Zeitumstellung betroffen? Experten wollen Weltzeit anpassen – Risiko für kritische Infrastruktur

Stand: 09.10.2026, 22:19 Uhr

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Seit 1972 wurde die Weltzeit 27-mal angepasst. Nun soll die Schaltsekunde abgeschafft werden – vor allem, um digitale Systeme sicherer zu machen.

Sèvres – Ein Tag auf der Erde hat 24 Stunden – die Zeit, die unser Planet für eine Rotation um die eigene Achse benötigt. Die eigentliche Einteilung in 24 Abschnitte ist aber willkürlich: Dass unser Tag genau 24 Stunden hat, ist den alten Griechen zu verdanken. Die alten Ägypter hatten zuvor Tag und Nacht in jeweils zwölf Abschnitte unterteilt, wobei die Tagesstunden im Sommer länger waren als die Nachtstunden. Erst als Mönche im Mittelalter mechanische Uhren entwickelten, waren die Stunden tags und nachts gleichlang. Mittlerweile messen Atomuhren die Zeit extrem genau. Das Problem: Die Erdrotation ist nicht immer gleich.

Uhren mit Zeitangaben verschiedener Länder auf der Tourismusbürso ITB in Berlin: Die Weltzeit (UTC) könnte ab 2027 grundlegend verändert werden (Symbolbild).

Uhren mit Zeitangaben verschiedener Länder auf der Tourismusbürso ITB in Berlin: Die Weltzeit (UTC) könnte ab 2027 grundlegend verändert werden (Symbolbild). © picture alliance / dpa | Wolfgang Kumm

Eine Sekunde ist auf einer Atomuhr mit 9.192.631.770 Schwingungen der Cäsium-Strahlung definiert. Doch die Weltzeit (UTC) musste schon mehrfach an die sich verändernde Erdrotation angepasst werden: Seit 1972 war das 27 Mal der Fall, wie Aufzeichnungen der US-Richtlinienbehörde National Institute of Standards and Technology (NIST) zeigen. Doch zuletzt beschleunigte sich die Rotation zeitweise. Erstmals wäre damit also eine negative Schaltsekunde nötig gewesen. Die Uhren würden also eine Sekunde verlieren statt gewinnen. Dies sei noch nie vorgekommen und berge ein beispielloses Risiko, sagen Forschende, wie die Fachzeitschrift Nature berichtet.

Am 15. Oktober fällt die Abstimmung über die Schaltsekunde

Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (BIPM), eine internationale Organisation, in deren Rahmen die Mitgliedstaaten in Fragen des Messwesens zusammenarbeiten, tagt vom 13. bis 15. Oktober in Versailles. Sie hat das Thema „Die bevorstehende negative Schaltsekunde“ am dritten Tag der Konferenz auf die Tagesordnung geschrieben. Ab dem 20. Mai 2027 soll die Weltzeit UTC bis zu einer Stunde – oder 3600 Sekunden – von der astronomischen Zeit abweichen dürfen, sodass für mehrere Jahrhunderte keine Schaltsekunden mehr nötig wären, wie es in einem Entwurf heißt. Über die Resolution wird am 15. Oktober abgestimmt.

Schon 2022 wurde beschlossen, die Schaltsekunde abzuschaffen. „Unglaublich“, schrieb Patrizia Tavella, Leiterin der Zeitabteilung des BIPM damals, wie die New York Times damals berichtete. „Über 20 Jahre Diskussion und nun eine großartige Einigung.“ Sie sei „zu Tränen gerührt“, so Tavella weiter. Ursprünglich hatte man bis 2035 mit dieser Umstellung warten wollen. Die neue Resolution soll das Ende der Schaltsekunde beschleunigen. Der Durchschnittsbürger bemerkt davon nichts, doch für Fachleute wie Astronomen ist die Umstellung relevant. Wer die tatsächliche Erdorientierung benötigt, kann die Korrektur allerdings weiterhin anwenden.

23:59:60 bringt Computer ins Stolpern: Deshalb soll die Schaltsekunde verschwinden

In Computersystemen kann die Schaltsekunde zu Problemen führen. Ihre offizielle Bezeichnung lautet 23:59:60, doch dieser Zeitwert lässt sich digital nicht darstellen. Deshalb setzt die Systemuhr eines Computers die Schaltsekunde um, indem sie den Zeitwert 23:59:59 ein zweites Mal wiederholt. Die darauffolgende Sekunde erhält dann den Zeitstempel 00:00:00 des nächsten Tages, wie die US-Behörde NIST erklärt. Problematisch wird es, wenn Geräte die zusätzliche Sekunde unterschiedlich behandeln. Das kann etwa in Stromnetzen, aber auch im Bereich der Telekommunikation, auf den Finanzmärkten, Flugbuchungssystemen oder Datenaufzeichnung zu konkreten Problemen führen. Überall dort, wo die Systeme von exakten Zeitstempeln abhängen.

Unsere gesetzliche Uhrzeit stimmt schon heute nicht überall mit der Sonnenzeit überein. Durch Zeitzonen und Sommerzeit kann sie je nach Ort deutlich vom tatsächlichen Sonnenstand abweichen. Während sich die Weltgemeinschaft in puncto Weltzeit aber grundsätzlich einigen konnte, hat sich bei dem auf den ersten Blick einfacheren Thema der generellen Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit noch nichts getan.

Zwar stimmten in einer EU-weiten Umfrage 4,6 Millionen Teilnehmer mit 84 Prozent für eine Abschaffung der Zeitumstellung. Doch die EU-Länder konnten sich noch nicht auf eine einheitliche Regelung verständigen – eine Voraussetzung, einen „Zeit-Flickenteppich“ zu vermeiden. Ursprünglich wurde die Sommerzeit im Ersten Weltkrieg eingeführt, um Energie zu sparen. „Im Hinblick auf den Energieverbrauch bietet die Sommerzeit keine Vorteile“, stellte die Bundesregierung in einer Antwort zur Zeitumstellung allerdings fest. (Quellen: NIST, Britannica, BIPM, Nature, New York Times) (bme)