„Zu jung für die DDR und zu alt für TikTok“: Was junge Ostdeutsche bis heute prägt

Im Stadtmuseum in Halle schmücken derzeit Fotografien der 80er-Jahre die Ausstellungswände. Die Bilder erzählen vom Leben in der Platte, von Verfall, aber auch vom Alltag der Menschen, von Feiern und schließlich auch von Aufbruch. 1990 hören sie auf. Genau dort, wo die Ausstellung endet, beginnt der gestrige Abend. Im fast vollen Raum, der wirkt wie ein Klassenraum, sitzt an diesem Abend jene Generation, die danach kam: zu jung, um die DDR selbst erlebt zu haben, und doch, so die These des Abends, geprägt von dem, was ihre Eltern damals durchlebten. „Zu jung für die DDR und zu alt für TikTok“, bringt Moderator Raban Schuster es auf den Punkt.

Die Generation Z: per Definition geboren zwischen 1995 und 2010, aufgewachsen mit dem Internet und den sozialen Medien – das Smartphone wurde zu einem weiteren Körperteil. „Sie gilt als anspruchsvoll und wenig belastbar. Lieber eine Vier-Tage-Woche, erst die Work-Life-Balance, dann das Gehalt, Jobwechsel, sobald es unbequem wird“, rattert Schuster die Zuschreibungen einer gesamten Generation herunter. „Alle in Therapie“, ergänzt er.

Eine Lanze für die eigene Generation

Auch die Frau, um die es heute geht, zählt zu jener Generation, und nicht nur das, sie hat ein ganzes Buch darüber geschrieben. „Ich muss immer eine Lanze für meine Generation brechen“, erklärt Nora Zabel, die letztes Jahr im Oktober ein Buch mit dem Titel „Vereint in Zerrissenheit: Die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten“ veröffentlichte. Der Definition des Moderators stimmt Zabel nur bedingt zu. Die 29-Jährige erklärt: „Man muss erst mal prüfen, ob wir eigentlich diejenigen sind, zu denen wir gemacht werden. Ich glaube, die nächsten Jahre werden zeigen, dass wir eigentlich doch ganz schön stark sind.“

Nora Zabel zählt sich nicht nur aufgrund ihres Alters zu eben der Generation, über die sie schreibt. 1996 in Hagenow geboren und auf einem Bauernhof bei Schwerin aufgewachsen, trat sie mit 16 in die CDU ein und zog zum Studium nach Heidelberg – wo sie blieb. Heute arbeitet sie für die CDU-Bundestagsabgeordnete Serap Güler und schreibt für Zeit, taz und Cicero. Viel zu tun für jemanden aus einer angeblich faulen Generation.

Im Publikum sitzt an diesem Abend ein gut gemischtes Potpourri. Die meisten Anwesenden kommen aus dem Osten – viele haben die DDR noch bewusst miterlebt. Auch bei der Frage, wer aus dem Westen kommt, heben sich ein paar Hände. „Sie gehören zu einer Minderheit: 17 Prozent der Westdeutschen haben je einen Fuß in den Osten gesetzt“, so Schuster. Auch die Generation, um die es heute geht, ist vertreten.

Das ostdeutsche Erbe einer gesamten Generation

„Unsere Omas haben alle die gleichen DDR-Kochkittel, wir sind Simson gefahren, wir waren auf Erntefesten – und das war einfach unsere Kultur“, beschreibt Zabel, wie ihre Schulfreunde alle die gleichen Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend gesammelt haben. Nie haben sie dies hinterfragt, „bis es dann von außen abgewertet wurde“.

Am Anfang ihres Buches stellt Zabel eine große Frage: Wer ist eigentlich ostdeutsch? Wenn das Aufwachsen in der DDR eine Voraussetzung dafür wäre, ostdeutsch zu sein, so hätten Menschen, die nach der Wende geboren seien, keinen Anspruch auf eine „ostdeutsche Identität“. Und hier beginnt die These: „Junge Menschen aus Ost- und Westdeutschland sind geprägt durch ihre Erfahrungen mit Eltern, Medien, politischen Entscheidungen, Bildungseinrichtungen und den sozialen Zuschreibungen, die an die Gruppe Ostdeutsche gerichtet sind.“

Ein Saal fragt zurück

„Womit erheben Sie den Anspruch, über eine ganze Generation zu sprechen?“, fragt ein Zuschauer da. Die Generation Z im Osten sei doch auch zersplittert – wer im Erzgebirge aufwachse, erlebe etwas anderes als jemand an der Ostsee. Zabel hält dagegen: „Wir haben aber alle die gleichen Probleme.“ Weniger Erbe, weniger Netzwerke, schlechtere Berufschancen, kaum Vertretung in Politik und Medien.

Am lautesten wird es im Saal, als es um Stolz und Ehrgeiz geht. Zabel erzählt, wie ihr als Kind nie vermittelt worden sei, stolz auf eigene Leistungen zu sein – sie führt es auf ein System zurück, das die Menschen klein gehalten habe. Das wirke bis heute nach. Im Publikum regt sich Widerspruch. Eine Frau, Jahrgang 1964, berichtet, sie habe sich keineswegs gedeckelt gefühlt. Ganz im Gegenteil, man habe sie gefördert. Eine andere Besucherin führt dies weiter. Gedeckelt worden sei nicht das Gefühl von Ehrgeiz – sondern „die freie Meinungsbildung – und Äußerung“.

„Wer fängt mich auf, wenn meine Eltern es nicht können?“

Die konkreten Unterschiede zwischen dem Aufwachsen in Ost- oder Westdeutschland zeigt Zabel an einer zweiten Textstelle. Sie sitzt in einem Heidelberger Café, beobachtet Studierende in Secondhand-Kleidung, die zwischen Deutsch und Englisch wechseln, „als wäre Heimat nur eine Idee und kein Ort“. Für diese Welt borgte sie sich ein Begriffspaar des britischen Publizisten David Goodhart: die „Anywheres“, mobil, akademisch gebildet, überall zu Hause – und die „Somewheres“, verwurzelt an ihrem Herkunftsort, skeptisch gegenüber einem Fortschritt, von dem ihre Heimat zu selten profitiert.

Der Unterschied, so Zabel, sei am Ende ein materieller. Viele ihrer Kommilitonen würden erben – „nicht nur Häuser oder Vermögen, sondern auch ein Gefühl von Sicherheit“. Eine Sicherheit, die sie selbst nicht kennt. Wie groß dieser Graben wirklich ist, sei ihr erst bewusst geworden, als ihre Mutter staunte, sie könne mit ihrem Teilzeitgehalt theoretisch ihr Leben lang arbeiten und davon leben. Es entsprach etwa dem, was in Ostdeutschland für eine volle Stelle gezahlt werde. Bleibt die Frage, die Zabel in den Raum stellt: „Wer fängt mich auf, wenn meine Eltern es nicht können?“

Während sich die Anywheres fragten, was sie aus ihrem Leben machen wollten, fragten sich die Somewheres, wie sie es absichern könnten. Aufbauen statt absichern – für Zabel liegt genau hier der Kern der Zerrissenheit. Sie selbst verortet sich am Ende irgendwo dazwischen: als „eine Anywhere mit Heimweh, das nie ganz weggeht“.

Lesen Sie mehr zum Thema