EZB: Analysten erwarten Zinspause nach Dezember-Erhöhung
Der starke Anstieg der Renditen am Anleihemarkt dürfte sich nach Einschätzung von Fachleuten nicht ungebremst fortsetzen. Die Ökonomen und Analysten, die an der regelmäßigen Zinsprognose des Verbands Öffentlicher Banken (VÖB) beteiligt sind, vertraten am Donnerstag überwiegend die Ansicht, die Finanzmärkte überschätzten die künftige Zinsdynamik.
Sie seien zu sehr auf die Geschehnisse im Nahen Osten und den Ölpreis konzentriert und berücksichtigten nicht genug, wie sehr die Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen am Markt den Notenbanken die Arbeit schon abnähmen. Mehrere Analysten sagten vorher, die Europäische Zentralbank (EZB) werde zwar noch einmal, im Dezember, die Leitzinsen anheben, um 0,25 Prozentpunkte auf dann 2,75 Prozent für den Einlagensatz. Danach werde es aber erstmal eine Zinspause geben.
Keine Zinserhöhung in der kommenden Woche
Weitere Zinserhöhungen im nächsten Jahr, wie an den Finanzmärkten eingepreist, sehe er nicht, sagte Ulf Krauss, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen. Er meinte, die Inflation habe aufgrund des Energiepreisanstiegs zwar zugelegt, die Kernrate der Inflation, also die Teuerung ohne Energie und Lebensmittel, sei bisher aber stabil. Eine Inflationsentwicklung wie 2022 werde es nicht geben, dazu sei das wirtschaftliche Umfeld nicht dynamisch genug.
Auch die Entwicklung der Geldmenge M1, zu der Bargeld und Sichteinlagen gehören, sei „eher auf dem Rückzug“. „Die Taschen sind wieder leer“, sagte Krauss. Das spreche nicht für deutliche EZB-Zinserhöhungen. Ihm scheine es daher auch unwahrscheinlich, dass die EZB schon auf der Zinssitzung am Donnerstag in der kommenden Woche vorpresche.
Für den Ölpreis werde es in den nächsten sechs bis zwölf Monaten etwas Entspannung geben, prognostiziert Manfred Bucher von der BayernLB. Auf zwölf Monate rechnet er mit 75 bis 80 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) für die Nordseesorte Brent. Derzeit beläuft sich der Preis auf 112 Dollar. Für die Inflation im Euroraum rechnet er in diesem Jahr mit 3,0, im nächsten Jahr mit 2,5 und 2028 mit 2,1 Prozent. Die Zinserwartungen an den Kapitalmärkten seien „übertrieben“. Für das kommende Jahr erwarte er sinkende Renditen am kurzen und stabile am langen Ende des Anleihespektrums: „Die Renditekurve wird also steiler“.
Konkurrenz um Kapital durch den KI-Ausbau
„Der Wettbewerb um Kapital wird stärker“, meinte Thomas Drissner, Kapitalmarktfachmann der Dekabank. Die Anleiheemissionen der Hyperscaler für den KI-Ausbau hätten ein gewaltiges Volumen erreicht, das bewege die Anleihemärkte. Dieser Anstieg werde im nächsten Jahr weitergehen. Das sorge für höhere Kapitalkosten, meinte Drissner: „Das führt auch zu höheren Renditen an den Staatsanleihemärkten.“
Die Unsicherheit rund um Frankreich mache Prognosen für dessen Staatsanleihen schwer, sagten die Analysten. Sonja Marten, Chefvolkswirtin der DZ Bank, nannte es unwahrscheinlich, dass die EZB mit ihrem Krisenprogramm TPI („Transmission Protection Instrument“) so schnell eingreife. Die Notenbank stehe auf dem Standpunkt, das sei ein „Pariser Problem“. Heikler könnte es werden, wenn es Ansteckungseffekte auf andere Staatsanleihen gebe.
Jens-Oliver Niklasch, Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg, führte aus, er rechne zum Jahresende mit einer Rendite für französische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit von „fünf Prozent, vielleicht ein bisschen drüber“. Am Donnerstag belief sich die Rendite auf 5,1 Prozent. Für die entsprechende Bundesanleihe erwarte er zum Jahresende 3,6 Prozent; hier waren es am Donnerstag 3,4 Prozent. Frankreich werde so schnell nicht zahlungsunfähig werden, sagte Niklasch „aber ohne Reformen kann es böse ausgehen“. Er setze aber noch auf die disziplinierende Wirkung der Märkte auf die Politik, führte der Ökonom aus und zitierte den amerikanischen Politikberater James Carville: „Im nächsten Leben will ich ein Rentenmarkt werden – dann kann man wirklich jeden erschrecken.“