Wohnhügel statt Hochhaus: Wie die Menschen in Sachsen-Anhalt das "Hochwohnen" erfunden haben

Groß Rosenburg: Überblick über die Grabungsflächen.

AUDIO: Über Jahrtausende in die Höhe gewohnt (1 Min)

Wohnhügel von Groß Rosenburg

In Sachsen-Anhalt haben sich Menschen über Jahrtausende in die Höhe gewohnt

Stand: 14.08.2026 13:32 Uhr

Bereits vor 7.500 Jahren begannen Menschen an der Saale im heutigen Sachsen-Anhalt, sich in die Höhe zu wohnen. Über Jahrtausende besiedelten sie einen Wohnhügel nahe Groß Rosenburg, der immer weiter wuchs und für Archäologen heute ein El Dorado ist.

von MDR WISSEN

Haben Sie schon einmal etwas von "Hochwohnen" gehört? Das hat nichts mit "Hochwohlgeboren" zu tun. Bei Groß Rosenburg an der Saale im heutigen Sachsen-Anhalt haben sich Menschen über Tausende Jahre sprichwörtlich in die Höhe gewohnt. Das heißt, sie lebten über sehr lange Zeit an demselben Platz. Durch ihre Abfälle, den Schutt von Häusern und all den anderen Dingen, die Menschen an ihren Wohnorten hinterlassen, türmte sich über die Jahrtausende ein regelrechter Wohnhügel auf. In der fruchtbaren, aber stets hochwassergefährdeten Saale-Aue war das ein klarer Standortvorteil.

Bereits vor 7.500 Jahren besiedelt

Die erhöhte Lage sorgte neben den fruchtbaren Böden des Umlandes dafür, dass Menschen den acht Hektar großen Wohnhügel von Groß Rosenburg über einen so langen Zeitraum immer wieder besiedelten. Bereits vor 7.500 Jahren, also zu Beginn des Frühneolithikums (5.500 v.Chr.), lebten, arbeiteten und starben hier die ersten Menschen, wie archäologische Untersuchungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt ergaben. Weitere Siedler folgten im Mittelneolithikum (etwa 5.000 bis 4.500 v.Chr.), der Späten Bronzezeit (1.300 bis 800 v.Chr.) sowie in der Völkerwanderungszeit (375 bis 568 n.Chr.). Im 9. Jahrhundert ließen sich schließlich eingewanderte Slawen auf dem Wohnhügel nieder.

Ausgrabung eines Urnengrabs mit Steinschutz auf dem Wohnhügel von Groß Rosenburg.

Ausgrabung eines Urnengrabs mit Steinschutz auf dem Wohnhügel von Groß Rosenburg.

Deichbau sorgte für Erhalt der Anlage

Ob auf der fast einen halben Kilometer langen, ovalen Anlage von Groß Rosenburg zwischen dem ausklingenden Neolithikum und der einsetzenden Frühbronzezeit ebenfalls Aktivitäten stattfanden oder nicht, können die Archäologen aufgrund des bislang "begrenzten Einblicks" nicht sagen. Nachweisen lässt sich in jedem Falle, dass dort über einen sehr langen Zeitraum Menschen gelebt haben und gestorben sind. Das belegen eine Reihe aufgedeckter Brand- und Körperbestattungen. Dass der Wohnhügel von Groß Rosenburg für die Archäologie so viel zu bieten hat, liegt vor allem daran, dass über der Anlage vor 250 Jahren ein Deich errichtet wurde. Er schützte nach Angaben des Landesamtes den Wohnhügel und damit eine "Siedlungsform, die zwar einst für Mitteldeutschland prägend gewesen sein dürfte, doch vielerorts durch die intensive Landwirtschaft bis zur Unkenntlichkeit abgetragen wurde".

Siedlungshügel in Mitteldeutschland und Europa

In den letzten Jahren wurden verstärkt Siedlungshügel in der sehr fruchtbaren Goldenen Aue bei Sangerhausen, aber auch an der Elbe und ihren zahlreichen Nebenflüssen entdeckt. Charakteristisch ist diese Siedlungsform für den Vorderen Orient, woher der archäologische Fachbegriff "Tell" stammt. Genauso verbreitet sind Wohnhügel zwischen Südosteuropa und der Ungarischen Tiefebene, wo sie häufig im Neolithikum und in der Bronzezeit vorkamen.

idw (dn)