Woran erinnert mich diese Musik?

Teenagerin liegt auf einer Wiese und hört Musik mit Kopfhörern

AUDIO: Der Soundtrack unseres Gehirns (1 Min)

Klang, Gefühl und Erinnerung

Der Soundtrack in unserem Kopf

Stand: 04.10.2026 06:10 Uhr

Egal, ob Queens "We Will Rock You" oder Depeche Modes "Enjoy the Silence": Musik kann uns mit nur wenigen Takten auf ganz unterschiedlichen Dimensionen berühren und gedanklich in längst vergangene Zeiten zurückkatapultieren. Doch warum löst Musik solche Reaktionen in uns aus? Und was passiert dabei in unserem Gehirn?

von Ottilie Wied

Freddy Mercury singt im Wembley Arena London

Um das zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf das, was Musik überhaupt ausmacht. Dabei ist Musik mehr als eine bloße Aneinanderreihung einzelner Töne. Rhythmus, Melodie, Harmonie und Klangfarbe greifen ineinander und erzeugen so ein musikalisches Ganzes. Dann kommt unser Gehirn ins Spiel: Nach dem Wahrnehmen in Form von Schallwellen setzt unser Gehirn das Gehörte in Beziehung, erkennt Muster und verbindet sie mit unseren Erfahrungen. So kann aus einer Folge von Tönen etwas werden, das wir nicht nur hören, sondern auch fühlen oder uns vor unserem inneren Auge vorstellen.

Eine erst kürzlich veröffentlichte Studie von Forschenden der Princeton University knüpft genau hier an und kommt zu dem Ergebnis, dass Musik bei verschiedenen Menschen erstaunlich ähnliche Vorstellungen hervorrufen kann. Rund 71 Prozent der Teilnehmenden beschrieben beim Hören der unbekannten Instrumentalstücke eine Geschichte, die sich in wesentlichen Punkten mit den Vorstellungen anderer Testpersonen deckte. Auch beim Hören dieser Geschichten zeigten sich teilweise ähnliche Aktivitätsmuster im Gehirn. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann die ausführlichen Ergebnisse in unserem MDR-Wissen-Beitrag zur Studie nachlesen.

Wo wirkt Musik im Gehirn?

Was genau in unserem Gehirn passiert, wenn wir Musik hören, haben Forschenden des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig genauer untersucht. Obwohl die Studie nun auch schon 20 Jahre auf dem Buckel hat, sind ihre Erkenntnisse deswegen nicht weniger relevant. Die Forschenden untersuchten hierbei, wie das Gehirn auf unterschiedlich empfundene Musik reagiert.

Dafür hörten elf junge Erwachsene ohne musikalische Ausbildung verschiedene Instrumentalstücke. Auf dem Programm standen zunächst als angenehm empfundene, harmonische Werke, darunter Stücke von Bach und Dvořák, aber auch ein Stück des Jazzbassisten Jaco Pastorius. Anschließend veränderten die Forschenden dieselben Stücke, indem sie dissonante Töne hinzufügten, sodass die Musik deutlich unangenehmer klang. Auf diese Weise konnten sie vergleichen, was im Gehirn geschieht, wenn sich der emotionale Charakter eines Musikstücks verändert.

Das Studie kam zu dem Ergebnis, dass unterschiedliche Arten von Musik mit unterschiedlichen Aktivitätsmustern im Gehirn einhergehen. Hörten die Teilnehmenden die angenehmen Stücke, wurde unter anderem das ventrale Striatum aktiv, das bei der Verarbeitung von Belohnung und Motivation beteiligt ist.

Die unangenehme, dissonante Musik sprach dagegen unter anderem die Amygdala und den Hippocampus an. Beide Regionen sind an der Verarbeitung emotionaler und gedächtnisbezogener Informationen beteiligt. Während die Amygdala dabei hilft, Reize emotional einzuordnen, unterstützt der Hippocampus unter anderem dabei, Erlebnisse und ihre Zusammenhänge im Gedächtnis zu verarbeiten.

Aktivierungen, die während der Präsentation unangenehmer Musik ausgelöst werden

Aktivierungen, die während der Präsentation unangenehmer Musik ausgelöst werden

Bemerkenswert an den Ergebnissen ist dabei nicht nur, wo das Gehirn reagierte, sondern auch, wie sich die Aktivität im Laufe des Hörens entwickelte. In mehreren dieser Regionen nahm sie weiter zu, und die emotionale Wirkung der Musik könnte sich während des Zuhörens sogar verstärken, statt lediglich in einem kurzen Moment aufzutreten.

Aktivierung im Gehirn bei angenehmer Musik im MRT

Aktivierung im Gehirn bei angenehmer Musik im MRT

Die Studie zeigt, wie Musik unser Gehirn emotional ansprechen kann. Doch die Wirkung eines Songs beschränkt sich nicht unbedingt auf das Gefühl, das wir gerade beim Hören empfinden. Manchmal führt uns eine Melodie noch einen Schritt weiter, weg von der aktuellen Situation und zurück in unsere eigene Vergangenheit.

Musik als Schlüssel zu Erinnerungen

Teenagerin liegt auf einer Wiese und hört Musik mit Kopfhörern

Vielleicht ist es ein Lied, das bei einem ersten Date lief. Oder ein Song, welchen wir mit einer bestimmten Freundschaft, einer Reise oder einem bestimmten Sommer verbinden. Wir hören die ersten Sekunden und plötzlich sind wir wieder mitten in der Szene, die wir längst vergessen zu haben glaubten. Wie stark Musik solche persönlichen Erinnerungen hervorrufen kann und welche Eigenschaften eines Stücks dabei eine Rolle spielen, haben die Musikwissenschaftlerin Kelly Jakubowski und die Psychologin Emma Francini der Durham University 2023 untersucht.

Für ihr Experiment rekrutierten die Forscherinnen 100 junge Erwachsene aus Großbritannien. Die Teilnehmenden hörten kurze Ausschnitte aus 24 Musikstücken. Die ausgewählten Stücke unterschieden sich hinsichtlich ihrer Vertrautheit, ihrer emotionalen Färbung und der Stärke der ausgelösten Erregung: Sie waren entweder bekannt oder unbekannt, wurden als positiv oder negativ empfunden und wirkten unterschiedlich aktivierend. Zu den bekannten Stücken gehörten etwa „Thinking Out Loud“ von Ed Sheeran oder „Here Comes the Sun“ von The Beatles.

Sobald den Probanden beim Hören eine konkrete persönliche Erinnerung aufploppte, mussten sie einen Knopf drücken. Bekannte Stücke lösten dabei fast dreimal so viele autobiografische Erinnerungen aus, im Schnitt 7,7 gegenüber 2,8 Erinnerungen bei unbekannteren Werken. Und auch das Erinnern selbst ging schneller. Bei vertrauter Musik tauchte eine Erinnerung im Durchschnitt nach rund zehn Sekunden auf, bei unbekannter Musik erst nach knapp 14 Sekunden.

Musik als Erinnerungsanker

Doch die Studie liefert noch einen weiteren Hinweis darauf, wie eng Musik und persönliche Erlebnisse miteinander verknüpft sein können. Bei rund 79 Prozent der Erinnerungen, die durch bekannte Musik ausgelöst wurden, war nach Angaben der Teilnehmenden genau dieses Stück auch während des ursprünglichen Erlebnisses zu hören. Bei unbekannter Musik traf das nur auf etwa vier Prozent zu.

Ein Song ist also nicht nur deshalb vertraut, weil wir ihn oft gehört haben. Er kann auch mit einem konkreten Erlebnis verbunden sein und genau diese Verbindung später wieder aktivieren. Musik wird dadurch zu einem Hinweisreiz, der uns den Zugang zu einer persönlichen Erinnerung erleichtert.

Ergänzend hierzu kann aber auch die Stimmung der Musik beeinflussen, an welche Erlebnisse sich die Teilnehmenden erinnerten.

Hörten sie eher positive Musik, riefen sie häufiger positive Erinnerungen ab. Bei negativer Musik tauchten dagegen häufiger negative Erlebnisse auf. Eine Ausnahme zeigte sich bei negativer Musik mit besonders hoher Energie: Sie führte häufiger zu positiven Erinnerungen als ruhige, negative Musik. Dazu gehörten etwa Erlebnisse vom Feiern, Tanzen oder von gemeinsamen Aktivitäten mit Freunden.

Das macht deutlich, dass die emotionale Wirkung von Musik nicht allein davon abhängt, ob wir sie als positiv oder negativ empfinden. Auch die Energie und der persönliche Zusammenhang eines Stücks können beeinflussen, welche Erinnerungen es in uns hervorruft. Wie eng Musik dabei mit persönlichen Erinnerungen und Gefühlen verbunden sein kann, haben wir in diesem MDR-Wissen-Beitrag genauer dargestellt.

"Soundtrack meines Lebens"

Genau an dieser Verbindung zwischen Musik und persönlicher Geschichte setzt das MDR-Studiokonzert "Soundtrack meines Lebens" an. Am 9. Oktober spielt das MDR-Sinfonieorchester in Leipzig Werke, die für Menschen mit ganz persönlichen Geschichten verbunden sind, von Grieg und Puccini bis ABBA und John Lennon.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Musik selbst, sondern auch die Frage, was sie in unserem Leben bedeutet. Welches Stück erinnert uns an einen besonderen Menschen? Welche Melodie gehört zu einer bestimmten Zeit? Und welcher Song könnte der ganz persönliche Soundtrack des eigenen Lebens sein?

Der Abend fällt zudem in eine besondere Zeit für MDR Klassik: Am 12. Oktober endet die eigenständige MDR-Klassik-Hörfunkwelle. Die Redaktion und ihre Inhalte bleiben erhalten, werden künftig aber über andere Wege verbreitet, unter anderem über MDR Kultur, ARD Sounds und die ARD Mediathek.

Jakubowski, K., & Francini, E. (2023). Unterschiedliche Effekte von Vertrautheit und emotionalem Ausdruck musikalischer Hinweise auf autobiografische Gedächtniseigenschaften. Vierteljährliche Zeitschrift für experimentelle Psychologie, 76(9), 2001-2016

Koelsch, S., Fritz, T., V Cramon, D. Y., Müller, K., & Friederici, A. D. (2006). Investigating emotion with music: an fMRI study. Human brain mapping, 27(3), 239–250.