„Am Ende brauchen wir unsere Leute auf der Straße“: Markus Knall bei phoenix über KI und Demokratie
Stand: 16.10.2026, 13:52 Uhr
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Wie wirkt KI auf Demokratie? Markus Knall, Chefredakteur bei Ippen.Media, diskutierte in der „phoenix runde“ über Chancen, Risiken und die Zukunft des Journalismus.
Transparenzhinweis: Markus Knall ist Chefredakteur des Netzwerkes von Ippen.Media, zu dem auch dieses Portal gehört.
Berlin – Sie schreibt Gedichte, räumt Postfächer auf und plant Reisen: Künstliche Intelligenz ist im Alltag vieler Menschen angekommen. Und im Journalismus. Was das für die Demokratie bedeutet, war Thema der Sendung „phoenix runde: Macht, Medien, Maschinen – Bedroht KI die Demokratie?“. Die Diskussion unter Leitung von Moderatorin Anke Plättner war Teil der bundesweiten Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“, an der sich Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender beteiligen.
Zu Gast war auch Markus Knall, Chefredakteur und Direktor Content von Ippen.Digital. Zum Redaktionsnetzwerk gehören rund 70 Medienmarken mit meist lokalem Schwerpunkt.
Der Journalist der Zukunft als „KI-Komponist“
Bei Ippen.Media werde KI „in der ganzen Breite der journalistischen Arbeit“ eingesetzt, sagte Knall. Das reiche vom Transkribieren von Interviews und Vorschlägen für Überschriften bis hin zu generierten Inhalten, die in bestimmten Fällen auch so veröffentlicht würden.
Redaktionen würden künftig massiv mit KI arbeiten, so Knall. Gerade mit Blick auf KI-Agenten brauche es dann Menschen, die diese Systeme steuern und in die richtige Richtung lenken. Das sei „ein zutiefst journalistischer Job“. Dafür hat Knall den Begriff des „KI-Komponisten“ geprägt.
„Noch sehr lange Menschen in den Redaktionen“
Reporterin Manuela Müller von der Freien Presse in Chemnitz sagt: Für ihre Gesellschaftsreportagen nutze sie KI höchstens für Basisaufgaben. Hinschauen, Fragen stellen, Einordnen, das sei Handwerk, das keine Maschine leisten könne. Doch KI könne auch unterstützen. Knalls Aussagen gingen ihr teils zu weit.
„In Nachrichtenredaktionen werden noch sehr lange Menschen arbeiten“, sagte Knall. Doch gerade ein Haus, das KI stark vorantreibe, merke, wo die Grenzen liegen. Und wo Menschen immer gebraucht werden. Ob KI wirklich Neues erfinden oder nur Bekanntes reproduzieren könne, sei offen. Frische Beobachtungen und Einordnungen müssten deshalb wohl noch lange von Menschen kommen.
Vertrauen als wichtigstes Pfund
Den größten Vorteil des Lokaljournalismus sieht Knall im Vertrauen der Leser. Lokale und regionale Medien hätten nach wie vor mit die höchsten Vertrauenswerte. „Vertrauen ist noch kein Geschäftsmodell, aber es ist eine Grundlage, mit der man arbeiten kann.“
Mit KI erstellte Texte seien bei Ippen.Media transparent gekennzeichnet. Seine Erfahrung aus den vergangenen vier Jahren: Die Leser hätten damit kein grundsätzliches Problem. „Der Leser vertraut uns als Medienhaus und als Redaktion“, sagte Knall. Die Leser hätten mit dem KI-Einsatz „viel weniger Probleme als die Journalisten selbst“.
In einer Welt, in der Fakes und Realität kaum noch zu unterscheiden seien, werde der Reporter vor Ort sogar noch wichtiger. Leser könnten dann sagen: „Ich kenne dich, ich treffe dich vielleicht sogar am Wochenende beim Bäcker. Und wenn du sagst, dass es wahr ist, kann ich dir vertrauen.“ Das sei womöglich das Zukunftsmodell für Lokalmedien. Knalls Fazit: „Wir sind ja nicht gegen KI, wir bauten sie massiv ein. Aber am Ende brauchen wir unsere Leute auf der Straße, weil das unser wichtigster Vertrauensanker ist.“
Die Macht der Plattformen
Einig war sich die Runde bei einem Punkt: Die Infrastruktur für Information liegt in den Händen weniger US-Konzerne. Deutlich schärfer formulierte es Medienwissenschaftler Martin Andree von der Universität Köln: „Diese Techmonopole zerstören die Pressefreiheit.“ Sie entzögen den Verlagen die Finanzierung, bestimmten über die Sichtbarkeit und über die Algorithmen auch über die Inhalte. Andree verglich die Lage mit der Spiegel-Affäre von 1962, nur ohne öffentlichen Protest. An Knall gerichtet mahnte er zur Vorsicht: Wer KI-Systeme nutze, trainiere sie zugleich weiter.
Markus Beckedahl, Gründer von netzpolitik.org und Mitgründer der re:publica, sieht die entscheidende Frage in der Verbreitung: Wer mit KI die Distributionswege kontrolliere, entscheide, welche Inhalte überhaupt noch beim Publikum ankommen. Er forderte, bestehende Regeln wie den Digital Markets Act konsequent durchzusetzen, Einblick in Algorithmen zu schaffen und personalisierte Werbung zu verbieten.