Zum 85. Geburtstag: August-Wilhelm Scheer sieht das Saarland vor einer Richtungsentscheidung
Zum 85. Geburtstag August-Wilhelm Scheer sieht das Saarland vor einer Richtungsentscheidung
Saarbrücken · Mit 85 Jahren denkt August-Wilhelm Scheer nicht ans Aufhören, sondern an den nächsten Wandel. Im Interview spricht der Informatik-Pionier über die Zukunft der Saar-Wirtschaft, die Rolle von KI und Bildung und darüber, warum Politik und Verwaltung den Mut zu eigenen digitalen Lösungen brauchen.
24.07.2026 , 07:00 Uhr
August-Wilhelm Scheer blickt lieber nach vorne als zurück.
Foto: Christine Funk
Er gehört zu den prägenden Wissenschaftler- und Unternehmerpersönlichkeiten des Saarlandes – und denkt mit 85 Jahren weniger über das Erreichte nach, als über das, was noch kommen muss. August-Wilhelm Scheer, Informatik-Pionier, Gründer und Visionär, blickt im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung nicht zurück, sondern nach vorn. Und seine Diagnose ist klar: Das Saarland steht vor einer Richtungsentscheidung. „Ich sehe eigentlich lieber in die Zukunft“, sagt Scheer gleich zu Beginn des Gesprächs. Die Vergangenheit tauge höchstens als Lernmaterial. Was ihn umtreibt, sind die großen Umbrüche – zurzeit allen voran die Künstliche Intelligenz und ihre Folgen für Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft.
Zwischen Stahl und Start-up
Scheer beobachtet mit wachsender Skepsis, wie im Saarland die wirtschaftliche Zukunft gestaltet wird. Der Blick verharre oft in Extremen: auf einer Seite die traditionellen Industrien wie Stahl und Automobil, auf der anderen Seite die junge Start-up-Szene. „Dazwischen gibt es Unternehmen, die bereits bewiesen haben, dass sie in neuen Gebieten international erfolgreich sein können“, sagt er. Genau diese würden aber zu selten in den Mittelpunkt gestellt. So schmücke man sich bei Staatsbesuchen lieber mit Traditionsunternehmen der Old Economy.
Die Fixierung auf klassische Industrien hält Scheer für riskant. Nicht nur, weil sie schrumpften, sondern weil sie sich aufwendig verändern müssten. „Wenn man sieht, was gerade in der Automobilindustrie passiert, dann ist das ein massiver Umbau“, sagt er. „Wir versuchen, bestehende Strukturen teuer zu erhalten und laufen Gefahr, dauerhaft von Subventionen abhängig zu werden und neue Chancen zu verpassen.“
Gleichzeitig relativiert er den Hype um Start-ups. „Viele verschwinden schnell wieder vom Markt, weil sie keine Kunden finden“, sagt Scheer. Entscheidend sei daher etwas anderes: eine Innovationslandschaft, in der Forschung, Start-ups, Mittelstand und große Unternehmen in Clustern eng zusammenarbeiten.
Versäumte Chancen in der digitalen Wirtschaft
Besonders deutlich wird Scheer beim Blick auf die internationale Konkurrenz. Während Deutschland und Europa lange an klassischen Industrien festhielten, hätten die USA gezielt neue Sektoren aufgebaut. „Die größten Unternehmen der Welt in Wirtschaftsprüfung, Unternehmensberatung, Rechtsberatung und Digitalisierung – sie kommen alle aus den USA und beeinflussen unser wirtschaftliches Handeln“, sagt er. Diese Entwicklung setze sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz dramatisch fort und beeinflusse unser tägliches Leben.
Deutschland – und damit auch das Saarland – habe viele dieser Entwicklungen verpasst. „Diese neuen Industrien haben wir nicht genug aufgebaut“, sagt Scheer. Zwar gebe es starke Forschung, etwa in der Informatik. Doch zu selten sei es gelungen, daraus große, international erfolgreiche Unternehmen zu entwickeln.
Die unterschätzte Innovationskette
Ein zentraler Begriff in Scheers Denken ist die „Innovationskette“. Für ihn entscheidet sich Zukunftsfähigkeit nicht in einzelnen Projekten, sondern im Zusammenspiel aller Beteiligten. Forschung allein reiche nicht aus. „Was nützt es, wenn wir gute Forschung haben, aber keine Unternehmen, die die Ergebnisse aufnehmen?“, fragt er. Umgekehrt gelte das Gleiche: Unternehmen ohne vorhandene Forschungskompetenz verlören den Anschluss.
Seine Forderung: eine engere thematische und organisatorische Verzahnung von Universitäten, Start-ups, Mittelstand und etablierten Industrien in fachlichen und regionalen Clustern. Nur so entstehe nachhaltige Wertschöpfung im Land. Ansonsten drohe ein klassischer Effekt: Das Saarland finanziere Forschung, auch für ausländische Wissenschaftler – die wirtschaftlichen Erträge entstünden aber anderswo.
Bildung im Umbruch: Wissen allein reicht nicht mehr
Besonders weitreichend sind Scheers Überlegungen zur Zukunft der Bildung. Die klassische Wissensvermittlung hält er im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz für überholt. „Die Generierung von Wissen kostet nichts mehr“, sagt er. Inhalte sind jederzeit abrufbar. Entscheidend sei daher nicht mehr, was jemand weiß, sondern was er damit anfangen kann.
Sein Gegenentwurf: eine Ausbildung, die hochwertige Theorie und exzellente Praxis eng verbindet. An der von ihm mit der Universität des Saarlandes initiierten gemeinnützigen „School of Digital Sciences“ wird genau das erprobt – mit Doppelbesetzung in Lehrveranstaltungen: ein Dozent aus der Wissenschaft, einer aus der Praxis. Für Unternehmen wird praktische Erfahrung immer wichtiger. „Der Kunde bezahlt keine hohen Beratungssätze mehr für Absolventen, die lediglich über Wissen verfügen“, sagt Scheer. Gefragt sind Problemlösungskompetenz und Anwendungserfahrung.
KI als Produktivitätsschub – aber nicht für alle
Die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz bewertet Scheer differenziert. Viele Tätigkeiten, etwa im Marketing oder in der Programmierung, würden sich stark verändern. Gleichzeitig beobachtet er einen klaren Effekt: Hochqualifizierte profitieren besonders stark. „Sehr gute Mitarbeiter erzielen enorme Produktivitätsschübe“, sagt er. Weniger qualifizierte hingegen könnten die neuen Werkzeuge oft nicht in gleichem Maße nutzen oder stehen ihnen sogar ängstlich gegenüber. Das habe Konsequenzen für Arbeitsmarkt und Bildungssystem. Wer sich nicht entsprechend schule, falle zurück.
Deutlich äußert sich Scheer zur politischen Strategie im Saarland. Ihm fehlt eine klare Prioritätensetzung. Als Beispiel nennt er die Förderung traditioneller Industrien, etwa im Bereich Stahl. „Es geht sehr viel Geld hinein, ohne dass ich sehe, dass daraus ein wirklich fortschrittliches Saarland entsteht“, sagt er. Grundsätzlich kritisiert er auch eine Haltung, die stark auf externe Unterstützung setzt. „Ist es ein Zeichen von Stärke, wenn man immer darauf wartet, dass andere Institutionen Subventionen oder Förderungen geben?“, fragt er. Stattdessen fordert er mehr Mut zu eigenen Schwerpunkten – insbesondere in technologiegetriebenen Bereichen. Hier verweist er auf die High-Tech-Agenda der Bundesregierung mit den Bereichen Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie und klimaneutrale Energieerzeugung, wo das Saarland in der Forschung durchaus Kompetenzen ausweist, die nur darauf warten, um in einer Clusterstrategie wirksam umgesetzt zu werden.
Der Staat als Innovationsmotor
Ein oft unterschätzter Hebel ist für Scheer der Staat selbst. Er sieht in ihm nicht nur einen Regulator und Förderer, sondern einen zentralen Auftraggeber. Sein Vorbild: das Silicon Valley in den USA, das stark von staatlichen Aufträgen – insbesondere aus dem Verteidigungsbereich – profitiert habe. Durch derartige Aufträge werden gegenüber einer Forschungsförderung konkrete marktfähige Ergebnisse erzielt.
Auch im Saarland könnte der Staat Innovation gezielt fördern, indem er als erster Kunde auftritt, meint Scheer. „Wenn die Verwaltung neue Systeme braucht, warum nicht von regionalen Unternehmen entwickeln lassen?“, fragt Scheer. Derzeit greift man häufig auf bestehende Lösungen aus anderen Bundesländern zurück oder hat Rahmenverträge mit ausländischen Beratungsunternehmen abgeschlossen. Das sei bequem, zeige aber die Unfähigkeit oder fehlendes Vertrauen in die eigene Innovation des Landes.
Neue Chancen in der Verteidigungsindustrie
Ein Bereich, der lange tabu war, gewinnt aus Scheers Sicht an Bedeutung: die Verteidigungsindustrie. Durch geopolitische Veränderungen fließen zunehmend staatliche Mittel in diesen Sektor. Das eröffne auch für Forschung und Unternehmen im Saarland neue Möglichkeiten. Entscheidend sei, diese Chancen strategisch zu nutzen. Unternehmen wie Diehl Defence in Nonnweiler und KNDS in Freisen sind schon auf Expansionskurs.
Trotz verpasster Chancen bleibt Scheers Grundton optimistisch. Er verweist auf sein eigenes Unternehmensnetzwerk, das weiter wächst und international tätig ist. Sein Fazit: Das Saarland hat Potenzial – aber es muss konsequenter genutzt werden. „Man darf sich nicht mit dem zufriedengeben, was man hat“, sagt er. Die Zukunft entscheide sich nicht daran, wie gut man das Bestehende verwalte oder künstlich am Leben halte, sondern daran, wie mutig man Neues aufbaue – so, wie er es mit seinen Software- und Beratungsunternehmen mache. (lck)
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