"Der schmale Grat" von Diplomat Rolf Nikel: Botschafter ohne Botschaft
Karl Valentin hat halt recht. „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“ – das Bonmot des Münchner Komikers bewahrheitet sich auch auf dem Politikbuchmarkt. Keine Krise, kein Krieg, kein Konfliktherd, kein historisches Jubiläum, zu denen sich nicht viele mitteilungsbedürftige Welterklärer berufen fühlen, ihre Sicht der Dinge preiszugeben. Und so drängeln sich auf Tischen und Regalen bundesdeutscher Buchhandlungen stets die Einschätzungen und Erinnerungen amtierender und ehemaliger Politiker, Professoren, Journalisten – oder Diplomaten.
Rolf Nikel, geboren 1954, arbeitete 40 Jahre lang für das Auswärtige Amt, daneben 14 Jahre im Bundeskanzleramt unter Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Er war als Beauftragter der Bundesregierung für Rüstungskontrolle und an den Botschaften in Moskau, Paris, Washington tätig. Von 2014 bis zu seiner Pensionierung 2020 fungierte Nikel als Botschafter in Warschau.
Hinter die Kulissen darf man auch nicht blicken
Seine Beobachtungen seien „thematisch breiter angelegt“, so der Verlag, das Buch „konzentriert sich auf erlebte Geschichten von Krieg und Frieden in den letzten fünfundvierzig Jahren“, es sei eine „Reise vom Kalten Krieg bis in die heutige Welt der neuen Machtpolitik“. In der Tat handelt es sich um ein zeithistorisches Sammelsurium – Balkan-Kriege der 1990er-Jahre, Nato-Beitritt der östlichen Nachbarn, George W. Bush, Irak-Krieg, Afghanistan, Rüstungskontrolle, russisch-georgischer Krieg, deutsche Russland- und Energiepolitik, Giftanschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny, Trump, Ukraine-Krieg, dazwischen in Auszügen die Geschichte Russlands oder eine biografische Skizze Wladimir Putins.
Anders gesagt: „Der schmale Grat“ ist ein eklektisches, langatmiges „Was bisher allerorts geschah“, wie es sich in Chroniken oder auf Wikipedia nachschlagen lässt, und wie es unzählige Publikationen längst aufgearbeitet haben. Wer sich 2026 generell zu Machtverfall, Zeitenwende oder Ukraine-Krieg äußert, sollte zumindest mit einer, vielleicht gar neuen, These aufwarten oder, als Diplomat, hinter die Kulissen der Politik blicken lassen. Doch nichts dergleichen, auch keine logische Struktur, originelle Idee oder Erkenntnis.
Berliner Fundamentalopposition beim Irak-Krieg
Es verstecken sich durchaus vernünftige Positionen, etwa was die Kritik der deutschen Regierung seinerzeit am Irak-Krieg (2003) angeht. Die sei im Kern richtig gewesen, so Nikel, allerdings habe sich Berlin durch seine Fundamentalopposition früh aus dem diplomatischen Spiel genommen. „Dadurch büßte man jedweden weiteren Einfluss auf die Entscheidungen über Krieg und Frieden ein“, schreibt er. „Die Ablehnung des Irak-Kriegs wäre auch ohne eine maximale Konfrontation zu haben gewesen. Der Preis, die Beschädigung eines über die Jahrzehnte aufgebauten Vertrauens, war hoch.“

Rolf Nikel: Der schmale Grat. Die Kunst der Diplomatie in Zeiten des Umbruchs. Langen-Müller-Verlag, München 2026. 352 Seiten, 28 Euro. E-Book: 24,99 Euro.
Langen-MüllerAuch kritisiert er – vorsichtig – die hanebüchene Russland-Politik mehrerer Bundesregierungen. Deutschlands starker Einfluss in der EU und die positiven Erfahrungen mit Moskaus Rolle bei der deutschen Einheit hätten Berlin zum „politischen Einfallstor Moskaus nach Europa“ prädestiniert. „Große Teile der deutschen außenpolitischen und wirtschaftlichen Elite hingen über lange Jahre hinweg einem Konzept der strategischen Partnerschaft mit Russland an, das sich weder durch verstörende Rhetorik noch durch militärische Fakten beeindrucken ließ“, so Nikel.
Doch zum einen schlussfolgert daraus nichts, zum anderen haben das namhafte Russland- und Ukraine-Kenner, allen voran die Journalistin Sabine Adler, aber auch der ehemalige Moskau-Botschafter Rüdiger von Fritsch oder der Historiker Karl Schlögel schon vor Jahren in klugen, klaren und scharfen Worten analysiert.
Damit zur Sprache. Eingebettet in betuliche Behäbigkeit („Eine klarsichtige Analyse der eigenen und der Kerninteressen der anderen sowie der Handlungsoptionen hilft zu bestimmen, wann ein ergebnisorientiertes Gespräch erfolgversprechend sein könnte.“) häufen sich Wortwiederholungen, Tautologien („engstirnige Nabelschau“, „schmale Gratwanderungen“), schiefe Bilder („Wenn wir nicht Koch sein wollen, werden wir auf der Speisekarte enden“, „Erst nach 2014 drehte sich im Westen der Wind – langsam und mit Rückschritten“), Allgemeinplätze („Glaubwürdigkeit ist essenziell“, „Bei schwierigen Entscheidungen sind der Prozess und dabei vor allem auch die Abfolge hochrangiger Begegnungen von großer Bedeutung“) und Binsen („Diplomatie erfordert eine glasklare Analyse der Lage und eine ebenso klare Einschätzung der handelnden Personen“, „Diplomatie erfordert Priorisierungen. Manchmal sind die Prioritäten richtig gesetzt, manchmal nicht“). Wenn er die blutigen russischen Angriffskriege als „Abenteuer“ verharmlost, vergaloppiert sich Nikel auch moralisch.
Nussknacker aus dem Erzgebirge für harte Nüsse
Die Begriffe „Diplomatie“ und „diplomatisch“ kommen 356 Mal vor, ihre Schachzüge indes bleiben verborgen. Die „Kunst der Diplomatie“, die der Untertitel verspricht und die Nikel nach vier Dienstjahrzehnten aus dem Effeff kennen müsste, beschränkt sich auf Banalitäten. Wenn etwa Innenminister Otto Schily 2005 bei seinem Besuch in Washington US-Vizepräsident Dick Cheney einen Nussknacker aus Erzgebirgsproduktion mitbringt, als „Sinnbild für die harten Nüsse“, die es zu knacken gelte, ist das eine Marginalie, die Reporter seinerzeit ohnehin vermerkten.
So bleiben „Der schmale Grat“ eine brave Nacherzählung der Weltläufe und der Autor ein Botschafter ohne Botschaft.