„Ihr Kopf war gegen die Wand gepresst“: Wie ukrainische Retter durchhalten – trotz Putins perfider Luftschläge

„Wir sind fast da, wir schaffen das“: Wie ukrainische Retter durchhalten – trotz Putins „Double Tap“

Stand: 14.07.2026, 19:58 Uhr

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Russlands Armee bombardiert die Ukraine ohne Rücksicht. Helfer retten Leben – und werden dabei selbst zum Ziel. Reportage aus der Ukraine.

Kyjiw – Wenn russische Raketen und Drohnen ukrainische Städte treffen, sind sie als Erste vor Ort: Die Rettungskräfte und Feuerwehrleute des ukrainischen Katastrophenschutzes (Staatlicher Dienst der Ukraine für Notfallsituationen, DSNS) löschen Brände, retten Verletzte und bergen Verschüttete aus eingestürzten Gebäuden. Ihre Einsätze sind lebensgefährlich. Auch, weil Russland immer wieder auf die „Double Tap“-Taktik setzt: Es greift Orte gezielt ein zweites Mal an – nachdem Rettungskräfte eingetroffen sind.

Links die DSNS-Psychologinnen Karina Dovhal und Ljubow Kirnos, rechts zwei Einsatzkräfte in einer Pause.

Arbeit unter Lebensgefahr: Links die DSNS-Psychologinnen Karina Dovhal und Ljubow Kirnos, rechts zwei Einsatzkräfte in einer Pause. © Kristina Thomas (2)

In den vergangenen Wochen waren die Einsatzkräfte nahezu ohne Unterbrechung im Einsatz. Fünf größere kombinierte Angriffe innerhalb weniger Tage mit Treffern von bis zu 18 Drohnen und 29 Raketen seien selbst für erfahrene Rettungskräfte eine außergewöhnliche Belastung, sagt Pawlo Petrow, der Sprecher des Kyjiwer DSNS, dem Münchner Merkur von Ippen.Media. 50 Todesopfer mussten sie innerhalb von drei Tagen aus den Trümmern bergen. 

Nach Russlands Luftangriffswelle – der Einsatzleiter: 18 Stunden ohne Pause im Einsatz

Der DSNS warnte mehrfach vor steigenden Opferzahlen in Städten wie Kyjiw und Odesa. Der Grund: Der Ukraine fehlen Patriot-Abfangraketen. Am Sonntagabend konnte nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe keine der 29 von Russland auf Kyjiw abgefeuerten ballistischen Raketen abgeschossen werden. Luftwaffensprecher Jurij Ihnat erklärte, Russland nutze gezielt aus, dass der Ukraine Abfangraketen fehlten und die weltweiten Bestände begrenzt seien.

Auch nach dem NATO-Gipfel bleibt die Gefahr groß. Zwar haben die Verbündeten weitere Unterstützung für die ukrainische Luftverteidigung zugesagt und zusätzliche Patriot-Abfangraketen zu einem Schwerpunkt ihrer Beratungen gemacht. Bis diese Hilfe Wirkung entfaltet, muss die Ukraine aber weiter mit nahezu nächtlichen Angriffen durch Drohnen und ballistische Raketen rechnen – für jede Nacht gilt weiterhin eine erhöhte Warnstufe wegen möglicher Angriffe mit ballistischen Raketen. 

Nach Angaben des Kyjiwer DSNS sind die Rettungskräfte nach schweren Angriffswellen tagelang nahezu pausenlos im Einsatz. Sie müssen zu dutzenden Einsatzorten gleichzeitig ausrücken – häufig trotz der Gefahr weiterer Einschläge. Für Männer wie Ivan Didenko gibt es seit Beginn des Krieges keinen normalen Dienst mehr. Als stellvertretender Leiter seiner Rettungseinheit ist er jederzeit abrufbereit. „Bei allen Einsätzen bin ich dabei, ausnahmslos – auch an freien Tagen und zu jeder Stunde“, sagt er. In seinem Auto liegen deshalb ständig Schutzkleidung, Ausrüstung, kugelsichere Weste und Helm bereit.

Seit Wochen hat Didenko kaum Pausen. Sein Arbeitstag dauert mitunter 18 Stunden. So auch am Montag, als eine ballistische Rakete im Stadtteil Podilskiy Rayon einen neungeschossigen Wohnblock traf. „Ich traf noch vor drei Uhr nachts hier ein und werde bis 21 Uhr arbeiten“, sagte er unserer Redaktion vor Ort. Der 29-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren für die Notfalleinheit des Katastrophenschutzes. Was er in dieser Nacht vorfindet, ist für seine Einheit eine traurige Routine geworden: Der Wohnblock ist in der Mitte vom fünften bis zum neunten Stock eingestürzt. „Wir begannen sofort mit der Evakuierung der Bewohner und suchten nach Verletzten.“

„Wir befreiten sie nach und nach, erst den Kopf, dann Beine, Arme.“

Im neunten Stock entdeckte sein Team eine Frau in einer Wohnung, die von Trümmern eingeschlossen war. „Als die feindliche Rakete einschlug, stand sie in ihrem Flur. Die Wand wurde gegen eine andere Wand gedrückt, und die Frau wurde stehend eingeklemmt. Ihr Kopf war gegen die Wand gepresst, und so stand sie dort – aber sie war ansprechbar.“

Um sie zu befreien, mussten Didenko und seine Kollegen im Trümmerhaufen unter Hochdruck ein Loch graben. „Überall war Rauch, das erschwerte zusätzlich die Arbeit.“ Dazu die Gefahr, dass weitere Teile des beschädigten Gebäudes nachgeben könnten. Jeder Handgriff musste sitzen. Um die darunterliegende Wohnung – oder das, was davon übrig war – zu erreichen, seilten sich die Retter Stück für Stück ab und entfernten vorsichtig Betonteile. 

DSNS-Retter Ivan Didenko vor seinem Einsatzfahrzeug

DSNS-Retter Ivan Didenko vor seinem Einsatzfahrzeug © Kristina Thomas

„Wir blieben ständig mit ihr in Kontakt. Ihr Name war Svitlana. Sie war etwa 60 Jahre alt. Wir befreiten sie nach und nach, erst den Kopf, dann Beine, Arme.“ Nach einer halben Stunde war Svitlana befreit. Didenko und sein Team sind psychologisch geschult, um die Menschen in Gefahrenlagen zu beruhigen. Wir sagten: „Wir sind fast da, wir schaffen das. Und so gruben wir uns Stein für Stein einen Weg zu ihr und schoben mithilfe von Rettungsgeräten alle Platten beiseite.“

Didenko und sein Team mussten sich dafür selbst in Lebensgefahr begeben, denn noch herrschte Luftalarm. Auch an diesem Tag wählte Russlands Armee den „Double Tap“: Während die Retter Menschen aus der einsturzgefährdeten Ruine holten, traf eine Rakete den Kindergarten nebenan, eine Drohne schlug im Haus nebenan ein.

„Wir arbeiteten trotz des Alarms. Es geht nicht darum, dass wir keine Angst haben. Jeder normale Mensch hat davor Angst“, erzählt Didenko. Das Leben und die Gesundheit der Opfer gehe aber vor. „Jede Minute, jede Sekunde spielt eine sehr große Rolle. Wir können sie nicht einfach zurücklassen, uns irgendwo verstecken, in dem Wissen, dass dort möglicherweise Menschen sind.“

Leid im Ukraine-Krieg: „Was ist meine Müdigkeit im Vergleich zu dem, was die Menschen verloren haben?“

Viele Stunden verbringen Didenko und sein Team in schwerer Schutzausrüstung mit gepanzerten Helmen, kugelsicheren Westen und auf kleinem Raum, um die verschütteten Bewohner zu retten, teils bei brütender Hitze: „Wir sind stolz darauf, denn jedes gerettete Leben zählt.“ Es dauerte den ganzen Tag und eine weitere Nacht, alle Trümmer beseitigen und Wohnungen durchsuchen zu können. Für einige Bewohner des Hauses konnten Didenko und seine Kollegen trotzdem nichts mehr tun. Sie wurden tot aus den Trümmern geborgen.

Für die Angehörigen bedeutet das viele Stunden qualvoller Ungewissheit – für die Psychologinnen des DSNS, die die Wartenden stundenlang betreuen, emotionale Schwerstarbeit im Akkord. Eine von ihnen ist Ljubow Kirnos. Neben hunderten aufgelöster Bewohner, die am frühen Morgen unter Schock stehen, betreut sie an diesem Tag auch jene Familien, die auf ein Lebenszeichen ihrer Lieben warten. „Besonders wenn eine Person ganz allein ist, ist unsere Präsenz sehr wichtig“, erklärt Kirnos. Wieder einmal wurde fast die gesamte Familie im Haus einer jungen Frau getötet. „Sie war allein, hatte ein kleines Kind bei Verwandten. Wir waren ständig an ihrer Seite.“ 

Psychologinnen von Polizei und DSNS betreuen wartende Angehörige.

Psychologinnen von Polizei und DSNS betreuen wartende Angehörige. © Kristina Thomas

Für Kirnos und ihre Kolleginnen bedeutet der intensivierte russische Luftterror vor allem eines: dass sie lernen müssen, den ungeheuren Schmerz ihrer Schutzbefohlenen wie am Fließband zu bewältigen. „Ich versuche, nicht den Mut zu verlieren. Sobald ich anfange, mich selbst zu bemitleiden und sage, dass ich müde werde, geht es bergab.“ Kirnos nimmt sich dann Auszeiten, um neue Kraft zu tanken. „Ich erlaube mir nicht mehr, zu sagen, dass ich müde bin. Was ist schon meine Müdigkeit im Vergleich zu dem, was die Menschen verloren haben? Wir müssen einfach arbeiten, Punkt.“

Als sie an ihren achtjährigen Sohn denkt, kommen ihr dennoch die Tränen: „Ich erlebe häufiger, dass ein Kind beide Eltern verliert. Das ist meine größte Sorge, dass mein Sohn allein zurückbleibt.” Seinetwegen sei sie vorsichtig, sagt Kirnos, deren Mann auch Rettungskraft des DSNS ist. „Deshalb gehe ich in den Schutzraum. Ich schaue stets in den Himmel. Wenn ich etwas sehe, wie heute, als sie uns auf dem Weg zum Einsatzort beschossen, dann verstecken wir uns, ziehen kugelsichere Westen und Helme an, wir schützen uns.“

Noch würden die Rettungskräfte das Ausmaß bewältigen, sagt Didenko. „Die Situation ist etwas schwierig. Aber wir schaffen das.“ Bislang können sich die Männer und Frauen abwechseln. „Wir haben viele Retter, die an verschiedenen Orten arbeiten können. Wir rotieren Personal alle acht Stunden, weil eine Person danach nicht länger wirksam ist.“ Zu der physischen Belastung kommt aber die psychische: Didenko erinnert sich noch gut an den Beginn der Vollinvasion und die ersten Toten. An 90 Prozent seiner Einsätze könne er sich bis heute erinnern, besonders wenn es um Wohnhäuser ginge. „Zuerst war es, mit einem Wort, furchtbar, aber dann gewöhnt man sich leider daran. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wir kommen zurecht – das ist nun mal unser Job.“

Russland hat seine Abschussanlagen wohl näher positioniert – um die ukrainische Frühwarnung auszuhebeln

Dennoch wünschte sich Didenko manchmal, mehr Menschen würden rechtzeitig Schutzräume aufsuchen. „Mit meiner Frau gehen wir immer in den Schutzraum – bei jedem Alarm.“ Doch er weiß auch: Oft bleibt den Menschen kaum Zeit, rechtzeitig in Sicherheit zu gelangen. „Bei Ballistikgefahr haben die Menschen bis zum Einschlag nur drei Minuten Zeit und nachts sind die Menschen vielleicht in einen tiefen Schlaf gefallen.“ Eine Familie, die sein Team in dem Haus im Bezirk Podil nur noch tot im eingestürzten Treppenhaus bergen konnte, war gerade auf dem Weg in den Schutzraum. „Leider fanden wir das zehnjährige Kind, die Mutter und den Vater übereinander tot im Treppenhaus. Sie haben es nicht mehr rechtzeitig geschafft.“

Diese Gefahr hat sich vergangene Woche noch verschärft: Zwei Mal wurden die Bewohner Kyjiws nachts von den Explosionen durch eintreffende ballistische Raketen geweckt. Erst Minuten später ertönte der Luftalarm. Ein möglicher Grund: Russland hat seine Abschussanlagen wohl noch näher positioniert, um die ukrainischen Frühwarnsysteme auszutricksen. 

Der Juni war der bislang tödlichste Monat für Zivilisten im Ukraine-Krieg. Für die Menschen in Städten wie Kyjiw und Odesa bedeutet das, permanenter Raketengefahr ausgesetzt zu sein, ohne sich in Sicherheit bringen zu können. Für Retter wie Didenko hingegen, dass sie mit vielen weiteren Einsätzen rechnen müssen – bis die Ukraine wieder entsprechende Abwehrraketen hat. (Quellen: Eigene Recherchen und Gespräche in Kyjiw)