Zum letzten Mal? Riccardo Muti dirigiert Verdis Requiem bei den Salzburger Festspielen
Stand: 15.08.2026, 19:18 Uhr
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Solche Solisten standen ihm selten zur Verfügung: Riccardo Muti dirigiert bei den Salzburger Festspielen das Verdi-Requiem. Eine singuläre Aufführung. Angeblich ist es sein Abschied vom Stück.
Es steht auf der Kippe. Ein Husten, mitten in den Pianissimo-Beginn hinein: Vor einigen Jahren hatte Riccardo Muti eine Münchner Aufführung des Werks mit unwirscher Handbewegung abgebrochen und neu begonnen. Im Großen Festspielhaus bleibt es beim vernichtenden Blick zur Seite. Das Salzburger Publikum kapiert sofort – wird halt weniger geatmet. Noch dazu, wenn Giuseppe Verdis Sachwalter auf Erden die Messa da Requiem aufführt. Jenes Opus, das Muti unzählige Mal dirigiert hat und das nun an einem besonderen Tag auf den Pulten der Wiener Philharmoniker liegt.
Der 15. August bedeutet bei den Festspielen nicht nur Maria Himmelfahrt. Es war einst der traditionelle Karajan-Konzerttermin. Am Tag des heiligen Herbert läuten also vor der Matinee die Glocken in Salzburg, überall wird zu Gottesdiensten gerufen, Muti dürfte den Schall auch auf sich bezogen haben. Am Ende der (langen) Aufführung die Gewissheit: Der darf das. Die berserkerhafte Intensität, die brennende Luft der früheren Interpretationen hat sich verzogen. Die Energie bleibt. Muti dirigiert das Verdi-Requiem nicht mehr als Folge von Ausrufezeichen, nun werden häufiger Punkte der Gewissheit gesetzt. Eine enorme Souveränität und Übersicht ist zu erleben, kein anderer, keine andere ist so tief ins Stück eingedrungen.
Transzendenz statt Muskelspiele
Zugleich ist da eine Transzendenz, eine Innigkeit, die früher bei Muti nicht zu spüren war. Nur vordergründig spiegelt sich das in den bedächtigen Tempi wider. Viele Stellen, etwa das „Te decet hymnus“, die einst martialisch tönten, wölben sich nun als kantable Bögen. Die Schreckensmomente des „Dies Irae“ sind nicht nur Muskelspiele, sondern mit Substanz geformt. Muti gestattet sich mehr Verbremsungen und Hervorhebungen, die Rubato-Lust ist gewachsen. Am eindrücklichsten im „Tuba mirum“, dessen Steigerungsdramaturgie inklusive der Ferntrompeten eine ungeheure, aber nie äußerliche Wirkung entfacht.
Das Requiem missrät trotz aller Kraft und Wucht bei Muti eben nicht zu „Verdis bester Oper“, wie es gern heißt. Dort, wo andere Ensembles plakativ flüstern, darf der Wiener Staatsopernchor den Gesangsgestus nicht aufgeben. Nicht alles glückt in der ersten der drei Aufführungen. Es gibt Straucheleinheiten und Irritationen. Muti muss mehr arbeiten als sonst. Einmal, in der Schlussfuge, bringt er, der gerade seinen 85. Geburtstag gefeiert hat, die Chor-Damen mit einem Podiumssprung auf Linie. Generalprobenstimmung macht sich in solchen Momenten breit. Was nicht so übel ist: Die Extra-Portion Adrenalin tut der Sache sogar gut.
Michael Spyres verblüfft
Nicht immer steht Muti ein solches Solo-Quartett zur Verfügung. Mezzosopranistin Marianne Crebassa durchmisst mit Hingabe den weiten Tonraum der Partie, singt mit herber, manchmal kantiger Dramatik. Bassist Maharran Huseynov ist gepflegter, zurückhaltender unterwegs. Iwona Sobotka ist der seltene Idealfall für dieses Opus: Ihr Sopran kann sich mühelos weiten. Das ist nie dramatisch forciert, die Extremhöhen schwingen auch in den gefürchteten Pianissimo-Stellen vollkommen frei. Und Michael Spyres unterstreicht, warum er in seinem vorangegangenen Salzburger Konzert als „Tenorissimo“ angekündigt wurde. Er nähert sich von der lyrischen Seite, räumt im „Ingemisco“, von allen Tenören gefürchtet, gerade nicht mit einer Opern-Arie ab. Enorm viele Nuancen gestatten sich er und Muti, doch alles ist aus dem Text empfunden und entwickelt. Dazu kommt eine singuläre Technik. Wo die Kollegen kurz atmen müssen, singt Spyres verblüffende, flexible Bögen. Angeblich soll es das gewesen sein: Muti will das Stück, so ist in Salzburg zu hören, nie mehr dirigieren. Gut möglich – manches ist ihm nie besser gelungen.