Wozu schreibe ich eigentlich ein Tagebuch?
Wozu schreibe ich eigentlich ein Tagebuch?
Meine eigenen Tagebücher nehme ich kaum je wieder hervor. Lieber lese ich die von anderen, zum Beispiel von Ernst Jünger. Die Zugabe von Manfred Papst.
Manfred Papst30.08.2026, 05.30 Uhr
2 Leseminuten

Nichts ist zu unwichtig für ein Tagebuch.
Getty
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Seit meinem achtzehnten Lebensjahr führe ich Tagebuch. Die Kladden füllen mittlerweile drei Regalbretter. Sie interessieren niemanden, noch nicht einmal mich selbst. Weshalb habe ich Tausende von Stunden mit ihrer Niederschrift zugebracht? Das hat wohl mit meinem Ordnungssinn zu tun; man kann es auch Pedanterie nennen. Bevor ich mich schlafen lege, muss ich den Tag aufräumen. Mir nochmals vergegenwärtigen, was er gebracht und was er genommen hat. Buchhaltung der Seele gewissermassen. Eine andere führe ich nicht. Bei mir gibt es keine Ordner mit Aufschriften wie «Steuern», «Versicherung» oder «Ferien».
Beim Tagebuchschreiben geht es mir nicht ums Ergebnis, sondern um den Prozess. Wenn ich den Tag ohne dieses Exerzitium beschliessen würde, käme ich mir vor, als ginge ich ungewaschen und mit ungeputzten Zähnen ins Bett. Was notiert ist, das ist im doppelten Wortsinn abgelegt. Die Bände stehen fortan säuberlich aufgereiht da, aber ich nehme sie kaum je wieder hervor, höchstens einmal, wenn wir uns am Esstisch nicht darüber einigen können, wann wir das letzte Mal im Fextal waren. Dann schaue ich in meinen Notizen nach, finde in der Überfülle naturgemäss nichts und stelle die Bände unverrichteter Dinge zurück ins Regal. Ich könnte sie genauso gut wegwerfen.
So langweilig ich meine eigenen Tagebücher finde, so spannend finde ich die von anderen. Ich habe sie zwar nicht wie weiland Walter Kempowski in einer eigenen Abteilung meiner Bibliothek versammelt (bei ihm in Nartum war es ein stattlicher Turm), aber ich studiere sie fleissig: weil sie so viel über ihre Verfasser verraten. Ernst Jünger zum Beispiel, den ich pflichtbewusst alle paar Jahre wieder zu lesen versuche, ohne dass ich mich je mit ihm hätte anfreunden können, notiert einmal in seinem Tagebuch, er setze nun in der brieflichen Anrede nicht mehr ein Ausrufezeichen, sondern ein Komma. Dass er das für mitteilenswert hält, sagt einiges über ihn, finde ich. Übrigens ist die Stelle auch dem von mir hochgeschätzten Schweizer Literaturkritiker Max Rychner aufgefallen, und er kommentiert sie mit anmutiger Bosheit: «Sich selbst gegenüber behielt er das Ausrufezeichen bei.»
Und wo wir gerade bei Ernst Jüngers Tagebüchern sind: Schon Armin Eichholz hat sie 1954 in seinem Band «In flagranti» trefflich parodiert. Da lesen wir unter dem 11. 5. «Mittags Blumenkohl», unter dem 13. 5. «Am 11. 5. nach dem Wort ‹Blumenkohl› den Punkt vergessen» und unter dem 17. 5. «Mit dem Zahnstocher endlich einen seit Tagen eingeklemmten Speiserest entfernt. H. meint, es handle sich um eine Faser der Brassica oleracea botrytis (Blumenkohl vom 11. 5.). So tragen wir alle die Vergangenheit mit uns.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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