Wie Darja Varfolomeev die Rhythmische Sportgymnastik dominiert
Das perfekt geschminkte, langbeinige Wesen schreitet mit der Selbstsicherheit, Anmut und Unterkühltheit eines erfahrenen Models den kurzen Catwalk entlang. Im Scheinwerferlicht angelangt, bekunden Fans lauthals ihre Begeisterung. Was wie das Defilée einer Haute-Couture-Schau exzentrischer Bademoden anmutet, ist der Einmarsch von Darja Varfolomeev auf die Wettkampffläche der olympischen Disziplin namens Rhythmische Sportgymnastik. Bei der Weltmeisterschaft in der Frankfurter Festhalle gewann sie am Freitag den Titel im Mehrkampf und am Sonntag Gold mit dem Ball, Gold mit dem Band und Bronze mit dem Reifen. Sie überzeugte mit Höchstschwierigkeiten, Präzision und ihrer beeindruckenden Wettkampfstärke.

Schon als Fünfzehnjährige hatte Dasha, wie sie genannt wird, 2022 ihren ersten WM-Titel gewonnen. Groß, dünn, technisch hervorragend und ausdrucksstark – von Beginn an galt sie auf internationaler Bühne als Verkörperung der Ideale dieser Sportart. Die seitdem ausgetragenen Weltmeisterschaften dominierte sie. 2024 wurde sie die erste deutsche Olympiasiegerin in der einzigen olympischen Disziplin, die Frauen vorbehalten ist. Der Mehrkampfsieg in Frankfurt war der dritte in Folge und insgesamt ihre zwölfte Goldmedaille bei einer Weltmeisterschaft. Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch.
Bilderbuchkarriere nach dem Plan ihrer Mutter
Eine Karriere, die einem Plan folgt, dem Plan ihrer Mutter Tatjana, selbst ehemalige Gymnastin ohne größeren Erfolg. Ihr dreijähriges Kind brachte sie ins lokale Zentrum der Rhythmischen Sportgymnastik „Perle des Altai“ in ihrer westsibirischen Heimat Barnaul. Das zierliche Kind übte tapfer. Aber in Russland, wo diese Sportart erfunden wurde und sich größter Popularität erfreut, blieb sie zu schlecht, um das Interesse der Moskauer Zentrale zu wecken. Man habe Trainingsoptionen in Belarus und der Ukraine gehabt, berichtete Vater Dimitri 2022, in Deutschland aber habe es Verwandte gegeben. Tatjana schickte ein Bewerbungsvideo.
Im Sommer 2018 wird die Elfjährige zum Probetraining ins Schmidener Nationalmannschaftszentrum eingeladen. Die verantwortlichen Trainerinnen sind begeistert, die Formalitäten aufgrund des deutschen Großvaters unproblematisch. So zieht Dasha kurz darauf über sechs Zeitzonen hinweg allein nach Schmiden ins Internat, gerade mal zwölf Jahre alt. Sie steht morgens um sechs Uhr auf, nimmt den Bus zum Deutschkurs, dann trainiert sie. Das sei sehr schwer gewesen, so Varfolomeev 2023, weil sie damals nicht verstanden habe, wofür sie das mache.
Das änderte sich rasch. Unter der belarussischen Trainerin Yuliya Raskina-Rizzo wurde Varfolomeev immer besser und begann, die Auftritte vor großem Publikum zu lieben. Vor den Spielen in Paris trainiert sie bis zu 60 Stunden pro Woche. „Das war mein Traum, seit ich klein war“, sagte sie nach dem Sieg. In Frankfurt obsiegte Darja Varfolomeev auch über die Russinnen, die erstmals seit 2022 wieder antraten, wenn auch ohne Flagge und Hymne. Und mit dem Titel gewann sie auch einen Startplatz für Deutschland für die nächsten Olympischen Spiele. 2028 wird sie 21 Jahre alt sein.