„Wahrscheinlich der bestmögliche Kandidat“: Selenskyj ernennt Drapatyj – Ukraine hofft auf Neuanfang

„Würde Truppen niemals sinnlos in den Tod schicken“: Drapatyj führt jetzt die Ukraine-Armee

Stand: 23.07.2026, 18:52 Uhr

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Selenskyj entlässt mitten im Ukraine-Krieg Syrskyj und ernennt Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber – ein Generationswechsel mit Hoffnung auf eine neue Militärdoktrin.

Kiew – Tagelang demonstrierten Ukrainer für einen Neuanfang an der Spitze ihrer Armee. Am Dienstagabend reagierte schließlich Präsident Wolodymyr Selenskyj und entließ Oberkommandierenden Olexander Syrskyj. Nachfolger ist Generalmajor Mychajlo Drapatyj. Der 43-Jährige steht für eine andere Generation: 2014 ließ er als Major mit einem Schützenpanzer eine Straßensperre prorussischer Kräfte in Mariupol durchbrechen, heute soll er die ukrainische Armee inmitten des aktuellen Ukraine-Kriegs in eine neue Ära führen.

Auf diesem vom ukrainischen Verteidigungsministerium bereitgestellten Bild zeigen der geschäftsführende Verteidigungsminister Jewhenij Chmara (l) und der neue Oberkommandierende Generalmajor Mychajlo Drapatyj (r) demonstrative Einigkeit.

Auf diesem vom ukrainischen Verteidigungsministerium bereitgestellten Bild zeigen der geschäftsführende Verteidigungsminister Jewhenij Chmara (l) und der neue Oberkommandierende Generalmajor Mychajlo Drapatyj (r) demonstrative Einigkeit. © ----/Verteidigungsministerium der Ukraine/dpa

Gleichzeitig kündigte der Präsident in einer Videobotschaft eine umfassende Neuordnung des Generalstabs in Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium und dem Präsidialamt an. Zum neuen Chef des Generalstabs wurde Ihor Skybjuk (49) ernannt; Verteidigungsminister bleibt Jewhenij Chmara (40), der bislang kommissarisch im Amt war.

Mitten im Ukraine-Krieg: Mychajlo Drapatyj wird neuer Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee

Die Protestbewegung in der Ukraine hatte zwei konkrete Forderungen gestellt: die Absetzung Syrskyjs sowie die Wiedereinsetzung des entlassenen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow. Letztere blieb unerfüllt. Selenskyj stellte dem 35-Jährigen zwar eine „würdige Aufgabe“ in der Regierung in Aussicht, bei der er sich weiter um die technische Entwicklung der Ukraine kümmern könne. Details nannte er nicht. Medienberichten zufolge lehnte Fedorow dieses Angebot jedoch ab.

Drapatyj ist nach Walerij Saluschnyj und Syrskyj der dritte Oberkommandierende seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022. Seine Ernennung markiert einen deutlichen Generationswechsel: 17 Jahre jünger als der noch zu Sowjetzeiten ausgebildete Syrskyj, gilt er als Vertreter einer moderneren Militärführung. Dmytro Koziatynskyi, Kriegsveteran und einer der Hauptorganisatoren der Proteste, bezeichnete Drapatyj gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media als „wahrscheinlich den bestmöglichen Kandidaten“ für den Posten. „Das sind wirklich sehr gute Nachrichten; sie geben uns Hoffnung auf einen Neuanfang im Generalstab der ukrainischen Streitkräfte. Sie geben uns Hoffnung, dass wir uns endlich von der alten sowjetischen Führungsschule lösen können.“

Drapatyj steht für eine Kriegsführung, die auf horizontale Koordination, technologische Überlegenheit und den Schutz der eigenen Soldaten setzt. Alles Prinzipien, die Koziatynskyi als zentrale Schwächen der Ära Syrskyj benennt. „Er ist ein auf Menschen fokussierter General, der seine Truppen und seine Menschen niemals sinnlos in den Tod schicken würde“, sagte Koziatynskyi. „Er ist der erste Oberbefehlshaber, der persönlich an Kampfhandlungen dieses Krieges teilgenommen hat: 2014 befehligte er ein Bataillon und kämpfte in der Schlacht um Mariupol.“ Drapatyi selbst schrieb auf Facebook: „Ich werde verantwortungsbewusst, konzentriert und mit Respekt gegenüber den Menschen arbeiten, die heute unser Land verteidigen.“

Selenskyj ernennt neuen Oberbefehlshaber: Drapatyj wird Hoffnungsträger im Ukraine-Krieg

Der neue Oberkommandierende half 2024 als Kommandeur, den russischen Einmarsch im Ukraine-Krieg in das Gebiet Charkiw zu begrenzen. Von seinem Posten als Befehlshaber der ukrainischen Bodentruppen trat er 2025 zurück, nachdem beim Einschlag einer russischen Iskander-Rakete in eine Ausbildungseinheit zwölf Soldaten getötet worden waren. Er übernahm die persönliche Verantwortung dafür, dass Soldaten nicht ausreichend geschützt worden seien. Zuletzt befehligte er eine Armeegruppe zur Verteidigung des Gebiets Charkiw. „Er ist jemand, der diesen Krieg unmittelbar und in vollem Umfang als Soldat an der Frontlinie erlebt hat. Das sind wirklich hervorragende Nachrichten“, führte Koziatynskyi schriftlich gegenüber der Frankfurter Rundschau aus.

Dmytro Kosjatynskyj: Hauptorganisator der Proteste gegen Selenskyjs Militärführung

Dmytro Kosjatynskyj ist ein ukrainischer Kriegsveteran, ehemaliger Sanitäter an der Front und zivilgesellschaftlicher Aktivist. Vor dem Ukraine-Krieg lebte er in Tschechien. Nach dem 24. Februar 2022 kehrte er in die Ukraine zurück und meldete sich freiwillig bei den Streitkräften. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst unterstützte er die Verteidigungsbemühungen weiterhin durch wohltätige Arbeit und Engagement im Bereich der taktischen Medizin.

Derzeit leitet er das Programm für taktische Medizin bei der Wohltätigkeitsorganisation „Your Future“ und ist zudem als Unternehmer im Bereich Cybersicherheitsschulungen tätig. Sein öffentlicher Aufruf trug dazu bei, die Proteste im Juli 2025 zur Verteidigung der Unabhängigkeit der ukrainischen Antikorruptionsbehörden auszulösen. Im Juli 2026 gehörte er zu den Hauptorganisatoren und öffentlichen Wortführern der Proteste gegen Veränderungen in der ukrainischen Verteidigungs- und Militärführung.

Scharfe Kritik übt er hingegen an Syrskyj. Dieser sei zwar „ein starker General“ gewesen, habe aber den Anforderungen des modernen Krieges nicht mehr entsprochen. Neben übermäßigem Mikromanagement und politischen Intrigen innerhalb der Streitkräfte wirft Koziatynskyi Syrskyj vor, sogenannte Sturmregimenter aufgebaut zu haben, die faktisch als seine persönliche Parallelarmee fungierten. Diese Einheiten seien gegen Zivilisten und als Repressionsinstrument gegen Militärangehörige eingesetzt worden. „In diesen Einheiten geschahen inakzeptable Dinge, darunter auch die körperliche Misshandlung von Soldaten. Diese Regimenter trugen maßgeblich dazu bei, dass die Mobilmachung in der Ukraine so schlecht funktioniert“, sagte Koziatynskyi.

Lage im Ukraine-Krieg: Selenskyj unter Druck

Selenskyj hat Drapatyj laut dessen Facebook-Mitteilung beauftragt, im aktuellen Ukraine-Krieg „die Offensivhandlungen in allen Bereichen fortzusetzen und zu verstärken“. Dies beinhaltet auch neue Operationen gegen das russische Hinterland und einen weiteren Ausbau der technologischen Kapazitäten. Die neue Führungsriege aus Drapatyj, Skybjuk und Chmara dürfte die Ukraine nach Einschätzung von Beobachtern noch stärker auf asymmetrische Kriegsführung ausrichten: mit Drohnen als technologischem Vorteil und einem schonenderen Umgang mit der knappen Ressource Mensch.

Hinter Selenskyjs Personalentscheidung steckt jedoch eine komplizierte Risikoabwägung. Die ukrainischen Streitkräfte sind intern in drei Fraktionen aufgeteilt: die Anhänger des abgelösten Syrskyj, die Vertrauten seines Vorgängers Walerij Saluschnyj sowie die sogenannten „jungen Donbass-Generäle“, zu denen Drapatyj zählt. Jede Personalentscheidung ist daher laut n-tv ein Drahtseilakt. Dass Selenskyj mit Ihor Skybjuk einen Syrskyj-nahen General als neuen Generalstabschef bestätigte, gilt Beobachtern zufolge als bewusstes Signal: Keine der drei Fraktionen soll verprellt werden. (Quellen: eigene Recherche, dpa, AFP, n-tv) (fbu)