hauptkritikpunkt der meisten Anwesenden ist aber der enorme Wasser-, Energie- und Bodenverbrauch der Anlage.
Viel Wasser, viel Energie
Weil Google noch vor der Fertigstellung um eine Erweiterung angesucht hat, könnte der Energieverbrauch im Endausbau auf bis zu 3,5 Terawattstunden steigen, rund ein Viertel des oberösterreichischen Strombedarfs. Schon heute verbraucht das Bundesland aufgrund seiner Industriebetriebe mehr elektrische Energie als alle anderen.
Google hingegen beteuert, dass der Strom für die Anlage aus erneuerbaren Quellen kommen werde – abgesichert über den Kauf entsprechender Zertifikate. Das erwärmte Kühlwasser, das in die nahe gelegene Enns geleitet wird, werde keine Auswirkungen auf die dortige Flora und Fauna haben.
Die KI kommt, endlich!
Für andere klingt das Projekt nach einem Musterstück europäischer Digitalisierung: Ein riesiges KI-Rechenzentrum, mitten in Österreich. Endlich, nachdem Europa jahrelang als Nachzügler in Sachen KI gegolten hat. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) sprach beim Spatenstich im April von einem "starken Signal für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Oberösterreich". Man wolle "die Technologien von morgen nicht nur nutzen, sondern hier bei uns entwickeln und Wertschöpfung sichern".
Leider haben Rechenzentren wie jenes von Google mit der vielbeschworenen digitalen Souveränität wenig zu tun. Gemeint ist damit die Fähigkeit Europas, über seine eigenen Daten, seine digitale Infrastruktur und die Technologien, die beides steuern, selbst zu bestimmen – statt dabei von einer Handvoll amerikanischer (oder chinesischer) Konzerne abhängig zu sein.
Die USA können mitlesen
Doch nur weil ein Server in Europa steht, heißt das nicht, dass die Daten darauf auch aus der Reichweite der USA sind. Entscheidend ist nämlich nicht nur der Standort, sondern auch, wer ein Rechenzentrum betreibt. Steht dahinter, wie in Kronstorf, ein US-Konzern wie Google, bleibt die Kontrolle bei genau diesem Konzern. Unter Umständen kann auch Washington mitlesen.
Möglich macht das der Cloud Act, ein US-Gesetz aus dem Jahr 2018: Es verpflichtet amerikanische Unternehmen, Daten auf Anfrage an US-Behörden herauszugeben – unabhängig vom physischen Serverstandort. Die betroffenen Unternehmen müssen davon nicht einmal informiert werden, oft ist eine solche Anfrage sogar mit einer Schweigepflicht verbunden.
Wo die Kontrolle wirklich liegt
Selbst wenn sie es wollten, kommen US-Unternehmen kaum aus der eigenen Gesetzgebung heraus. Die im Jänner präsentierte "European Sovereign Cloud" der Amazon-Cloudsparte AWS sollte mit eigener EU-Firma und lokalem Personal echte Souveränität bringen. Doch weil die Tochtergesellschaft zur Gänze dem amerikanischen Mutterkonzern gehört, greift laut einem Kölner Rechtsgutachten weiterhin der Cloud Act. Kritiker nannten das Konstrukt deshalb eine PR-Aktion.
Wie wenig belastbar solche Souveränitätsversprechen sind, zeigte schon 2025 Microsoft. Vor dem französischen Senat gefragt, ob Behördendaten je ohne Zustimmung an die US-Regierung gingen, sagte Chefjustiziar Anton Carniaux unter Eid schlicht: "Nein, das kann ich nicht garantieren."
Grüner Strom, fremde Kontrolle
Ob sich das Verhältnis zwischen dem enormen Ressourcenverbrauch der Rechenzentren und den paar Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen, die für Österreich herausspringen, wirklich ausgeht, darüber lässt sich streiten. Nachhaltiger als die mit Erdgas befeuerten Datacenter in der US-amerikanischen Wüste werden Kronstorf und ähnliche Anlagen trotz ihres enormen Strombedarfs aber wohl sein.
Auf einem Ziel bringen uns die US-Rechenzentren aber nicht weiter: dass europäische Daten auch wirklich europäisch bleiben. Das gelingt nur, wenn europäische Unternehmen die nötige Infrastruktur selbst aufbauen und betreiben – mit eigenem Know-how statt zugekauften US-Diensten. Erst dann wären wir auch vor einem US-Präsidenten sicher, der zunehmend selbst nach den Zügeln der KI-Branche greift und zuletzt leistungsfähige Modelle für Nicht-Amerikaner einfach abschalten ließ. (Philip Pramer, 20.7.2026)
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