Wie spielt man ein Carillon?

Stand: 03.10.2026, 14:05 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Seit seinem 14. Lebensjahr spielt Thomas Jörg Frank das Carillon der Wiesbadener Marktkirche. 40 Jahre später ist die Begeisterung des Kantors für das Glockenspiel ungebrochen. Samstags musiziert er live und erreicht Tausende mit seinen Tönen.

Wiesbaden – Weit über die Dächer der Wiesbadener Innenstadt hinaus ist es zu hören, wenn Kantor Thomas Jörg Frank auf dem Carillon der evangelischen Marktkirche spielt. Jeden Samstag steigt er die 280 Stufen des Glockenturms hinauf, um das außergewöhnliche Instrument erklingen zu lassen - und das, seit er 14 Jahre alt ist.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel ist in Kooperation mit epd entstanden.

Schon früh entwickelte sich Franks Begeisterung für die Musik, wie er erzählt. Alles fing an mit der elektronischen Orgel einer Schulfreundin. Zunächst brachte sich Frank das Spielen selbst bei. Dann entdeckte er im Kindergottesdienst auch eine Orgel. „Ich bin einfach zum Organisten gegangen und habe gesagt: Ich möchte Orgel lernen“, erinnert sich Frank. Doch zur Antwort bekam er, dass er zunächst einmal Klavier lernen müsse. Gesagt, getan.

Die Glocken im Glockenturm der evangelischen Marktkirche in Wiesbaden. Seit seinem 14. Lebensjahr spielt Thomas Jörg Frank das Carillon der Wiesbadener Marktkirche. 40 Jahre später ist die Begeisterung des Kantors für das Glockenspiel ungebrochen.

Wie spielt man ein Carillon?. © Teresa Kammerlande

Instrument mit 50 Glocken

Mit etwa zwölf Jahren bekam er dann Orgelunterricht vom damaligen Kantor der evangelischen Marktkirche in Wiesbaden, seinem Vorgänger. Als schließlich im Jahr 1986 das Carillon in den Turm eingebaut wurde, war Frank sofort fasziniert von dem Instrument und wollte auch diese Kunst erlernen.

Ein Carillon ist ein Instrument, das aus Glocken besteht; im Fall des Wiesbadener Instruments sind es 50 Glocken. Sie sind über Drahtverbindungen mit den Tasten verbunden. Wenn eine Taste gedrückt wird, schlägt über die Drahtverbindung ein Klöppel in der Glocke oder ein Hammer von außen an die Glocke an.

Vorreiter der Carillonneure

Thomas Jörg Frank erlernte die Spieltechnik zunächst auf einem Übungs-Spieltisch in der Kirche. Als er älter war, durfte er auf dem richtigen Carillon oben im Glockenturm spielen, hoch über dem Markplatz der hessischen Landeshauptstadt. „Für jemanden, der so jung war wie ich damals, war das natürlich ein tolles Ereignis, wenn man weiß: Wow, das Rathaus, der Hessische Landtag und Tausende, Zehntausende von Menschen hören jetzt zu.“

Auch beruflich schlug Frank eine musikalische Karriere ein. Er studierte evangelische Kirchenmusik in Würzburg und setzte weitere Abschlüsse darauf in Orchester dirigieren, Solospiel und Musikwissenschaft. Daneben spielte er weiterhin regelmäßig auf dem Wiesbadener Carillon. Heute ist der 54-Jährige hauptberuflicher Kantor der Marktkirche und einer der Vorreiter der sogenannten Carillonneure in Deutschland.

„My way“ als Glockenspiel

Insgesamt gibt es rund 50 Carillons in Deutschland, die live gespielt werden. Das Wiesbadener Glockenspiel erklingt fünfmal täglich dank einer automatischen Programmierung. Aber fast jeden Samstag spielt Frank eine halbe Stunde lang live in 45 Metern Höhe. Dafür arrangiert er auch gerne selbst Musikstücke.

Für seine Lieder bekomme er überwiegend positive Rückmeldungen, berichtet er. „Ich spiele auch gerne Mäuschen, wenn ich durch die Stadt gehe und gerade ein von mir programmiertes Stück erklingt.“ Er erinnert sich an eine Situation, in der das Glockenspiel den Song „My way“ von Frank Sinatra spielte. „Ich bin an zwei Herrschaften vorbeigegangen und habe mich total gefreut, dass die mitgesungen haben.“

Der Kantor freut sich, wenn er mit seinen Stücken auch Menschen erreichen kann, die der Kirche fernstehen. Deswegen spielt er auch gerne mal die Stadionhymne, wenn ein Fußballspiel ansteht, die Filmmusik der TV-Sendung „Der Staatsanwalt“ oder den Narrhalla-Marsch in der Fastnachtszeit.

Stück für das niederländische Königspaar

Ein besonderes Highlight in den 40 Jahren seines Carillon-Spiels war für Frank der Besuch des niederländischen Königspaars im Jahr 2013, das den neuen Viertelstundenschlag einweihte. Der König hatte sich ein niederländisches Lied gewünscht, das Frank für ihn zum Besten gab. „Das war natürlich ein bewegender Moment“, erinnert sich der Musiker.

Wenn Frank über das Carillon spricht, sieht man das Strahlen in seinen Augen. Am 31. Oktober feiert das Glockenspiel 40-jähriges Bestehen. Am Jahrestag wird er wie so oft eine Carillon-Führung im Glockenturm anbieten und dabei auch über seine Begeisterung für den seltenen Beruf sprechen: „Es ist quasi der schönste Blick, den man hier oben auf Wiesbaden haben kann. Man sieht die Menschen, für die man Musik macht. Man sieht die Reichweite des Glockenspiels, es wird weit hinaus gehört. Das ist es, was mich antreibt und motiviert.“ (von Teresa Kammerlander)