Wladimir Putin lässt Russland wählen: "Das schrecklichste Ergebnis dieser Wahl"
Putin lässt Russland wählen
"Das schrecklichste Ergebnis dieser Wahl"
Aktualisiert am 21.09.2026 - 13:29 UhrLesedauer: 6 Min.
Russland hat gewählt – mit weitreichenden Folgen. Denn Wladimir Putin hat die Wahl mit einer Abstimmung zu seinem Krieg gegen die Ukraine gleichgesetzt. Er forderte Loyalität. Und die Russen gehorchten.
Russland hat drei besondere Tage hinter sich. Drei Tage lang haben die Menschen im Land Abgeordnete für die Staatsduma und zahlreiche Regional- und Kommunalregierungen gewählt. Am Ende dieser drei Tage verkündete der Kreml ein Ergebnis, das bereits lange zuvor feststand.
Begonnen haben die Wahlen am vergangenen Freitag im Fernen Osten Russlands. Schon am ersten Morgen zeigte sich, wie unfrei diese tatsächlich waren. Beschäftigte des öffentlichen Dienstes wurden zu der Wahl beordert. Ihnen teilte man nicht nur mit, zu welcher Uhrzeit sie wählen sollten, sondern nannte auch konkrete Namen, bei denen sie das Kreuzchen zu setzen hatten – Namen aus den Listen der Regierungspartei Einiges Russland.
Das belegen etliche Berichte von Menschen, die trotz Social-Media-Sperren entsprechende Anweisungen posteten und ihre Geschichten erzählten. Aber auch Wahlbeobachter von russischen Parteien berichteten ähnliches ebenso wie oppositionelle Organisationen wie die Antikorruptionsstiftung (FBK) des verstorbenen Alexej Nawalny, lokale russische und unabhängige Medien im Exil und die Kandidaten selbst oder auch Menschenrechtsorganisationen wie "7x7. Horizontales Russland".
Wen die Menschen in Russland wählen, entscheidet der Kreml
Lehrer, Ärzte, Sanitäter, Erzieher, Angehörige der Feuerwehr und Polizei, Bibliothekare oder Universitätsangestellte – wen die Millionen Staatsbediensteten Russlands wählten, überließ die Staatsmacht demnach nicht dem Zufall.
- Eine Lehrerin aus der Region Swerdlowsk berichtete, dass Beschäftigte der städtischen Schulen zur Teilnahme an der Wahl gezwungen würden. Denjenigen, die sich weigerten, sei eine Kündigung nahegelegt worden.
- In Berdsk erhielten Schulen und Kindergärten eine Liste mit Kandidaten, für die ihre Angestellten zu stimmen hatten, meldete die Menschenrechtsorganisation wie "7x7. Horizontales Russland".
- In der Region Perm berichteten Beschäftigte des Mineralölkonzerns Lukoil, sie seien von der Unternehmensleitung dazu aufgefordert worden, ein Foto aus dem Wahllokal oder einen Screenshot ihrer elektronischen Stimmabgabe einzureichen.
- Die Bildungsverwaltung des Bezirks Ufa verschickte an die Leitungen von 49 Schulen und Kindergärten die Anweisung, für bestimmte Kandidaten der Partei Einiges Russland zu stimmen.
- Im Gebiet Samara erklärte der Kandidat der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF), Michail Abdalkin, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes würden dazu gedrängt werden, die Kandidatin der Partei Einiges Russland, Jelena Pachomowa, zu unterstützen.
Jedes Los verrät den Wähler
Um ihren Wahlgang zu belegen, wurden viele Russen aufgefordert Fotos in den Wahllokalen zu machen, samt dem Stimmzettel auf dem die Kreuzchen zu sehen sind. Im Gebiet Swerdlowsk erklärte der Kandidat für den Stadtrat von Karpinsk, Dmitri Duma, dass sich Beschäftigte aus Kultur- und Bildungseinrichtungen an ihn gewandt hätten. Ihren Angaben zufolge verlangte die Leitung, unter persönlicher Aufsicht elektronisch abzustimmen. Wer sich weigere, dem wurde nahegelegt, "ein Kündigungsschreiben einzureichen".
Doch an einigen Stellen war dies offenbar nicht genug: In Jakutsk sollen Lehrer gezwungen worden sein, nicht nur über ihre eigene Wahlteilnahme, sondern auch über die der Eltern ihrer Schüler Bericht zu erstatten. Klassenlehrer mussten demnach alle zwei Stunden melden, welche Eltern ihrer Schüler bereits abgestimmt haben, berichtet das Medium "Sota".
Russland setzt auf digitale Stimmabgabe unter Zwang
Vereinfacht wurden Manipulationen offenbar durch die sogenannte elektronische Fernabstimmung. Staatsbedienstete – und nicht nur diese – sollen genötigt worden sein, ihre Stimme digital abzugeben. Trotz Zensur und der Blockade von sozialen Medien ist das Netz voll von entsprechenden Anordnungen, die viele Menschen zum Beleg posteten.
In der Region Altai verschickte etwa der stellvertretende Gesundheitsminister, Witali Lasarew, demnach via Telegram eine Nachricht an seine Untergebenen in den Kliniken und Krankenhäusern der Region. Bis 12 Uhr Ortszeit sollten 90 Prozent der für die elektronische Fernabstimmung registrierten Personen ihre Stimme abgegeben haben, befahl er.
"Unter Androhung einer Entlassung zum Wählen gezwungen"
Der Druck zur digitalen Stimmabgabe war bereits am ersten Tag der vermeintlichen Wahl so offenkundig, dass das Regionalkomitee der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) in der Region Altai damit drohte, die Ergebnisse der Online-Abstimmung nicht anzuerkennen.
Die Duma-Abgeordnete aus der Region und Vorsitzende des örtlichen Parteiverbands, Maria Prussakowa, erklärte auf der offiziellen Website ihrer Partei: "Unter Androhung einer Entlassung werden die Menschen heute faktisch nicht nur zum Wählen gezwungen, sondern bekommen auch konkrete Namen zugeschickt." Diejenigen, die "dieses Verbrechen organisieren", hofften, dass die Menschen aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, sich "auf dieses Verbrechen einlassen", fügte sie hinzu. Dabei ist die Kommunistische Partei keineswegs regimekritisch. Sie gehört seit Jahrzehnten zur sogenannten Systemopposition und trägt den Kurs des Kreml in Gänze mit.
Wahlbeobachter ausgetrickst und eingeschüchtert
Dennoch wurden allein am ersten Tag der sogenannten Wahl fast 1.300 Wahlbeobachter der Kommunisten und der Partei Jabloko in verschiedenen Regionen Russlands nicht zu den Wahllokalen zugelassen. In der Stadt Ufa soll Wahlbeobachtern Wodka angeboten worden sein, dabei gilt in Wahllokalen ein absolutes Alkoholkonsumverbot. In der Region Tschuwaschien soll es Versuche von Bestechungen gegeben haben, damit Beobachter nicht in die Wahllokale kommen.
In der Stadt Schtscholkowo in der Region Moskau sollen sogar "Beobachter der Beobachter" im Einsatz gewesen sein. Nach Angaben aus dem Stab des Jabloko-Kandidaten Igor Mjakinin tauchten dort wenige Stunden nach der Öffnung der Wahllokale Personen auf, die die Arbeit der Wahlbeobachter von Jabloko "überwachten". Bereits zuvor hatte Mjakinin von Druck auf seine Wahlbeobachter und Drohungen gegen freiwillige Helfer berichtet. Im Wahlkampfstab des Kandidaten wertet man die Vorgänge als Versuch, psychologischen Druck auf Wahlbeobachter auszuüben.
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In Russland stopfen Wahlhelfer Urnen voll
Unabhängige internationale Wahlbeobachter gibt es in Russland ohnehin nicht mehr. Jede politische Partei, die eine landesweite Kandidatenliste registriert hat, und jeder Kandidat, der im jeweiligen Einmandatswahlkreis zugelassen wurde, können aber Beobachter aufstellen – ebenso wie die Zentrale Wahlkommission. Diese hat in zahlreichen Wahllokalen sogar Kameras angebracht, die ihre Aufnahmen live in die Zentrale übertragen. Doch das verhindert keine Manipulationen. Im Netz kursieren zahlreiche geleakte Aufnahmen, auf denen Wahlhelfer haufenweise Stimmzettel in die Urnen werfen – während die Kameras auf sie gerichtet sind.
Wozu noch Wahlen fälschen?
Die Liste an Wahlfälschungen und Manipulationen ließe sich fortsetzen. Doch wozu macht sich der russische Machtapparat überhaupt diese Mühe? In Russland gibt es keine Opposition mehr. Alle gesellschaftlichen Akteure befinden sich unter der Kontrolle des Kremls. Putin herrscht längst wie ein Diktator, der für seine Regierungspartei und den ihm genehmen Abgeordneten jedes Wahlergebnis erfinden kann, das ihm beliebt.
Doch es geht ihm offenbar darum, den Schein zu wahren. Putin ist stets bemüht, sein Vorgehen auf eine juristische Grundlage zu stellen. Mal lässt er die Verfassung ändern, damit er weitere Amtszeiten als Präsident im Kreml bleiben kann. Mal lässt er vermeintliche Volksabstimmungen abhalten, um sich fremde Gebiete einzuverleiben.
Wladimir Putin setzt Wahl mit Abstimmung zum Krieg gleich
Zwei Tage vor der Duma-Wahl wandte sich Putin in einer seltenen Ansprache an sein Volk. Darin setzte er den Wahlausgang zugunsten der Regierungspartei mit der Zustimmung seines Kriegs gegen die Ukraine gleich. "Unsere Helden auf dem Schlachtfeld schmieden den Sieg", erklärte er. Die Wahl werde zeigen, dass "hinter unseren Kämpfern Millionen Menschen stehen, dass wir ein geeintes Volk sind, verbunden durch gemeinsame Werte, historisches Gedächtnis und die Liebe zum Vaterland.".
Putin beendete seine Botschaft mit den Worten: Die Wahl werde "unsere gemeinsame Antwort an diejenigen sein, die Russland schwächen, seine Entwicklung bremsen und uns unserer Souveränität und des Rechts berauben wollen, selbst über unser Schicksal zu bestimmen. Die Teilnahme an den Wahlen ist unser gemeinsamer Beitrag zum Sieg Russlands."
"Das ist das schrecklichste Ergebnis dieser Wahlen"
Der russische Verleger und Oppositionsaktivist Sergej Parchomenko sieht in der Wahl "eine schreckliche, massenhafte Korrumpierung von Menschen", die nicht ohne Folgen bleibe. "Denn diese Menschen wissen, dass sie eine Straftat begehen, sie wissen, dass sie Teil dieser Maschinerie sind, und sind anschließend gezwungen, deren Entscheidungen selbst zu unterstützen und sich dem Ganzen unterzuordnen", erklärte er in einem Gespräch mit dem unabhängigen TV-Sender Dozhd.
Die Menschen, die sich an den Manipulationen beteiligt haben, wüssten, dass sie sich schuldig gemacht haben. Das sei das "schrecklichste Ergebnis dieser Wahlen", sagte Parchomenko. "Denn es sind Millionen Menschen, die daran beteiligt sind. Das ist eine gigantische Armee." Und noch größer sei die Armee jener, die sich den Manipulationen beugen und gehorchen.
"Das korrumpiert die Menschen, das macht sie zu einer Herde, das macht sie zu Vieh. Der Tag dieser Wahlen ist im Grunde ein Tag, an dem eine riesige Zahl von Menschen zum Vieh gemacht wird. Sie werden gezwungen, der Staatsmacht auf diese Weise die Treue zu schwören", lautet Parchomenkos Fazit.
Wahlen in Russland: "Das ist eine Art Dressur, wie bei Hunden"
Der russische Politologe Iwan Preobraschenski bewertet die Wahl sehr ähnlich: "Die Bevölkerung soll Loyalität demonstrieren", sagte er in einer Sendung des russischsprachigen Fernsehsenders Current Time. Mit der Wahl werde sie dazu gezwungen. "Das ist eine Art Dressur, wie bei Hunden. Durch Zwang bringt man die Menschen dazu, zur Wahl zu gehen und ihre Loyalität gegenüber den derzeitigen Machthabern zu demonstrieren."
Offenbar mit Erfolg. Am Montagmorgen folgte die wenig überraschende Nachricht: Putins Regierungspartei Einiges Russland kommt über die föderale Parteiliste auf 57,82 Prozent der Stimmen. Das geht aus den Daten der Zentralen Wahlkommission vom Morgen des 21. September nach Auszählung von 83,52 Prozent der Wahlprotokolle hervor.
Prognosen der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge ist die Regierungspartei damit auf dem besten Weg, ihre Zweidrittelmehrheit in der 450 Sitze umfassenden Staatsduma zu verteidigen – was ihr Verfassungsänderungen ermöglichen würde.