Zeitzeugin im Gespräch: „Sie merken, dass sie die falsche Wahl getroffen haben“
Angesichts des Wahlsieges der AfD in Sachsen-Anhalt erinnert sich die Zeitzeugin Henriette Kretz. Und warnt vor den Folgen von Rechtsextremismus.
Foto: Nicola Trenz/kna
Henriette Kretz überlebte als jüdisches Mädchen in Polen die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Heute ist sie 92 Jahre alt, lebt in Belgien und spricht immer wieder vor Jugendlichen über das Dritte Reich und die Schoah. Nun wird seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der AfD in Sachsen-Anhalt erstmals wieder eine rechtsextreme Partei stärkste Kraft bei den Landtagwahlen. Mit der taz hat Henriette Kretz im Roncalli-Haus des Bistums Magdeburg über die Wahl gesprochen.
taz: Frau Kretz, bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD fast 44 Prozent der Stimmen aller Wähler:innen bekommen. Was macht das Ergebnis mit Ihnen?
Henriette Kretz: Man sieht leider, dass viele Menschen nicht mehr wissen, dass ganz ähnliche Wahlentscheidungen zum Aufstieg des Nationalsozialismus führten. Sie können und wollen sich vielleicht nicht erinnern. Wenn nun aber eine Partei wie die AfD an die Macht kommt, werden die, die sie gewählt haben, merken, dass diese eigentlich gar keine Kompetenzen hat und ihre Vertreter nur Hass säen. Und sie werden merken, dass sie mit dieser Wahl die falsche Entscheidung getroffen haben.
Im Interview: Henriette Kretz
geboren am 26. Oktober 1934 in Stanisławów, Polen, heute Ukraine, ist eine Holocaust-Überlebende, die als Zeitzeugin in Vorträgen und Büchern über ihr Schicksal berichtet. Sie überlebte die deutsche Judenverfolgung in verschiedenen Verstecken.
taz: Woran werden sie das merken?
Kretz: Wenn die Menschen, die hierhergekommen sind und schon als Ärzte oder Pfleger in einem Krankenhaus arbeiten, wenn sie Lehrer sind oder in einem Betrieb angestellt – wenn diese Menschen wegsollen, so wie die AfD es sagt, wer bleibt dann? Die AfD will unter sich bleiben, nur mit Deutschen verkehren. Ich bin nicht von hier, ich lebe in Belgien. Soll auch ich nur unter Belgiern bleiben?
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taz: Was sagen Sie den Menschen, die Rechtsextreme wählen?
Kretz: Wenn die Menschen in Sachsen-Anhalt die Vergangenheit und den Nationalsozialismus wieder wollen – haben sie nicht gesehen, wie es das letzte Mal endete? Haben sie nicht gezählt, wie viele deutsche Kinder, Frauen und unschuldige Menschen im Krieg gefallen sind? Berlin und Dresden waren vollständig zerstört … Vielleicht haben sie es nicht gesehen, aber doch ihre Eltern und Großeltern.
taz: Sie sind extra aus Antwerpen nach Deutschland gekommen, haben schon in einem Jugendzentrum diskutiert, heute in Magdeburg. Warum sprechen Sie noch?
Kretz: Warum sprechen? Sehen Sie, ich bin keine Person mit großem Einfluss. Ich bin nur eine alte Frau. Aber ich habe ziemlich lange gelebt und viel erlebt. Und so wie ich das sehe, gehen wir im Moment einen sehr gefährlichen Weg. Als Jüdin ist meine Geschichte eng mit dem Völkermord verbunden.
taz: Was haben Sie damals erlebt?
Kretz: Ich wurde 1934 als einziges Kind meiner Eltern in Opatów, damals Polen, geboren. Zu Kriegsbeginn war ich fünf Jahre alt. Wir flohen Richtung Osten und haben uns nach Gefängnisaufenthalten lange an verschiedenen Orten aufgehalten und versteckt, in einem Kohlenkeller, auf einem Dachboden. 1944 wurden wir jedoch an die Deutschen verraten – und meine Eltern vor meinen Augen erschossen. Ich entkam und wurde in einem katholischen Waisenhaus aufgenommen. Dort konnten die Nonnen mich vor den Deutschen versteckt halten und schützen.
taz: Und danach?
Kretz: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs adoptierte mich mein letzter überlebender Familienangehöriger, ein Onkel. Alle anderen waren von den Nationalsozialisten umgebracht worden. Ich lebte und studierte später in Antwerpen, Belgien. Dann habe ich für einige Zeit in Israel gelebt, doch es hat mich nach Antwerpen zurückgezogen.
taz: Was ziehen Sie für Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus?
Kretz: Was ich damals als kleines Kind unter der Besetzung der Nationalsozialisten lernen sollte, ist, dass es wohl verschiedene Rassen gäbe. Doch ich kenne nur eine Rasse, und zwar die der Menschen. Wir haben alle dieselben Eigenschaften – wir haben zwei Füße, zwei Hände, wir haben eine Nase in der Mitte unseres Gesichts. Wir haben eine Sprache, die zwar verschieden ist für alle Völker, aber doch immer dasselbe sagt. Zu sagen, das ein Volk schlechter als ein anderes ist, ist für mich eine ausgemachte Dummheit. Niemand ist besser als jemand anderes. Ich sage, dass der Hass zerstört. Hass hat noch nie etwas erbaut oder Gutes getan.
taz: Was gibt Ihnen Hoffnung?
Kretz: Es gibt mir Hoffnung, dass gewählt wird und dass es auch Menschen gibt, die Gutes wollen. Dass es Menschen gibt, die Verantwortung für andere übernehmen und nicht der Macht wegen regieren. Und so etwas wie bessere oder schlechtere Menschen, wie auch die AfD es propagiert, gibt es nicht. Wir sind alle gleich. Ich sage, ohne Hoffnung haben wir keine Zukunft. Ich glaube an die Menschheit.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
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