Woran arbeiten Sie gerade?: Saarbrücker Schlagzeuger widmet vergessener Jazz-Legende einen ganzen Abend
Woran arbeiten Sie gerade? Saarbrücker Schlagzeuger widmet vergessener Jazz-Legende einen ganzen Abend
Serie | Saarbrücken · „Woran arbeiten Sie gerade?“ Diese Frage stellen wir Künstlerinnen und Künstlern ganz unterschiedlicher Genres. Das, woran diese Menschen gerade arbeiten, ist nämlich das, was wir als Publikum vielleicht bald zu sehen oder zu hören bekommen. Heute: Schlagzeuger und Bigbandleiter Kevin Naßhan.
06.10.2026 , 23:00 Uhr
Kevin Naßhan beim einem Auftritt der Bigband der Polizei des Saarlandes.
Foto: Sebastian Dingler
Kevin Naßhan ist ein viel beschäftigter Mann. Bis Ende August saß der Schlagzeuger bei der „West Side Story“ am Saarpolygon im Orchestergraben, ein Projekt, das ihn wochenlang forderte. Jetzt richtet er den Blick auf ein Konzert, das ihm besonders am Herzen liegt. Am Montag, 2. November, widmet sein Silent Explosion Orchestra in der Saarbrücker Baker Street einen ganzen Abend dem Arrangeur Bill Holman.
Naßhan ist im Saarland längst eine feste Größe. Das Silent Explosion Orchestra, sein Hauptprojekt, gibt es seit 2014. Der 34-Jährige hat an der Musikhochschule Saarbrücken seinen Bachelor gemacht, danach folgten zwei Master, einer in Mannheim und zuletzt einer in Frankfurt. Dort gibt es einen neuen Bigband-Studiengang in Kooperation mit der HR-Bigband, den er Anfang des Jahres abgeschlossen hat. Einmal im Semester spielte er zusammen mit dieser renommierten Profi-Band: eine Woche Proben, drei Tage Aufnahme, zwei Konzerte. Naßhans fester Job ist allerdings bei der Bigband der Polizei des Saarlandes, der er bald vier Jahre angehört. Dazu unterrichtet er zwei Tage pro Woche an der Musikschule in Luxemburg.
In einen Auftritt fließt viel Recherche – keine ChatGPT-Frage
Seit eineinhalb Jahren gestaltet das Silent Explosion Orchestra die Reihe „Monday Night – Big Band Night“ in der Saarbrücker Baker Street. Jedes Konzert ist darin einer Künstlerpersönlichkeit gewidmet. Was Naßhan daraus macht, geht weit über eine Titelauswahl hinaus. „Ich frage nicht ChatGPT nach drei Titeln, die wir dann nachspielen“, sagt er. Stattdessen liest er Biografien, schaut Dokumentationen und hört sich durch die Karriere der Porträtierten. Wie hat sich ihr Stil verändert? Welche Schlagzeuger saßen bei welchen Aufnahmen hinter dem Kit? Und welche Stücke sind Schätze, die nicht jeder kennt? Das diene der eigenen Bildung, aber auch dem Publikum. Es solle eine Idee davon bekommen, was für ein Mensch ein bestimmter Musiker, eine bestimmte Musikerin gewesen sei. „Wenn man da ein bisschen Feuer entfachen kann“, sagt Naßhan, dann habe sich der Aufwand gelohnt.
Bill Holman ist dafür ein besonderer Fall. Der Saxophonist und Arrangeur, der 2024 starb, hatte sich zwar keinen solchen Namen gemacht wie etwa ein Duke Ellington, wurde in Jazzkreisen aber hoch geachtet und mit mehreren Grammys ausgezeichnet. „Er ist eher ein Musiker-Musiker“, sagt Naßhan. Auf Holman sei er immer häufiger mal aufmerksam geworden. In verschiedenen Bigbands spielte er öfter Arrangements, über denen oben Holmans Name stand. Außerdem arbeitete der Arrangeur mit Mel Lewis zusammen, einem von Naßhans Schlagzeug-Helden. Holman schrieb für Mel Tormé, Count Basie, Terry Gibbs, später auch für Natalie Cole und Michael Bublé. „Das waren alles Leute, die sich die besten Arrangeure ihrer Zeit leisten konnten“, sagt Naßhan.
„Es hat alles seinen Sinn und ist wahnsinnig gut durchdacht“
Was ihn musikalisch fasziniere, sei Holmans Handschrift. Der Amerikaner habe oft sehr polyphon geschrieben, viele Stimmen liefen parallel, nebeneinander oder gegeneinander, die klare Trennung zwischen Melodieinstrument und begleitenden Sätzen löse sich auf. Trotzdem klinge nichts beliebig. „Es hat alles seinen Sinn und ist wahnsinnig gut durchdacht“, schwärmt Naßhan. Für ihn sei Holman ein Musterbeispiel dafür, wie ein Arrangeur einen erkennbaren persönlichen Stil pflegen konnte. Für Naßhan, der ja selbst seine Bigband leitet, ist das Werk Holmans natürlich eine besondere Inspiration. Sich mit ihm vergleichen will er aber ausdrücklich nicht: „Das ist zu hoch gegriffen.“
Ganz oben auf Naßhans Liste stehen zwei Platten: „Brilliant Corners“, auf der Holman Musik von Thelonious Monk für Bigband umgesetzt hat, und „A View from the Side“, ein Album aus den Neunzigern von Holmans eigener Bigband. Dazu kommen Stücke aus Holmans Zeit bei Buddy Rich, wo er als Spieler und Arrangeur wirkte, sowie aus seiner Westcoast-Phase, die eher für kleinere Besetzung geschrieben wurden. Anders als bei Programmen wie etwa zu John Coltrane oder Toto, für die Naßhan Arrangements schreiben ließ, will er dieses Mal so nah wie möglich ans Original herankommen. Die Noten sind dabei ein Glücksfall, denn vieles von Holman ist verlegt worden und kann somit gekauft werden.
Die Vorbereitung für ein Monday-Night-Konzert ist ein Prozess, der sich bei Naßhan neben Polizei-Bigband, Unterricht und anderen Projekten abspielt. Drei bis vier Wochen nimmt er sich Zeit, um in Holmans Werk einzutauchen und die Setliste zu erstellen. Dabei sortiert er seine Favoriten nach Funktion: Was könnte ein guter Opener sein, was eine Zugabe, was die Ballade in der Mitte? Danach kommen Tempi, Tonarten und Solisten auf den Prüfstand. „Wenn ich aus jeder Schaffensphase die schönste Ballade nehme und am Ende acht Balladen habe, funktioniert es natürlich nicht.“ Bald soll das Programm stehen. Dann gehen Noten und Aufnahmen an die Musiker, damit sich jeder selbst vorbereiten kann. Geprobt wird erst nachmittags am Konzerttag. Für einen zusätzlichen Probentag fehlt es angesichts von Profis, die weit verstreut wohnen, an Zeit und Geld. Am Ende soll ein Abend stehen, der Lust macht, sich mit einem Mann zu beschäftigen, dessen Musik viele schon gehört haben, ohne seinen Namen zu kennen. (ian/jpu)
„Monday Night – Big Band Night: The Music of Bill Holman“: 2. November um 19 Uhr in der Baker Street im Hirsch St. Arnual. Das Silent Explosion Orchestra spielt außerdem sein Toto-Programm am 21. November im Big Eppel, Eppelborn.