Wieviel Österreich steckt im deutschen Volkswagen-Konzern?
Geld, Macht und Autos
Wieviel Österreich steckt im deutschen Volkswagen-Konzern?
Wolfgang Porsche ist der starke Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht. Die Machtzentrale befindet sich nicht in Wolfsburg oder Stuttgart, sondern in Salzburg
Michael Völker
Die Österreicher geben im verzweigten deutschen Volkswagen-Konzern immer noch den Ton an und versuchen aktuell den angeschlagenen Riesen aus der Krise zu manövrieren. Zentrale Figur beim immer noch zweitgrößten Autohersteller der Welt ist der Salzburger Wolfgang Porsche, der auf dem "Schüttgut" in Zell am See residiert, dem Familiensitz der Porsches. Gekauft hat dieses Anwesen 1941 sein Großvater Ferdinand Porsche, auf den Volkswagen zurückgeht. Wolfgang Porsche ist der wichtigste Vertreter der Eigentümerfamilie Porsche/Piëch im Volkswagen Konzern. Er ist nicht operativer Manager von VW, gehört aber zum engsten Kreis jener, die über die strategische Richtung des Konzerns mitentscheiden.
Einfluss auf Volkswagen
Wolfgang Porsche ist seit 2008 Aufsichtsrat von Volkswagen, und er ist, das ist die entscheidende Funktion, Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche Automobil Holding SE. Diese Holding hält 53,3 Prozent der Stammaktien von Volkswagen und verfügt damit über die Mehrheit der Stimmrechte. Damit steht Porsche an der Spitze jener Holding, über die die Familien Porsche und Piëch ihren maßgeblichen Einfluss auf Volkswagen ausüben. Die anderen Eigentümer bei der Volkswagen AG sind das Land Niedersachsen mit 20 Prozent und die Qatar Holding LLC mit 17 Prozent. Die restlichen 9,7 Prozent sind im Streubesitz von institutionellen und privaten Anlegern.
Wolfgang Porsche ist gleichzeitig auch Aufsichtsratschef der börsennotierten Porsche AG – also des Sportwagenherstellers. Auch dort sitzt er seit Jahrzehnten in den Kontrollgremien.
Im aktuellen VW-Umbau ist seine Rolle besonders relevant. Die Porsche/Piëch-Familie hat ein massives finanzielles Interesse daran, dass VW wieder deutlich profitabler wird, weil die Porsche SE stark von den Wertentwicklungen und Dividenden ihrer Beteiligungen an VW und Porsche AG abhängt. Es war Wolfgang Porsche, der gemeinsam mit seinem Cousin Hans Michel Piëch auf einen härteren Sanierungskurs bei VW gedrängt und diesen schließlich gemeinsam mit VW-Chef Oliver Blume im Vorstand und im Aufsichtsrat durchgesetzt hat.
Hans Michel Piëch ist ebenfalls fest im Porsche-Konzern verankert, er ist einer der stillen Machtträger des Porsche-Piëch-Clans. Hans Michel Piëch ist 84 Jahre alt, er ist ein Sohn von Louise Piëch, der Tochter von Ferdinand Porsche. Er gehört also zum Piëch-Zweig der Familie. Seine Schwester ist etwa die frühere Porsche-Holding-Chefin Louise Kiesling.
Seine besondere Bedeutung ergibt sich daraus, dass er seit Jahrzehnten die Interessen des Piëch-Familienstammes in den wichtigsten Gesellschaften vertritt. Er ist der jüngere Bruder des 2019 verstorbenen Ferdinand Piëch und gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern mittelbar an der Porsche Automobil Holding SE beteiligt, über die die Familien Porsche und Piëch ihren Einfluss auf Volkswagen ausüben. Der ehemalige Anwalt, der sein Büro in der Wiener Innenstadt hat, ist nicht bei gesellschaftlichen Anlässen anzutreffen, er meidet eher die Öffentlichkeit.
Sollte Piëch die Geschäfte übergeben, drängt sich eine Frau als Nachfolgerin auf: Seine Tochter Sophie Piëch sitzt bereits seit 2023 im Aufsichtsrat der Porsche Automobil Holding SE und im Aufsichtsrat der Porsche Holding Salzburg. Die 32-Jährige würde einen echten Generationenwechsel verkörpern. Die gebürtige Wienerin könnte die Interessen der Piëch-Familie wahrnehmen und auch deren Einfluss im Volkswagen-Konzern. Vater Hans Michel hat erst im August angekündigt, nicht mehr für eine weitere Amtszeit im Aufsichtsrat kandidieren wollen. Sophie Piëch hat allerdings keinen ausgeprägt automobilen Hintergrund, sie hat Biochemie an der Universität Zürich studiert und ist Geschäftsführerin der Dr. Hans Michel Piëch GmbH, der Gesellschaft ihres Vaters. Dennoch könnte sie mit Unterstützung ihres Bruders Stefan Piëch zu einer ganz zentralen Figur im Konzerngefüge aufsteigen.
Einer der wichtigsten Österreicher im Konzern ist Hans Dieter Pötsch, kein Familienmitglied, aber zentraler Manager der Macht auf der Familienseite. Er sitzt gleich an zwei entscheidenden Stellen im Firmengefüge: Pötsch ist seit 2015 Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG und zugleich Vorstandsvorsitzender der Porsche Automobil Holding SE, also jener Holding, über die die Familien Porsche und Piëch maßgeblichen Einfluss auf Volkswagen ausüben. Pötsch ist gebürtiger Oberösterreicher, er stammt aus Traun.
Eine zentrale Rolle in den Geschäften und im Reichtum der Familie Porsche und Piëch spielt die Porsche Holding Gesellschaft m.b.H. mit Sitz in Salzburg. Sie gehört heute zu 100 Prozent der Volkswagen AG. Volkswagen hat die Porsche Holding 2011 vollständig übernommen.
Gegründet wurde die Salzburger Holding 1947 von Louise Piëch und Ferry Porsche, den Kindern Ferdinand Porsches. Sie war also ursprünglich und die längste Zeit ein Familienunternehmen.
Interessante Verflechtung
Interessant ist die Verflechtung, denn nach wie vor haben die Porsches Einfluss auf das Salzburger Unternehmen und gehen dort ein und aus. Die Porsche/Piëch-Familien kontrollieren die Porsche Automobil Holding SE in Stuttgart, die hat 53,3 Prozent der Stimmrechte in der Volkswagen AG mit Sitz in Wolfsburg, der gehört wieder zu 100 Prozent die Porsche Holding Salzburg.
Die frühere Familienfirma ist also heute eine Tochter des Konzerns, der wiederum maßgeblich von der Porsche/Piëch-Familie kontrolliert wird. Wenn es mit VW-Chef Oliver Blume etwas zu besprechen gibt, dann tut man das lieber in Salzburg und nicht in Wolfsburg. Am Salzburger Sitz geht es noch halbwegs vertraulich zu, und die Medien in Österreich sind weniger aufmerksam und aufdringlich als in Deutschland.
Einträgliches Unternehmen
Die Salzburger Holding ist ein sehr einträgliches Unternehmen: Sie ist allerdings kein Autohersteller, sondern der Vertriebskonzern des Volkswagen-Konzerns – und zwar ein ausgesprochen großer. Die Porsche Holding in Österreich ist gleichzeitig Importeur, Händler, Werkstattbetreiber, Finanz- und IT-Dienstleister für praktisch das gesamte VW-Markenuniversum.
Sprecher der Geschäftsführung in Salzburg ist Hans Peter Schützinger. Er hat eine andere Art von Macht als Pötsch oder die Porsche-/Piëch-Familie: Er ist operativer Manager und verantwortet unter anderem Großhandel, Personal, Einkauf, Revision und Strategie. Schützinger stammt aus dem Pinzgau. Damit wird auch seine Verbindung zur Porsche-/Piëch-Familie klar: Die Familien haben ihren österreichischen Familiensitz in Zell am See, also praktisch in seiner Heimatregion. Das erklärt auch zumindest teilweise, warum Schützinger innerhalb der Porsche Holding und im weiteren Porsche-Netzwerk eine belastbare Vertrauensstellung aufgebaut hat.
Großhändler und Importeur
Die Porsche Holding fungiert als Importeur aller Konzernmarken und ist damit eine zentrale Schnittstelle zwischen Volkswagen und den nationalen Märkten. In Österreich und zahlreichen anderen Ländern übernimmt sie den Großhandel für alle Volkswagen-Marken von VW über Porsche bis hin zu Bentley, Lamborghini und Ducati. Außerhalb Österreichs ist sie vor allem in Mittel- und Osteuropa engagiert. Insgesamt ist sie als Großhändler und Importeur in 29 Ländern auf drei Kontinenten tätig. Autos werden auch in China, in Japan, Malaysia oder Singapur verkauft.
Zur Holding in Salzburg gehört auch die Porsche Bank, die Autokäufe und Leasing finanziert. Damit verdient die Gruppe nicht nur beim Verkauf des Autos, sondern auch an dessen Finanzierung.
Die Porsche Holding Salzburg hatte 2025 knapp 37.000 Mitarbeiter und verbuchte einen Umsatz von fast 41 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr wurden 910.000 Autos ausgeliefert, 130.000 davon in Österreich. Damit ist die Salzburger Porsche Holding Europas größtes Automobilhandelsunternehmen.
Wolfgang Porsche, der starke Mann bei VW und Porsche, ist 83 Jahre alt, nach seiner Scheidung 2023 von seiner dritten Frau Claudia Hübner ist er nun mit Gabriele Prinzessin zu Leiningen liiert. Das Gesamtvermögen der Familie Porsche wird auf 22,5 Milliarden Euro geschätzt, ihm selbst werden 18 Milliarden zugerechnet. Der Enkel des Porsche-Gründers Ferdinand Porsche genießt in Maßen das glamouröse Leben, er lässt sich mit Prinzessin Gabriele gerne bei den Salzburger Festspielen blicken. Zuletzt haderte er allerdings mit der Öffentlichkeit: Die Aufregung um den geplanten Tunnelbau zum Paschinger Schlössl, bekannt als Stefan-Zweig-Villa, und die schlechte Nachrede, die sich daraus ergab, kränkten Porsche sehr. Er will das Anwesen in der Stadt Salzburg jetzt verkaufen. Ein französischer Makler bietet es aktuell um 12,7 Millionen Euro an.
Gibt es einen Nachfolger?
Offenbar denkt auch Wolfgang Porsche schon an einen Rückzug aus dem Konzern und aus den Familiengeschäften. Sein Cousin Hans Michel Piëch wird in diese Machtlücke nicht vorstoßen, er ist ein Jahr älter. Aus der jüngeren Generation wird Ferdinand Oliver Porsche als potenzielles Familienoberhaupt für die Zeit nach Wolfgang Porsche genannt, er ist immerhin erst 65. Er sitzt im Aufsichtsrat von Volkswagen und Porsche AG. Außerdem ist er Vorstand der Familie Porsche AG Beteiligungsgesellschaft, wäre also prädestiniert als Oberhaupt, das die verzweigte Familie und deren Vermögen zusammenhält. (Michael Völker, 19.9.2026)
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