Wie Peter Henisch ein Loblied auf mütterliche Widerstandskraft singt

Autofiktion

Wie Peter Henisch ein Loblied auf mütterliche Widerstandskraft singt

"Muttersuchen", Henischs neuer Roman, fügt der "Kleinen Figur" seines Vaters ein feinsinniges Porträt der eigenen Gebärerin hinzu. Manches bleibt betont vage

Ronald Pohl

Ein älterer Mann mit Brille und Schirmmütze sitzt an einem Tisch in einer Buchhandlung. Vor ihm liegen ein Mikrofon, ein Glas Wasser und ein aufgeschlagenes Buch. Im Hintergrund sind Bücherregale zu sehen.
Peter Henisch – hier bei einer Salzburger Lesung – hat jetzt auch der Mutter ein Denkmal in Romanform gesetzt. Autofiktion? Er tut niemals so, als ob er alles nachträglich besser wüsste.

Die kleinste Figur von allen wirft bis heute den längsten Schatten. Als der heute 83-jährige Peter Henisch seinen Vater 1975 erstmals vor den Vorhang bat, war von autofiktionalem Schreiben nicht die Rede. Walter Henisch war, wie Die kleine Figur meines Vaters enthüllte, ursprünglich freier Pressefotograf. Sein nicht unbeträchtliches Talent als Lichtbildner stellte er in die Dienste der NS-Propaganda – ohne etwas anderes zu tun als festzuhalten, was ohnedies alle vor Augen gehabt hätten.

"Als Fotograf habe ich Aufträge bekommen, diese Aufträge habe ich erfüllt. Was dahintergesteckt ist, danach habe ich nicht gefragt." So lautete die Auskunft eines, der unter keinen Umständen seine wahre Identität aufscheinen lassen konnte. Henisch Senior besaß mutmaßlich jüdische Wurzeln. Und war doch auch Stiefsohn eines strammen Nazis. Die Frage nach der Verantwortlichkeit des Chronisten ging über vom Lichtbildner auf den Schreibenden, vom Vater auf den Sohn. Und es ist ausgerechnet die Akustik, die jetzt zwischen den Antipoden vermittelt.

Der Topf am Herd

Er habe bei Niederschrift von Muttersuchen ihre Stimme im Kopf gehabt, steht auf dem Vorsatzblatt des neuen Henisch-Buches. Tatsächlich ist alles, was es über die mütterliche Menschwerdung zu berichten gibt, oralen Ursprungs. Gerade der Nachtmarsch von Gmünd nach Schratten, unternommen in den Frühlingstagen 1945, steht dem Erzähler mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen. Was doch unmöglich sein kann. Kein Mensch kann das Bild des emaillierten Topfes heraufbeschwören, den er als Nachtschlafender, keine eindreiviertel Jahre alt, auf dem Herd der bäuerlichen Verwandten brodeln gesehen haben soll.

Die Mutter, Rosa mit Namen, war mit ihrem Erstgeborenen vor den Russen geflohen. Unklar blieb, aus welcher Himmelsrichtung die Befreier über die Ostmärker hereinbrechen sollten. Die Weitergabe der mütterlichen Erinnerungen erschafft Gegenbilder: lauter Aufnahmen, die im Entwicklungsbad des Dichters zögerlich Kontur gewinnen. "Über Wien flogen die Bombenflugzeuge, in Schratten flogen die Maikäfer." Einen flotten Käfer hätte man die Frau Mama vielleicht auch in der verschämt ulkenden Sprache der 1950er- oder 60er genannt. Eine bildschöne Frau, die sich von dem kleinen, knipsenden Energiebündel namens Walter einkochen lässt – und als Gemahlin an seiner Seite mit einer wahren Engelsgeduld die vielfältigen Eskapaden eines notorisch zu kurz Kommenden erträgt.

Beiläufige Blicke

Wobei Walter Nazi ist. Vielleicht kein waschechter, doch einer, der die Erwerbschancen erkennt, die sich ihm durch den Anschluss 1938 bieten. Henischs Chronik wirft erschütternd beiläufig Blicke auf den Terror, der ringsum losbricht. Man hört deutlich das Gläserklirren aus der Pogromnacht des 9. November 1938, die Zahl der verwüsteten Synagogen in Wien geht in die Dutzenden. Und doch unterlässt der Autor jede nachträgliche Klitterung. Liebstöckels, die Nachbarn am Gang vor der elterlichen Bassena, verschwinden irgendwann.

Ein anderer älterer Jude unternimmt einen Fluchtversuch nach Prag – und scheitert, die Reichsbahn spült ihn zurück. Was er gleich zu Anfang in dem ganzen Wirrsal verliert: die Brille. Nicht anders ergeht es, ganz ohne Schauglas, Henischs Mutter in ihres Sohnes Memoire. Niemals wird auf scharf gestellt. Außer in der Schlüsselszene des Buches, als anno 38 von den Juden im Generellen die Rede ist. Die säßen nämlich droben auf ihren enormen Haufen Geldes, von wo aus sie ihre Fäden zögen. Oder sie wären "verlogene Zeitungsschreiber und perverse Künstler". Da macht Walter seiner Rosa – er nennt sie "Ria" – folgende Mitteilung: "Ich hab einen Webfehler." Oder hatte es der Herr Papa anders ausgedrückt? "Ich bin jüdisch versippt." Mit der soeben eröffneten Wahrheit fängt Rosa kaum etwas an. Sie lenkte, wie Henisch vollendet lakonisch schreibt, "ihre Gedanken auf etwas Anderes."

Zermürbende Geburten

Die Hast des nach 1945 fortschreitenden Wirtschaftswunders – Friede, Freude, Cremeschnitte – wird konterkariert von Rosas Unglück. Dieses verdiente nicht, als wunschlos bezeichnet zu werden. Schwangerschaften zermürben sie, der Verlust eines Neugeborenen stürzt sie in tiefe Depression. Doch die Frau des nachmaligen AZ-Fotochefs emanzipiert sich schrittweise. Seine Untreue vergilt sie ihm zögerlich, etwa indem sie Akte des Zuwiderhandelns setzt, oder Ausflüge ins Arbeitsleben unternimmt. Dazu muss sie die Unterschrift des Familienvormunds fälschen.

Seine eigene, kleine Figur rückt Henisch mit ins Bild. Noch auf dem Totenbett nennt die Frau Mama ihren mittlerweile ergrauten Filius einen "alten Zottelbären". Der letzte Satz, den sie, sonst jeder Übertreibung abhold, dem Sohn an den Kopf wirft, ist von bestürzender Aufmüpfigkeit: "Der Tod ist eine Lüge." Nach Michael Köhlmeier hat jetzt auch Peter Henisch die Familienaufstellung vollendet. Geradezu planvoll belässt der Autor dem Mutterbild dessen Unschärfen. Er hat nichts retuschiert. Jedoch, wie es einmal heißt, "mit hellem Ohr hingehört". Gerade deshalb schwingt Mutters Stimme in den Lesenden tief und befriedigend nach. (Ronald Pohl, 29.8.2026)

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