„Wir sind wie ein Räderwerk“ – Hinter den Kulissen bei einer Aufführung von „Parzival“

Stand: 11.08.2026, 19:00 Uhr

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Thomas Schäfer überwacht am Inspizientenpult den Ablauf der Vorstellung und steuert die Technik.

Thomas Schäfer überwacht am Inspizientenpult den Ablauf der Vorstellung und steuert die Technik. © Zoé Fischer

Melita Jurisic spielt die Gralshüterin Kundrie bei den Bad Hersfelder Festspielen. Das Maskenteam klebt ihr dafür eine Glatze und schminkt sie aufwendig – länger als sie auf der Bühne steht.

Bad Hersfeld – Um 18.30 Uhr schaut das Festspiel-Team gebannt in den Himmel. Zwei Stunden vor der Aufführung von „Parzival“. Regen ist angekündigt. Noch ist davon nichts zu spüren. Die Vorbereitungen für die Aufführung beginnen. Martin Wenk von der Live-Band The Dark Knights spielt sich auf der E-Gitarre ein. Nebenbei läuft der Soundcheck. Gerade wird Jörg Thieme verkabelt. Eine große, blutende Wunde klafft an seinem Bauch, die das Maskenteam täuschend echt gestaltet hat. Der Raum der Maskenbildner ist voller Schminktaschen, großer Spiegel und Regalen mit Perücken und Bärten.

Thieß Brammer wird in der Maske von Michael Seel für seine Rolle als Parzival geschminkt.

Thieß Brammer wird in der Maske für seine Rolle als Parzival geschminkt. © Zoé Fischer

Dort schminkt Michael Seel gerade Thieß Brammer für seine Rolle als Parzival. „Ich bin noch ein wenig aufgeregt, aber es ist nicht mehr so schlimm wie bei der Premiere“, sagt er. „Allerdings bin ich gespannt, wie es wird, wenn es regnet.“ Gegenüber von Thieß Brammer wird gerade die Schauspielerin Melita Jurisic für die Rolle der Gralshüterin Kundrie angekleidet. Stephanie Hanf, die Maskenleiterin, erklärt, dass es eine aufwendige Maske ist. „Wir müssen ihr unter anderem eine Glatze kleben.“ „Am Anfang habe ich zwei Stunden in der Maske verbracht, das ist mehr Zeit als auf der Bühne. Jetzt geht es aber ein bisschen schneller“, sagt Melita Jurisic. „Wenn ich das Kostüm trage, fühle ich mich sofort in der Rolle.“

Das Räderwerk hinter der Bühne bei den Bad Hersfelder Festspielen läuft

Auf der Bühne hört man unterdessen von fern Gewitterdonner. Davon unbeirrt scheint Thomas Schäfer, der Festspielinspizient: „Normalerweise betrifft der Regen uns nicht. Wenn es aber gewittert, müssen wir die Aufführung abbrechen.“

Da fallen auch schon die ersten Tropfen. „Regen ist flüssiger Sonnenschein“, verbreitet Samuel von den Bühnentechnikern Optimismus. Währenddessen kommt der Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr. Er schaut auf seine Wetter-App. „Die Regenwolke wird nördlich von uns abziehen“, sagt er und unterschreibt das Dokument für die Sicherheitssitzung. Die Aufführung kann stattfinden.

Langsam lässt der Regen nach und das Wasser wird mit Wischern von der Bühne abgezogen. Thomas Schäfer rät den Schauspielern trotzdem, auf der Bühne langsam zu gehen. Besonders Varia Sjörström, die Königin Herzeloyde spielt, muss mit ihren Absatzschuhen aufpassen.

Pünktlich um 20 Uhr gibt Thomas Schäfer das Zeichen für den Einlass: „Fanfare go“. Während die Zuschauerinnen und Zuschauer langsam nach ihren Plätzen suchen, achtet Thomas Schäfer darauf, dass die weiße Linie hinter der Bühne nicht mehr überschritten wird. Sie markiert das Sichtfeld des Publikums.

Melita Jurisic sitzt bei den Technikern. Sie ist eine der wenigen, die lieber Backstage auf ihren Einsatz wartet, statt in den Garderoben. „Hier kann ich in der Nähe der Bühne sein und die Atmosphäre spüren“, erklärt sie und geht abermals ihr Skript durch. Ihre Texte sind teilweise auf Kroatisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Mittelhochdeutsch.


Die vom Regen nasse Bühne bringt neue Herausforderungen für die Darsteller.

Die vom Regen nasse Bühne bringt neue Herausforderungen für die Darsteller. © Zoé Fischer

Es ist 20.15 Uhr. „Die Damen und Herren vom Ton bitte auf Position“, macht Thomas Schäfer die Ansage durch sein Walkie-Talkie. Jemand vom Festspielteam kommt mit einer Liste. „Habt ihr schon getippt?“, fragt er in die Runde. Es ist ein kleines Ratespiel unter dem Team, wenn die Sitzplätze nicht ausverkauft sind. Thomas Schäfer findet das wichtig: „Wir sind wie ein Räderwerk und arbeiten alle an unterschiedlichen Plätzen. Aber damit es auch funktioniert, ist der Teamspirit wichtig.“ 757 Besucher sind es an diesem Abend. Die Gewinnerin der Wette bekommt ein „besonderes kleines Geschenk“, sagt Thomas Schäfer lächelnd. Er protokolliert die Besucherzahl sowie den Beginn der Aufführung in dem Vorstellungsbericht und gibt das letzte Fanfaren-Signal.

20. 30Uhr – Die Aufführung beginnt. Der Inspizient verfolgt im Regiebuch den Text der Schauspieler, wo auch Stichwörter für Licht, Ton und Technik stehen. Er spricht den Text mit und schmunzelt dabei, weil er alles auswendig kann. Früher als sonst gibt er den Bühnentechnikern das Zeichen, um eine Treppe nach vorn zu schieben. „Weil es so rutschig ist.“ Dafür drückt er auf seinem Inspizientenpult auf die Tasten, um die versteckten Lampen anzuschalten. „Rot heißt ‚Achtung‘ und aus heißt ‚los‘“, sagt er.

„Jetzt kommt die Neun-Sekunden-Schwangerschaft“, schmunzelt er und beobachtet auf dem kleinen Bildschirm über dem Pult, wie die Königin Herzeloyde nach einem Kuss mit dem König Gahmuret plötzlich schwanger wird. „Sie hat sich heimlich ein Kissen hochgeschoben“, erklärt Thomas Schäfer.

Die Statisten halten sich bereit, um mit Ästen einen Wald darzustellen, durch den Parzival gehen wird. Sie lauschen auf den Text und lachen bei lustigen Stellen. Thomas Schäfer lacht mit.

Mit einem „Achtung: Winter und go“ schickt er die Statisten auf die Bühne und ruft bereits den König Arthur und die Ritter in die Apsis. Als sie auf die Bühne gehen, merken die Tontechniker, dass das Mikrofon des roten Ritters falsch sitzt. Unbemerkt wird er kurz von der Bühne geholt. „Man muss in solchen Situationen immer ruhig bleiben“, sagt Thomas Schäfer.

„Achtung für den letzten Umbau“

Ab und zu bedienen sich die Darsteller und das Technikteam an den drei großen Gummibärchenschalen, die neben dem Inspizientenpult und der Tontechnik stehen. Ein großer, roter Halbkreis wird zum Rollen auf die Bühne vorbereitet. Kundrie steht bereits darauf, doch der Gralskönig fehlt noch. Schnell springt er auf, bevor der Halbkreis ohne ihn fährt. Im Nachhinein sagt Jörg Thieme, der Gralskönig: „Heute war‘s mal knapp.“

Ein Kostümwechsel findet statt. Die Schauspieler ziehen schnell rote Kutten an. Maskenbildner assistieren. Ein neuer Bart wird aufgeklebt. Jeder Handgriff sitzt. Bei Musicals müssen die Schnellumzüge sogar noch schneller erfolgen. Eine Unterhose liegt in der Ecke hinter der Bühne für Thieß Brammer bereit, der dort gleich vor Kummer und Verzweiflung seine Kleidung von sich reißt und von sich wirft. „Das Team wird sich freuen, das alles aufzusammeln“, grinst Thomas Schäfer.

„Achtung für den letzten Umbau“, ruft er um 22.30 Uhr. Sechs Minuten später ist das Stück mit einer leichten Verzögerung beendet und alle Schauspieler versammeln sich Backstage. Thieß Brammer zieht seine Unterhose an, da rennen die ersten Schauspieler unter lautem Applaus auf die Bühne. Auf ein Lichtzeichen hinter dem Publikum verbeugen sie sich gleichzeitig. Danach beginnen die Darsteller, ihre Mikros und Kabel abzukleben.

Thomas Schäfer holt aus einer Brotdose Nussecken hervor und bietet sie allen an. „Unbedingt“ und „Wow“ sind die Reaktionen. Die Nervosität fällt ab. Feierabend. Es ist 22.50 Uhr. (Von Zoé Fischer)