"Wir fladern überall gute Ideen": So schaffen die Vienna Capitals ihre sensationelle Powerplayquote
Eishockey
"Wir fladern überall gute Ideen": So schaffen die Vienna Capitals ihre sensationelle Powerplayquote
15 Goals in 36 Powerplays ergeben 41,67 Prozent. Headcoach Mike Stewart setzt auf "Eishockey-IQ und Bauchgefühl". Videostudium gibt es regelmäßig, KI-Tools sind noch kein Thema
Fritz Neumann
Beim ersten Hinhören klingt es eigenartig. "Wenn alle fünf Puzzleteile zusammenpassen, können auch 41,67 Prozent herausschauen!" Mike Stewart sagt das, der Headcoach der Vienna Capitals, die in der ICE-Eishockeyliga an fünfter Stelle liegen – für Wiener Verhältnisse ist allein diese Platzierung schon ein Hit. Sie führt sich auch darauf zurück, dass die Caps in Sachen Powerplay alle anderen Teams überragen. Nach elf Partien liegt ihre Powerplayquote bei knapp 42 Prozent. 36 Mal agierten die Caps in Überzahl, 15 dieser Möglichkeiten nützten sie zu einem Torerfolg.
Dazu kurz ein Ausflug über den großen Teich und in die Geschichte. In der National Hockey League hielten die Montreal Canadiens mit einer Quote von 31,9 Prozent lange den Rekord für das erfolgreichste Powerplay in einer Saison (1977/78) – 2022/23 zogen die Edmonton Oilers (32,2) vorbei. In den 1980ern hatten die Oilers mit Wayne Gretzky und Mark Messier auch dank herausragendem Überzahlspiel einen Lauf, zehn Jahre später war das Powerplay ein Erfolgsschlüssel der Detroit Red Wings um Steve Yzerman.
Ein klassisches 1-3-1
Aber 41,67 Prozent? Dieser Wert sucht seinesgleichen, nicht nur in dieser Liga, in der auch Budapest (31,43 %), Bozen (28,95) und der KAC (28,26) überdurchschnittlich unterwegs sind. In der Norm bewegen sich Salzburg (23,91), Mailand, Villach (je 21,95) und Linz (21,57). Aufholbedarf haben Pustertal (15,38), Ljubljana (15,00), Graz (14,81), Innsbruck (14,29), Fehervar (13,51) und die Pioneers Vorarlberg (10,00).
Auf Dauer wird die Wiener Quote kaum zu halten sein, aber selbst nach elf Runden ist sie schon sehr beachtlich. Stewart: "Das geht nur, wenn eine Formation im Powerplay richtig zusammengesetzt ist." Bei den Caps ist sie das hundertprozentig – auch dank Assistant Coach Fabian Scholz, den Stewart hervorhebt, weil sich Scholz besonders intensiv mit dem Powerplay auseinandersetzt. KI-Tools seien dabei übrigens noch kein Thema, Stewart und Scholz setzen auf "Eishockey-IQ und Bauchgefühl".
Fünf Puzzlesteine gibt es, vier Stürmer und einen Verteidiger, die ein klassisches 1-3-1 aufziehen. Den Verteidiger gibt Nick Bailen (36), der aus acht Saisonen in der russischen KHL, zwei in Deutschland und zwei bei den Graz 99ers besonders viel Routine mitbringt. Caps-Kapitän Linden Vey (35) und Konstantin Komarek (33) sind laut Stewart "die Denker und Lenker", Jakob Lilja (33) stehe "als Shooter im Slot". Vorn sorgt Jeremy Gregoire (31) für "viel Verkehr" vor dem Tor, also "Net-front Presence": Goalie ablenken, Schüsse abfälschen, Rebounds nützen.
Learning by seeing
Praktisch täglich arbeiten die Capitals mit Videostudium. Stewart: "Die jetzige Generation lernt vor allem dadurch, dass sie etwas sieht." Gezeigt werden Szenen aus eigenen Spielen, aber auch Szenen des nächsten Gegners, etwa vor der Abfahrt nach Linz, wo die Capitals am Mittwoch gastieren. Stewart führt den Spielern vor Augen: "Wie agieren die Gegner im Powerplay? Wie in Unterzahl? Welchen Forecheck machen sie?"
Ein Trainingstag in Wien-Kagran beginnt oft damit, dass sich die Coaches laut Stewart "mit einem Kaffeetscherl" gemeinsam die NHL-Highlights ansehen. Wenn ihnen etwas auffällt, zeigen sie es auch der Mannschaft, zuletzt etwa ein sehr gelungenes Überzahlspiel der Anaheim Ducks. "Wir fladern überall gute Ideen", sagt Stewart. Etwas weniger gern redet der Trainer übrigens über das Unterzahlspiel. Im Penaltykilling liegen die Capitals an 14. und letzter Stelle. Aber das ist eine andere Geschichte. (Fritz Neumann, 21.10.2026)
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