Wohl älteste Schiffsüberreste der Welt vor türkischer Küste entdeckt
Seehandel zur Pyramidenzeit
Wohl älteste Schiffsüberreste der Welt vor türkischer Küste entdeckt
Das Holz ist längst verschwunden, die Ladung blieb aber erhalten. Anhand der Amphoren datiert ein Forschungsteam den Untergang auf die Zeit zwischen 2700 und 2400 v. Chr.
Thomas Bergmayr
Vor der Südküste der Türkei, nahe der Insel Kekova westlich von Antalya, wurden die Überreste eines Frachtschiffs aus der frühen Bronzezeit entdeckt. Vom Schiff selbst ist in Wahrheit nichts mehr übrig, wohl aber von seiner Ladung, anhand der sich die ursprüngliche Größe des Schiffs schätzen lässt.
Die Keramik half einem Forschungsteam, den Untergang auf die Zeit zwischen 2700 und 2400 v. Chr. zu datieren, also auf eine Zeit vor rund 4500 Jahren. Bestätigt sich das, wäre es der älteste bekannte Schiffsfund der Welt. Den bisherigen Rekord hält ein Wrack vor der griechischen Insel Dokos, sein Alter wird auf etwa 4200 Jahre geschätzt.
Entdeckt hat die Überreste Hakan Öniz von der Akdeniz-Universität in Antalya, der seit Jahrzehnten an dieser Küste antike Schiffe ausgräbt. Den entscheidenden Hinweis bekam er 2024 von einheimischen Seeleuten. Auf einem felsigen Unterwasserhang in rund 30 Metern Tiefe stieß das Team auf drei große Steinanker und mehr als 30 Amphoren, große Vorratsgefäße aus Ton. Die Länge des Schiffs schätzen die Archäologen aufgrund der Fundumstände auf etwa zehn Meter. Vier Monate lang lösten Taucher die Gefäße aus dem Hang, an dem sie mit Seepocken festgewachsen waren. Seither werden sie konserviert.
Keramik verrät das Alter
Weil kein Holz erhalten ist, scheidet eine Radiokarbondatierung aus. Die Forschenden halten sich deshalb an die Amphoren. Gefäßformen wandeln sich mit der Zeit, charakteristische Typen lassen sich daher bestimmten Epochen zuordnen. Die Krüge von Kekova sind bauchig, haben einen flachen Boden und zwei Henkel, viele tragen einen erhabenen Tonwulst um die breiteste Stelle. Form und Machart gleichen Gefäßen aus Ägypten und dem Nahen Osten, deren Alter bereits bekannt ist.
Öniz hat keinen Zweifel an der zeitlichen Einordnung. "Wenn wir die Verzierungstechniken vergleichen, können wir eindeutig sagen, dass unser Wrack aus der Frühbronzezeit stammt. Das ist hundertprozentig", sagte er gegenüber der BBC. Beim genauen Alter halten sich die Beteiligten jedoch noch zurück. An der Datierung werde noch gearbeitet, heißt es aus dem Team, etwas frühere oder spätere Daten seien möglich. Die bisherigen Ergebnisse wurden im Journal of Maritime Archaeology vorgestellt.
Der mögliche Rekord bezieht sich auf die Überreste insgesamt. Das älteste bekannte Schiff, dessen hölzerner Rumpf noch erhalten ist, liegt im Schwarzen Meer vor Bulgarien und ist rund 2400 Jahre alt.
Nahrungsreste in den Krügen
Als die Archäologin Karin Sowada von der australischen Macquarie University die geborgenen Amphoren untersuchte, fand sie in einigen intakten Exemplaren eine zähflüssige, glänzende Masse. "Ich habe hineingeschaut und wäre fast in Ohnmacht gefallen", erzählt sie. "Ich konnte nicht glauben, wie viel davon zu sehen war. Das waren nicht bloß ein paar Flecken, ein Großteil des Materials war noch vorhanden."
Was die Krüge enthielten, ist noch offen, die Analysen laufen. Olivenöl käme infrage, ebenso Wein oder Baumharz. Sowada gibt allerdings zu bedenken, dass die Rückstände auch von einer späteren Nutzung stammen könnten. Gefäße dieser Größe habe man nicht einfach verschickt und abgeschrieben, sondern nach der Ankunft geleert und womöglich viele Jahre lang weiterverwendet.
Auch über die Herkunft der Ladung gibt es erste Vermutungen. Einige der Wulstkrüge oder zumindest der Ton, aus dem sie gefertigt wurden, könnten aus dem zentralen Jordantal stammen. Das Schiff könnte seine Fracht aber ebenso gut in mehreren unterschiedlichen Häfen an Bord genommen haben.
Handel zur Zeit der Pyramiden
Über den Handel im östlichen Mittelmeer während des dritten Jahrtausends v. Chr. weiß man deutlich weniger als über spätere Epochen. Bekannt ist er vor allem aus ägyptischen Texten, aus Keramik und aus Rohstoffen in Gräbern. In Ägypten regierten damals die Könige des Alten Reichs, in Gizeh entstanden die großen Pyramiden. Über den Hafen von Byblos im heutigen Libanon holte das Reich am Nil, was ihm fehlte, darunter Zedernholz, Zinn und Blei, Öle und Harze, Lapislazuli und Silber.
Silber bezog Ägypten um 2600 v. Chr. sogar aus den Minen von Lavrion bei Athen. Dass ägyptische Schiffe so weit fuhren, halten die Forschenden für unwahrscheinlich, Boote wie jenes von Kekova könnten aber Teil eines weit gespannten Netzes gewesen sein. Seewege gab es in der Ägäis längst: Auf den Kykladen tauschte man Obsidian, Kupfer und Silber von Insel zu Insel. Gravuren aus jener Zeit zeigen lange Paddelboote mit 15 bis 20 Mann Besatzung und großer Fracht. Solche Schiffe konnten die Ägäis in etwa zwei Wochen durchqueren, schätzen Archäologinnen und Archäologen.
In welche Richtung das Schiff unterwegs war, lässt sich heute nicht mehr feststellen, nur dass es die türkische Südküste entlangfuhr. Seine Lage zwischen zwei Inseln deutet darauf hin, dass die Besatzung bei einem Sturm im Windschatten Schutz suchte. Möglicherweise stammten die Seeleute aus der Levante. Die Gewässer um Kekova sind für starke Strömungen und Winde berüchtigt, Hunderte Wracks liegen dort auf dem Grund. (Thomas Bergmayr, 16.10.2026)
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